Nicht zum ersten Mal in der jüngeren Vergangenheit schaffte es Ferrari in Zandvoort, gleich beide Formel-1-Fahrer im Rennverlauf komplett zu vergraulen. Ein paar schnippische Funksprüche später stellt sich die Frage: Was war eigentlich der Plan in diesem Rennen? Die Analyse und das Funk-Protokoll erklären den Fahrer-Frust und prüfen die Taktik.

Fakt ist, dass es eigentlich nicht sein sollte, dass Ferrari ohne Podium aus Zandvoort abreisen muss. Im Rennen kann der SF-26 sogar Argumente vorbringen, dass er das schnellste Auto gewesen war. Die Rundenzeiten-Vergleiche zeigen ein Auto, dass in freier Fahrt eigentlich immer zumindest schneller war als beide Mercedes. In freier Fahrt. Denn den Großteil des Rennens verbrachte es im Verkehr.

"Letztendlich haben wir das Rennen und ein besseres Ergebnis mit dem schlechten Qualifying gestern vergeben, da sollte unser Fokus liegen", unterstrich Charles Leclerc im Nachgang erst einmal. Über die Distanz war das Auto gut, aber im Qualifying-Trimm unfähig, die Reifen selbst mit einer zusätzlichen Vorbereitungsrunde ins Arbeitsfenster zu bekommen. Die daraus resultierenden Startplätze fünf und sechs legten den Grundstein für ein taktisch verworrenes Rennen voller Frust.

Soft-Start ändert absolut nichts an Ferraris schlechter Situation

Ferrari suchte also von Beginn an ambitioniert nach einem Weg, sich auf einer Strecke, auf der Überholen ein riesiges Pace-Delta verlangt, mit Alternativ-Strategien gegen McLaren und Mercedes zu positionieren. Das begann mit dem Start auf den Soft-Reifen. Auf dem Papier ein möglicher Geniestreich. Dank der starken Pace des Autos hatte Leclerc mit diesen im Sprint es nicht nur über die Distanz geschafft, sondern sogar Lando Norris am Ende überholen können.

Doch trotz zweier stehender Starts war es ein Nullsummenspiel. Nach dem Neustart infolge einer roten Flagge waren beide wieder auf P5 und P6, und in einem Albtraum gefangen. Mit viel mehr Pace steckten sie hinter Piastri und Russell fest. Mercedes stoppte unter dem Druck schon in Runde 17, Piastri folgte in Runde 18. Damit blieb den Ferrari-Strategen nur eine Alternative. Länger draußenbleiben.

Alle Boxenstopps bei der Formel 1 in Zandvoort
Alle Strategien bei der Formel 1 in Zandvoort, Foto: Pirelli Sport

Funk-Protokoll von Charles Leclerc: Wie ich euch vor dem Rennen gesagt habe!

Leclerc fuhr vier Runden länger als Russell, drei länger als Piastri, und bekam dann Medium. Sieben Runden brauchte er, um den strauchelnden McLaren einzuholen, aber auch sieben Runden, um ihn tatsächlich zu überholen. Erst einmal befreit, hatte er trotzdem noch Pace. Innerhalb von vier Runden holte er dreieinhalb Sekunden auf Russell raus und schloss zum Mercedes auf. Erneut reagierten dessen Strategen und holten ihn vorbeugend zum Stopp.

Bozzi:Mach das Gegenteil von Russell.
RUS stoppt
Bozzi:Hamilton 0,8 mit Overtake.
Bozzi:Box, Charles, Box.
LEC:Was meinst du, Box? Warum? Ich stoppe zwei Runden nach Russell!
LEC:Hallo?!
Bozzi:Ja, wir kommen auf dich zurück.
LEC bleibt draußen
Bozzi:Box, Charles, Box, für Hard. Plus zwei Klicks.
LEC:Box.

