Für Nico Hülkenberg war der Singapur Grand Prix eine Berg- und Talfahrt inklusive Überstunden - mit einem letztlich durchwegs positiven Ausgang für den Audi-Piloten. Im Sprint sicherte er seinem Team mit Platz sieben wertvolle Punkte, nach dem Qualifying drohte ihm dann eine Strafe und im Rennen sammelte der Deutsche weitere WM-Zähler. Damit sorgte er im Alleingang für Audis bisher bestes Formel-1-Wochenende. Kein Wunder, dass sich nach dem Wochenende nicht nur Hülkenberg begeistert zeigte. Formel-1-Experte Christian Danner lobt den Emmericher in der neuesten Ausgabe des AvD-Motorsport-Magazins in den Himmel.
"Das, was er in Singapur gezeigt hat, war ein klassischer Hülkenberg. Einfach großartig. Das hat er sehr gut gemacht", freut sich Danner für den Deutschen. "Das, was mich aber eigentlich am meisten fasziniert hat, war, dass er sich am Ende gegen Russell durchsetzen konnte."
Hülkenbergs Kampfgeist beeindruckt Danner: Deshalb setzt Audi auf ihn
Der Marina Bay Street Circuit gilt aufgrund seiner engen Streckenführung durch Singapurs Straßen als überholfeindlicher Kurs, was Hülkenberg in diesem Fall aber zugutekam. Danner will Hülkenbergs Leistung dadurch jedoch keineswegs schmälern. "Russell hat ja doch ein paar ähnliche Kaliber, die einen ähnlichen Speed hatten wie Hülkenberg, durchaus überholt", unterstreicht er die starke Leistung des Audi-Pilot im Grand Prix. "Da hat sich der Nico schon gut zur Wehr gesetzt."
Diese Einschätzung des Formel-1-Experten wird durch die Aussagen von Audi-Teamchef Alan McNish gestützt. Dieser bestätigte nach dem Rennen, dass George Russell einen eindeutigen Pace-Vorteil gegenüber seinem Piloten hatte, Hülkenberg aber an entscheidenden Stellen schnell war und sich so den Angriffen des Mercedes-Piloten gut widersetzen konnte. Nach dieser Fahrt ist für Danner klar: "Das ist die richtige Fahrermentalität für ein Team wie Audi. Denn wenn du nicht einfach vorne wegfahren kannst, dann musst du kämpfen und darfst dich nicht so einfach geschlagen geben."
"Im Mittelfeld entwickelt man einen ganz besonderen Biss und diese Mentalität, die spürt man bei Hülkenberg mitschwingen", so der Formel-1-Experte weiter. "Das ist der Grund, warum solche Fahrer gerne unter Vertrag genommen werden."
Nicht nur auf der Strecke: Hülkenberg muss auch bei den Stewards kämpfen
Diesen besonderen Biss musste der Emmericher am vergangenen Wochenende jedoch nicht nur im Rennen auspacken. Denn am Samstag nach dem Qualifying hätte es beinahe eine saftige Strafe für Hülkenberg gegeben, wodurch er gleich zweimal bei den Stewards antanzte.
"Das ist das Normalste auf der Welt, dass, wenn ein Fahrer was dazu beitragen kann, dass es dem Team respektive auch seiner Position guttut, dass er dann auch hilft", so Danner. "Und der Sportdirektor von Audi Iñaki Rueda wird schon seinen Grund gehabt haben, warum er ihn [Hülkenberg] einpackt."
Für alle hier noch einmal die Ausgangslage: Hülkenberg stand am Ende von Q2 am Ausgang von Kurve 5 Carlos Sainz im Weg. Weil Sainz vom Gas gehen musste, schien die Situation eindeutig: Impeding! Oder doch nicht? Entscheidend war in diesem Fall der Zeitpunkt des Im-Weg-Stehens. Audi war der Auffassung, dass Sainz die Linie nach Ablauf der Zeit überquert hatte. Williams ebenso. Nur Sainz zweifelte daran. Ursache für die Verwirrung bei Teams und Fahrern war offenbar erneut ein Softwareproblem im Timing-System.
