"Ein Kindheitstraum, unglaublich! Ich muss mich selbst kneifen, um zu glauben, was hier los ist!" Der selten um markige Worte verlegene Nicki Thiim brauchte eine ganze Weile, um seinen Coup am Norisring zu realisieren. Beim vierten von acht Rennwochenenden der DTM-Saison 2026 gelang dem Aston-Martin-Werksfahrer Historisches: Doppel-Pole, Doppel-Sieg, maximale Punkteausbeute.
Dieses Kunststück war in der GT3-Ära der DTM seit 2021 zuvor nur Manthey-Porsche-Ass Thomas Preining gelungen, der 2023 nach seinem perfekten Wochenende beim Hockenheim-Saisonfinale zum Titelgewinn fuhr. Wiederholt sich jetzt die Geschichte? "Wir haben erst Halbzeit und es kann so viel passieren in dieser tollen Serie", versuchte Thiim etwas auf die Euphoriebremse zu treten. "Wir müssen hier die Besten schlagen, das wird hart."
Doppel-Wumms am Norisring: Thiim ist DTM-Halbzeitmeister
Dass der 37-Jährige mit seinem Norisring-Coup gleichzeitig und erstmals die Führung in der Tabelle übernommen hat, bedeutete ihm aber doch eine ganze Menge. Nicht nur, weil es der erste DTM-Sieg für einen Aston Martin war. Thiim, der dank seinem Vater und Meister von 1986, Kurt Thiim, mit der DTM aufgewachsen ist, erinnerte sich korrekt: "Mein Vater ist ein Hero! 1992 war das letzte Mal, dass ein Thiim die DTM angeführt hat. Allein das sagen zu können, ist schon etwas Großes für mich."
Dass Thiim nach dem fulminanten Sieg am Samstag vor Maro Engel (Winward-Mercedes) am kurzzeitig verregneten Sonntag noch einmal auf seiner Lieblingsstrecke die Pole holen und im anschließenden Rennen triumphieren würde, war nicht absehbar. Zum einen musste er 20 Kilo Erfolgsballast an Bord seines Aston Martin Vantage GT3 Evo mitschleppen, zum anderen wurden die britischen Sportwagen über Nacht durch die BoP um 15 Kilo eingebremst.
Der Erfolgsballast wird erst zum Rennen eingeladen und Thiims Pole Position im Sonntags-Qualifying zeigte trotz des BoP-Dämpfers, wie performant der Aston Martin von Beginn an unterwegs war. Da auch der schnelle Ford Mustang GT3 Evo des zweitplatzierten Super-Rookie Finn Wiebelhaus (HRT-Ford) 10 Kilo BoP-Ballast aufgebrummt bekam, verringerte sich das Gewichts-Delta zum Aston Martin zumindest ein wenig.
Thiim: "Das hier ist der Ort, wo man die 20 Kilo haben will"
"Das hier ist der Ort, wo man die 20 Kilo haben will", erklärte Thiim. "Ansonsten ist es mit dem Gewicht unmöglich, die anderen Jungs hinter dir zu halten. Der Ford ist ein Biest auf den Geraden und gegen Finn habe ich alles gegeben. Seine Bremsen wurden irgendwann heiß und das war meine einzige Hoffnung, ihn in Schach zu halten." Tatsächlich wird das Hinterherfahren speziell am Norisring zum Nachteil, weil die GT3-Autos schnell zu überhitzen drohen. Und Überholmanöver aus der 'Dirty Air' heraus scheinen mit den Evo-Varianten auch immer schwieriger zu werden.

Was Thiim auf dem Weg zum Sieg ebenfalls in die Karten spielte: Während seine beiden Boxenstopps (6.801 Sekunden und 7.353 Sekunden) ordentlich waren, verlor Rivale Wiebelhaus (8.532 Sekunden und 9.791 Sekunden) in Folge eines kurzfristig nötig gewordenen Personalwechsels bei der HRT-Boxencrew mehr Zeit bei den Reifenwechseln. Da brachten auch die zwei Undercut-Versuche früh und spät im Rennen keinen entscheidenden Vorteil.
Bedeutet: Thiims 'Doppel-Wumms' war das Ergebnis einer nahezu perfekten Teamleistung von Comtoyou Racing. Dem belgischen Privatteam ist in seiner erst zweiten DTM-Saison ein deutlicher Fortschritt gelungen, nachdem 2025 noch so einiges schiefging. Das zeigte auch Thiims Pflicht-Boxenstopp im Samstagsrennen: Seine Crew benötigte nur 5.871 Sekunden für den Räderwechsel - der mit Abstand schnellste Boxenstopp des Wochenendes.
Thiim und Schuhbauer: Eine siegreiche Kombination
Am Aufstieg des noch DTM-unerfahrenen Teams hat sicherlich Mario Schuhbauer seinen Anteil, der im Winter als neuer Projektleiter für die DTM und das ADAC GT Masters angeheuert hat. Der gebürtige Sauerländer und Thiim kannten sich bereits: Als der Däne 2024 seinen ersten DTM-Sieg - ebenfalls auf dem Norisring - erzielte, gelang ihm das in einem Lamborghini Huracan von SSR Performance, wo Schuhbauer als junger Teamchef die Fäden zog und mit Mirko Bortolotti den Titel gewann.
"Nicki ist ein sehr guter Fahrer und hat großen Anteil am Erfolg des Teams", sagte Schuhbauer am Norisring zu Motorsport-Magazin.com. "Er hat einen neuen Renningenieur bekommen und es dauerte natürlich eine Weile, bis die beiden aufeinander eingespielt waren. Sie tauschen sich sehr eng miteinander aus. Ein großes Lob gebührt ebenso dem gesamten Team: Wir haben bisher noch keine einzige Strafe wegen eines Ablauffehlers kassiert, und das kann in der DTM sehr schnell passieren."

Hat Nicki Thiim Chancen auf den DTM-Titelgewinn?
Thiim, der 2024 das 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps und dieses Jahr den GT-World-Challenge-Lauf in Paul Ricard mit Comtoyou Racing gewann, ergänzte: "Es geht darum, die Dinge zusammenzubringen. Ich habe Erfahrung auf den deutschen Rennstrecken und kenne die DTM ein bisschen. Den Aston Martin kennen wir als Team. Dieses Wissen zusammenzufügen, hat uns nach vorne gebracht. Es ist für das Team aber erst die zweite DTM-Saison. Es werden noch Rennen kommen, wo sie letztes Jahr einige Probleme hatten. Jetzt wollen wir aber erst mal den Moment genießen, zur Halbzeit die Meisterschaft anzuführen."
Thiim schloss sieben der bisherigen acht Saisonrennen in den Top-10 ab, fuhr ebenso häufig in die Top-10 der Startaufstellung (inkl. 3 Pole Positions) und blickt auf drei Podestplätze inklusive der beiden Norisring-Siege zurück.
Mit dem nächsten Event in Oschersleben sowie später mit dem Sachsenring warten allerdings noch zwei Rennstrecken im DTM-Kalender, auf denen sich der Aston Martin Vantage eher schwertun sollte. Hier könnte jeder Punkt besonders wertvoll sein, wenn Thiim in die DTM-Fußstapfen seines meisterlichen Herrn Papa treten will.
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