Mercedes hatte Ferraris einzige Undercut-Chance sofort verhindert. Leclerc erwartete nun also, erneut den Stint zu verlängern. Die ansatzlose Stopp-Order eine Runde später verwirrte ihn komplett. Er würde so hinter Russell rauskommen. Ohne Reifenvorteil. Auf einem Hard-Reifen, den er davor das ganze Wochenende hier noch nicht gefahren war. Damit wäre sein Rennen gelaufen, folgerte er. Die Box lieferte ihm keine Antwort auf seine Nachfrage, bloß eine erneute Stopp-Anweisung. Mit einer Runde Verspätung befolgte er diese.

LEC:Wie ist die Pace auf diesem Reifen? In Ordnung?
Bozzi:Deine Pace passt jetzt. Du bist jetzt schneller als Russell.
LEC:Verglichen mit Lewis! Er ist der Einzige mit Medium/Hard!
Ich denke, unser Auto ist beschissen auf Hard.
Genau, wie ich vor dem Rennen gesagt habe.
Bozzi:Verstanden. Russell 15,5

Leclercs aufgestauter Frust entlud sich ein paar Runden später in seiner letzten nennenswerten Funkmeldung des Rennens. Der Hard-Stint war mager angelaufen, mit ähnlichen Rundenzeiten wie Russell, und der Eindruck des gelaufenen Rennens verstärkte sich nur. Zwar wurde Leclerc dann schneller, aber relativ zu Russell gewann er nur eine halbe Sekunde pro Runde. Aufholen war damit möglich, Überholen mehr als fragwürdig.

Funk-Protokoll von Lewis Hamilton: Wo ist die Teamorder? Wo die Information?

Leclerc hatte in dem ganzen Ablauf unter anderem nach Hamiltons Hard-Pace gefragt. Denn Hamilton hatte seinen ersten Stint noch weiter in die Länge gezogen und war dort schon auf den Hard gegangen. Leclercs Vermutung, dass der Ferrari den Hard nicht mögen würde, scheint - ohne dass Leclerc das je mitgeteilt wurde - nicht korrekt. Er hatte in Runde 25 gewechselt, war ab da schnellster Mann und überholte Piastri nur eine Runde später als Leclerc. Dann steckte er mit den besseren Hard-Reifen plötzlich im Heck des Teamkollegen.

HAM:Ich bin schneller als Charles. Reifen sind besser.
Santi:Verstanden.
HAM:Lasst uns nicht uns gegenseitig aufhalten,
ein besseres Ergebnis verhindern.
HAM:Wir verlieren nur Zeit!
Leclerc stoppt.
HAM:Tolle Art, Zeit zu verlieren, Jungs. Tolle Arbeit.
Santi:28 Runden, noch ein langer Weg.
HAM:Was für Zeiten muss ich fahren?
Santi:Russell auf fast neuen Reifen fährt 15,4

Wie Leclerc ging Hamilton davon aus, den Stint weiter zu verlängern. Ohne dem Wissen, dass Leclerc aus strategischen Zweifeln vor ihm eine Stopp-Anweisung missachtet hatte, trieb ihn eine zwei Runden lange Blockade bereits an die Belastungsgrenze und kostete ihm gute zwei Sekunden. Dann fingen sich seine Zeiten wieder. Auf den alten Hard verlor er im Schnitt nur sechs Zehntel auf Russell. Dann wurde er von dem um den Sieg kämpfenden Duo Kimi Antonelli und Lando Norris auf neuen Reifen eingeholt.

Santi:Wir denken an Alternativen.
Würden auf neue Medium gehen.
HAM:Der sah bei Charles nicht gut aus.
Ist er langsamer?
Santi:Wir sind uns unsicher.
HAM:Aber ihr habt die Daten!
Findet es raus. Bitte.
HAM:Dieser Reifen fühlt sich solide an.
Santi:Verstanden.
HAM:Was ist die Lage, Jungs?
NOR überholt.
HAM:Nutzt ihr mich als Versuchskaninchen?
Oder was zur … was ist los?
HAM:Wie lange lässt ihr mich draußen?
Virtuelles Safety Car
HAM:Ja, also … Information wäre gut.
Santi:Lewis, wir stoppen auf Soft.
HAM:Wie viele Runden?
Santi:18 Runden. Lass mich wegen Flap wissen.
HAM:Ja, das braucht mindestens zwei Klicks.
Santi:Verstanden.