Audi und Williams setzen beide auf 'RaceWatch', eine weit verbreitete Software in der Formel 1, die mit der offiziellen Zeitnahme synchronisiert wird. Bei dieser Synchronisation trat in Singapur offenbar ein Problem auf. Bis dieses Problem aber festgestellt wurde, dauerte es über drei Stunden. Die finale Entscheidung, dass Hülkenberg straffrei bleibt, kam dann um 2:45 Uhr Ortszeit (20:45 Uhr MEZ).
Audi-Update auf dem Prüfstand! Danner vermisst den Durchbruch
Am Ende holte Hülkenberg also sechs Punkte für das Team und sorgte somit für das beste Audi-Wochenende in der noch jungen Formel-1-Geschichte des Teams. Nach dem enttäuschenden Aserbaidschan Grand Prix, zu dem das Team mit einem quasi rundum erneuerten Boliden anreiste, kam das Wochenende in Singapur genau zum richtigen Zeitpunkt. Zeigt das Update, bei dem gleich zwölf neue Teile ans Auto gebracht wurden, also nun doch seine Wirkung?
"Wie viel das Update wirklich gebracht hat und wo die Vorteile liegen, das sind natürlich Teaminterna, die ein Außenstehender nicht beurteilen kann", erklärt Danner. "Aber ein Mörder-Durchbruch war es sicherlich nicht. Denn was die Zeiten angeht, war es ein bisschen enttäuschend. Da hätte mehr passieren müssen."
Dennoch lässt sich Audi nicht unterkriegen. Die Stimmung im Team scheint weiterhin durchweg positiv zu sein, auch wenn das Update nicht den Riesensprung brachte, den man sich vielleicht erwartet hatte. "Die Weiterentwicklung ist ja auch gnadenlos", nimmt Danner die F1-Neueinsteiger etwas in Schutz. "Das ist etwas, was Audi noch lernen muss. Die Luft ist dünn in der Formel 1, aber man sieht, wie toll sich Audi wirklich engagiert und mit welch großem Engagement sie dabei sind."
2,5 Sekunden Rückstand: Formel-1-Experte bremst Audis WM-Träume
Einen raschen Aufstieg Audis in die Formel-1-Weltspitze hält Danner in naher Zukunft jedoch für unwahrscheinlich. Vor dem Einstieg in die Königsklasse spielte Audi mit dem Gedanken, in ein bis zwei Jahren um die Weltmeisterschaft mitzufahren. "Hätte ich das nicht selbst gehört, hätte ich es nicht geglaubt", meint Danner und führt seinen Gedanken weiter aus. "Das ist nicht ganz realistisch, denn Audi fährt im Quali im Schnitt 2,5 Sekunden langsamer als die Spitze. Da ist also noch ein ziemlich großer Abstand."
Um diesen zu schließen, bräuchte es noch einige Jahre. Für den Formel-1-Experten ließe sich der Wert des Teams aber auch an ganz vielen anderen Dingen messen. "Ich finde, Audi macht einen tollen Job, indem sie sich etablieren und Punkte abstauben", so der ehemalige Formel-1-Pilot. "Großes Kompliment also dafür."
Wo Danner jedoch noch Verbesserungspotenzial verortet, ist die Zuverlässigkeit. "Da gibt es ein nicht so großes Kompliment von mir, denn man braucht sich nur Gabriel Bortoleto in Singapur ansehen. Und auch was die reine Performance angeht, ist noch ein weiter Weg bis ganz nach oben."
Entscheidend sei laut dem Formel-1-Experten in dieser Phase jedoch, die Entwicklung kontinuierlich voranzutreiben. "Keine Panik machen, keine Leute rauswerfen oder irgend sowas, sondern langfristig planen", ist Danners Rat an Audi. "Die Formel 1 ist und bleibt die Formel 1 und es dauert halt auch, bis man ganz oben angelangt ist."



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