Ein Schritt nach vorne, zwei zurück. Nach diesem Prinzip scheint es im Moment bei Red Bull zu laufen. Kanada sind in diesem Fall wieder die Rückschritte, nachdem es zunächst mit den Updates in Miami nach vorne gegangen war. Doch in Montreal ist Red Bull wieder aus der Spitzengruppe verschwunden und im Niemandsland zwischen den Topteams und dem Mittelfeld angekommen.

Nachdem am Freitag noch ein latentes Hüpfen des Autos als Ursache für das schwache Abschneiden genannt wurde, verzweifelte Max Verstappen am Samstag an zwei anderen Problemen, nämlich am mangelnden Grip der Reifen und an einem Mangel an Topspeed. Ersteres könnte eine direkte Folge des Bouncings sein, beziehungsweise der damit zusammenhängenden Setup-Gegenoffensive.

Max Verstappen vermisst Power: "Was ist mit dem Topspeed los?"

"Wir drehen uns einfach im Kreis. Wir verbessern etwa unser Fahrverhalten auf den Bodenwellen und den Kerbs und dann verlieren wir Downforce am Auto", so Verstappen nach dem Qualifying. In diesem war der vierfache Formel-1-Weltmeister mit etwas über drei Zehntelsekunden Rückstand auf die sechste Position gefahren.

Eine signifikante Steigerung zum Sprint-Qualifying einen Tag zuvor, als der Rückstand noch mehr als eine halbe Sekunde betragen und Verstappen P7 eingebracht hatte. Isack Hadjar bestätigte, dass das Team vor dem Qualifying weitgehende und "extreme" Änderungen vorgenommen hatte, um dem Hüpfen den Garaus zu machen. Logisch wäre in diesem Fall auch, dass man die Fahrzeughöhe angehoben hat, was Abtrieb kostet.

Der Fortschritt zum Freitag schmälerte den Ärger von Verstappen während des Qualifyings allerdings keineswegs. Der Niederländer schimpfte am Funk: "Was ist mit dem Speed auf der Geraden los? Er ist komplett …" Das abschließende Wort wurde von der Bildregie mit einem Piepton überdeckt. Man darf sich also ausmalen, welche Formulierung er verwendete.

Verstappen-Topspeed ähnlich wie im Sprint-Qualifying

Aus den Daten lässt sich der Powermangel allerdings nicht bestätigen. Das Speed-Profil auf der Geraden entsprach im Qualifying in etwa jenem aus dem Sprint-Qualifying vom Freitag und auch die Topspeed-Werte unterschieden sich nur marginal. Auch optisch ließ sich kein Unterschied zwischen dem Heckflügel ausmachen, den Verstappen im Sprint verwendete und jenem aus der Qualifikation.

Das zweite Problem, das Verstappen im Qualifying ereilte, war, dass er die Vorderreifen nicht wie gewünscht auf Temperatur bringen konnte. Ein bekanntes Kriterium auf dem Circuit Gilles Villeneuve, der vorwiegend aus kurzen Kurven besteht und aufgrund der Traktionsphasen die Hinterreifen zum limitierenden Faktor macht.

Der dreifache Montreal-Sieger glaubt, dass das an einem allgemeinen Charakteristikum seines Autos liegt. "Diese Strecke ist sehr uneben, bietet sehr wenig Grip und es ist schwierig, die Reifen zum Arbeiten zu bringen", zählte Verstappen auf. Das sind alles Punkte, die auf das Miami Autodrome nicht zutreffen, wo der Red Bull RB22 vor drei Wochen noch deutlich besser bei der Musik dabei war. "Das Auto ist wahrscheinlich sehr gut auf glatten Strecken, auf holprigen Strecken noch nicht so."

Pünktlich zum letzten Qualifying-Abschnitt ließen diese Problemstellen etwas nach. Warum, kann sich Verstappen nicht erklären: "Plötzlich auf der letzten Runde, ich habe keine Ahnung, woher das kam." Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies lieferte im Interview bei SkyF1 einen Erklärungsansatz.

"Es war schwierig die Reifen ins Temperaturfenster zu bekommen. So sehr sogar, dass wir anfingen, Vorbereitungsrunden im Qualifying zu fahren. Bei Isack hat das ziemlich okay funktioniert, es funktioniert aber bei Max nicht so, wie wir wollten. Auf seinem letzten Versuch gingen wir zurück auf eine Push-Cool-Push", erklärte Mekies das Vorgehen.

Isack Hadjar ärgert sich über Q3 – und schlägt Verstappen trotzdem fast

So konnte die gesetzte Nummer 1 der Bullen seinen Teamkollegen doch noch im direkten Vergleich besiegen, nachdem zuvor Hadjar deutlich bessere Zeiten abspulen konnte und in Q2 sogar die Bestzeit setzte.

Der Franzose hatte ein gänzlich anderes Bild von der Performance seines Formel-1-Autos als sein Teamkollege. Hadjar betonte die positiven Fortschritte im Vergleich zur Freitags-Performance des RB22 und nahm nur sich selbst in die Kritik: "Ich habe es mit meinen Fehlern schwierig gemacht. Ich bin nicht sehr glücklich damit, wie ich in Q3 aufgetreten bin."

"Es waren ausschließlich meine Fehler, weil ich es ein bisschen überfahren habe. Einfach keine saubere Runde", geißelte er sich. Dabei bezieht er sich auf eine Reihe von Lenkkorrekturen auf seinem entscheidenden Umlauf. Zuvor hatte er seinen ersten Versuch mit einem starken Quersteher in Kurve 9 hergeschenkt.

Dass Hadjar sich aber trotz dieses seiner Ansicht nach misslungenen Q3s sich nur wenige Hundertstelsekunden hinter Verstappen einreihen musste, spricht für seine Pace in Kanada. Ein Befreiungsschlag nach einem verkorksten Wochenende in Miami: "Ich fühlte mich viel besser im Auto, ich wurde nicht in jeder Kurve zerstört."