Die von Hamilton verlangten und von Carlo Santi nicht gegebenen Informationen fehlen nicht - das ist das vollständige Funkprotokoll aus den letzten Runden bis zum Virtuellen Safety Car, bei dem Hamilton in Runde 55 endlich zum zweiten Stopp für einen Schluss-Sprint auf Soft geholt wurde. Ferrari ließ beide Fahrer in der zweiten Rennhälfte komplett im Dunkeln, was die strategischen Absichten anging.

Was genau hat Ferrari damit also bezweckt?

Das Rennen rein aus der Fahrerperspektive zu betrachten macht es offensichtlich, warum beide am Ende - als sie nach dem VSC auch auf neuen Soft noch einmal bis ins Ziel hinter Russell feststeckten und nur P4 und P5 schaffen konnten - richtig frustriert aus dem Auto stiegen. Leclerc hatte seinen Daumen in der Auslaufrunde mehrfach über dem Funkknopf, besann sich aber eines Besseren und sagte lieber gar nichts. Hamilton forderte nach dem Rennen Gespräche und zog Vergleiche zur souverän umgesetzten Mercedes-Teamorder zwischen Antonelli und Russell.

Was genau war jetzt wirklich der Plan? Wer hier jetzt auf klare Aussagen hofft, wird enttäuscht. Alles in der zweiten Rennhälfte mutet bei näherer Betrachtung von Rennumständen und Daten weiterhin seltsam an. Warum holte man Leclerc direkt nach Russell an die Box? Darauf gibt es keine klare Antwort. Der grundsätzliche Ferrari-Pace-Vorteil reichte ohne Reifendelta nicht für ein Überholmanöver.

Das demonstrierte Hamilton, als er in den letzten Runden mit neueren Soft um sogar neun Zehntel pro Runde zu Russell aufschloss. Hamiltons einzige Chance wurde von einem erneuten VSC zunichte gemacht. Wenn sich der Ferrari mit neun Zehnteln Vorteil schon schwertat, dann war es utopisch, dass Leclerc mit fünf Zehnteln an Russell vorbeigekommen wäre. Nur als Referenz: Lando Norris exekutierte das Überholmanöver für den Sieg gegen Kimi Antonelli mit 1,5 Sekunden Pace-Vorteil. Und das war in Norris' Augen schon hart an der Grenze.

Mercedes-Teamorder kostet Russell Punkte! Hamilton schimpft: Warum kann Ferrari das nicht? (10:00 Min.)

Warum splittete Ferrari die Strategie so - und nicht anders?

Warum ließ man schließlich Hamilton draußen? Einstopp-Poker, rechtfertigte Teamchef Fred Vasseur später. Wäre der wenigstens gegen Russell aufgegangen? Nur unter der Annahme, dass Hamiltons Pace-Einbruch vor dem ersten Virtuellen Safety Car nur dem Verteidigen gegen Norris und Antonelli geschuldet wäre. Aber da begann sich schon abzuzeichnen, dass Russell die letzten Runden wohl jenseits von einer Sekunde schneller können würde.

Das Fehlen der Kommunikation scheint mit dem Fehlen eines offensichtlichen Plans in Verbindung zu stehen. "Der Unterschied zwischen den drei Reifenmischungen war heute sehr marginal, und es war schwierig, ein klares strategisches Bild zu haben", sagt Vasseur nach dem Rennen. "Manchmal musst du die Strategie ändern, weil wir auch versuchen, von anderen zu lernen. Für sie ist es dann etwas frustrierend."

Den Fahrern wollte man diese Überlegungen live nicht im für alle offenen Teamfunk mitteilen: "Weil wir es nicht vor den Gegnern diskutieren wollten." Warum sprach man am Ende keine Teamorder aus, um beide draußenzulassen, Leclerc einen späteren Stopp mit Reifen-Offset zu geben, Hamilton den Einstopp-Poker, und damit beide Optionen abzudecken? Von hinten drohte von Oscar Piastri keine große Gefahr, gegen ihn hatte man zu dem Zeitpunkt 10 Sekunden Puffer. Das sind Fragen, die nur die Ferrari-Strategen beantworten können.