"Wir werden in Kurve eins die Autos tauschen", wurde George Russell sechs Runden vor dem Ende des Formel-1-Rennens in Zandvoort informiert. Kimi Antonelli hatte auf 0,8 Sekunden zu ihm aufgeschlossen, Lewis Hamilton war zwei Sekunden dahinter im Angriffsmodus. Russell hinterfragt die Anweisung zunächst, befolgt sie aber prompt und gibt nach dem Rennen zu, dass es im Rückblick richtig war. Dieser Meinung sind jedoch nicht alle: Die Motorsport-Magazin.com-Redakteure Christian Menath und Edda Holweg debattieren seine Entscheidung.
Der Klügere gibt nach – und ist nicht automatisch die Nummer 2
Ich bin im WM-Kampf eigentlich ein großer Verfechter davon, dass Fahrer das machen, was für sie am besten ist, und nicht das, was für das Team am besten ist. In diesem Fall war es aber das Beste für Russell, Antonelli vorbeizulassen – und unfair war es auch nicht.
Denn: Antonelli lag bis zum fragwürdigen Boxenstopp klar vor Russell. Das wusste der Brite auch, Platz drei ist ein leistungsgerechtes Ergebnis. Ohne die Option, dass die beiden Piloten problemlos Platz tauschen würden, hätte Mercedes Antonelli niemals zum letzten Stopp geholt. Und dann wäre Russell niemals vor ihm ins Ziel gefahren.
Deswegen hat dieser Platztausch für mich auch nicht den Nummer-Zwei-Status zementiert. Es war schlicht ein strategisches Spiel. Hätte sich Russell widersetzt, hätte er viel mehr verlieren als gewinnen können.
Hätte er die Anweisung ignoriert, hätte er genau damit seinen Nummer-Zwei-Status zementiert. Beim Team wäre es nicht besonders gut angekommen. Und genau dieses Team braucht Russell in der zweiten Saisonhälfte noch, will er eine Chance haben.
Die zweite große Gefahr lauerte von hinten: Bei einem teaminternen Zweikampf hätte Russell viel Zeit verlieren können. Am Ende wäre Antonelli mit den deutlich besseren Reifen höchstwahrscheinlich trotzdem vorbeigekommen. Man hat gesehen, wie eng es für Russell am Ende gegen Lewis Hamilton wurde. Im schlimmsten Fall hätte das teaminterne Duell dazu geführt, dass Russell auf Platz fünf noch hinter Charles Leclerc zurückgefallen wäre. Ein nicht ganz unrealistisches Szenario.
Im ersten Moment war ich als Racer enttäuscht darüber, dass Russell den Platz so schnell aufgegeben hat. Je mehr ich darüber nachdenke, desto klüger war es.
Nachgeben heißt aufgeben: Teamplayer werden selten Weltmeister
Ja, die Formel 1 ist zu einem gewissen Grad ein Teamsport. Aber die Fahrer-Weltmeisterschaft ist es nicht. Wenn Russell sich im Titelkampf nicht einem mittlerweile 20-Jährigen unterordnen möchte, muss er in der zweiten Saisonhälfte selbstsüchtiger werden.
Hätte Antonelli Russell auf dem Soft-Reifen früher oder später überholt? Der WM-Zweite hätte ihn zumindest dazu zwingen müssen, sich den Platz auf der Strecke zu holen. Ein teaminterner Kampf hätte ihn Zeit gekostet, ja, aber Antonelli auch. Damit wäre der Junior direkt in die Fänge von Lewis Hamilton gekommen, der seinerseits vom eigenen Teamkollegen verfolgt wurde.
Russell hatte als Einziger freie Fahrt, seine beiden Verfolger hätten auf dem überholfeindlichen Circuit Zandvoort in der Dirty Air kämpfen müssen. Möglicherweise hätte er so Platz zwei verteidigen und seinen WM-Rückstand zu Antonelli verringern können. Hätte Russell dadurch Positionen verloren, hätte er sich zumindest nicht mit dem Bauch nach oben hingelegt.
Im WM-Kampf geht es um jeden noch so kleinen Punkt. Russell konnte in Zandvoort keinen einzigen Zähler gutmachen. So wird das nichts mit der Weltmeisterschaft. Wer Weltmeister werden will, darf sich nicht wie eine Nummer zwei verhalten. Ein Max Verstappen hätte diese Teamorder nie befolgt. Auch ein Lewis Hamilton in seiner besten Zeit nicht. Wer dieser Anweisung sehr wohl gefolgt wäre: Rubens Barrichello und Valtteri Bottas.

Seine Loyalität wurde nicht einmal belohnt: Nachdem Russell sich brav fügte, lieferte ihn Mercedes den Ferrari-Wölfen aus. Antonelli bekam nicht einmal die Anweisung, Russell innerhalb einer Sekunde hinter sich zu halten, um ihm durch den Overtake-Mode einen Vorteil gegenüber Hamilton und Leclerc zu verschaffen. Er zog davon. Hätte die Rennleitung Russell mit einem virtuellen Safety Car am Schluss nicht gerettet, hätte er sich die Siegerehrung von unten ansehen müssen.
Auf wessen Seite seid ihr? Was hätte Russell eurer Meinung nach tun sollen? Verratet es uns in den Kommentaren!

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