Das erste Sprint-Qualifying-Segment bei der Formel 1 in Miami war vorbei. Liam Lawson war auf P17 ausgeschieden, und trotzdem stieg der Neuseeländer nochmal in seinen Racing Bull. Nicht grundlos, wie sich herausstellen sollte, denn sein Team rechnete damit, dass sein Arbeitstag alles andere als vorbei sein würde.

"Wir warteten, um zu hören, ob ein anderes Auto disqualifiziert werden würde, deshalb war er vorbereitet für den Fall, dass er wieder rausfahren konnte", erklärte das Team diesen Vorgang. 'Disqualifikation' ist in diesem Fall zwar das falsche Vokabular, aber es ist klar, worauf diese Erklärung abzielt: Ein potenzielles Track-Limit-Vergehen eines Konkurrenten, das die Racing Bulls ausfindig gemacht hatten - und das vollkommen zu Recht, wie sich herausstellte.

Alex Albon verstößt gegen die Streckenlimits und kann trotzdem weitermachen

Der Bösewicht war Alex Albon. Der Williams-Pilot hatte auf seiner entscheidenden Runde in der schnellen Kurve 6 seine Linie ein bisschen zu eng gewählt und kam dadurch in der Linkskurve innen kurz mit allen vier Rädern neben den Kurs. Mit dieser Runde hatte er sich auf P16 verbessert und damit Liam Lawson im letzten Moment noch aus dem SQ2-Feld geworfen.

Doch die Stewards schwiegen zu diesem Vergehen, und so konnte Albon im zweiten Sprint-Qualifying-Segment noch ausrücken. Erst nach dem Qualifying leiteten sie eine Untersuchung ein, und zwei Stunden nach dem Zwischenfall nahm man ihm schließlich seine Rundenzeit ab. Anstelle von Startplatz 14, auf den er sich in SQ2 verbessert hatte, geht der Thailänder also morgen in Miami von P19 in den Sprint.

Pechvogel Lawson: "Kann nicht verstehen, wie so etwas möglich ist"

Der große Pechvogel in dieser Affäre ist natürlich Lawson, der damit um eine sportlich verdiente SQ2-Teilnahme gebracht wurde. "Ich weiß, dass Alex einen Track-Limit-Verstoß begangen hat, aber sie haben es zu spät realisiert, als er schon auf die Strecke gegangen war", war sich Lawson seiner Sache noch vor der Urteilsfindung sicher. "Ich kann nicht verstehen, wie so etwas möglich ist", kreidete der aktuell WM-Zehnte dieses Versäumnis an.

Die Stewards teilten in ihrer Strafverlautbarung nur die Tatsachen mit: "Wagen #23 hat eindeutig die Streckenlimits in Kurve 6 verletzt. Allerdings wurde das nicht an die Stewards gemeldet, bevor SQ2 begonnen hatte." Im Reglement ist ein derartiger Vorfall nicht im Detail geregelt, weshalb die Stewards von einem Paragraphen im internationalen Sportkodex der FIA Gebrauch machten, welcher sie als höchste Instanz ausweist.

Eine Theorie, warum Albons Vergehen erst zu spät bemerkt wurde, ist die für ein Tracklimit-Vergehen eher unübliche Stelle. In der Regel befinden sich entsprechende Risikostellen außen am Kurvenausgang, wo jeder Zentimeter einen weiteren Radius bedeutet, und damit eine höhere Geschwindigkeit ermöglicht. Fahrer können mit leichten Lenkradkorrekturen sehr schnell rausrutschen. Innen sind Vergehen eher unüblich.

Dass ein Fahrer im Qualifying weiterkommt, und erst danach eine relevante Rundenzeit aus einem vorigen Segment gestrichen wird, ist übrigens nicht zum ersten Mal vorgekommen. Einen ähnlichen Fall gab es auch schon 2022 beim Qualifying zum Österreich-GP, als Sergio Perez sich trotz eines Track-Limit-Vergehens auf der ausschlaggebenden Runde für Q3 qualifizierte, da dieses erst zu spät auffiel. Im Vorjahr wurde Nico Hülkenberg in Bahrain zu spät erwischt. Der Pechvogel, der wegen ihm damals Q2 verpasste? Alex Albon. Da schließt sich der Kreis.

Die Pole Position sicherte sich in Miami etwas überraschend kein Mercedes, sondern Lando Norris. Alle Details im Bericht: