Die Formel 1 eilt derzeit von Rekord zu Rekord – nicht auf, sondern neben der Strecke. Global boomt der Sport, Zuschauerrekorde werden im Wochentakt vermeldet, das Geld sprudelt nur so. Nur in Deutschland mag der Boom nicht so recht ankommen: Ein GP ist weiterhin nicht in Sicht, das Interesse im Mutterland des Automobils an der Königsklasse hält sich in Grenzen.
Angesichts des weltweiten Erfolgs stellt sich die Frage, ob Deutschland überhaupt noch wichtig für die Formel 1 ist. "Der deutsche Markt ist sehr wichtig. Das habe ich von Anfang an gesagt. Wir haben viele Partner und Hersteller", stellt F1-Boss Stefano Domenicali im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com klar, das komplett in der neuen Printausgabe zu lesen ist.
Auch Domenicali ist der Deutschland-Trend nicht entgangen: "Aber es stimmt, dass wir in den letzten Jahrzehnten einen Wandel erlebt haben: Von einer der beliebtesten Sportarten zu etwas, das von vielen Interessengruppen nicht mehr beachtet wird."
Interesse an einem Deutschland GP hat die Formel 1 weiterhin, aber nicht um jeden Preis. "Das Gute daran ist, dass wir nicht verzweifelt sind, weil wir so viele Anfragen aus aller Welt haben. Und wenn der deutsche Markt die Rückkehr der Formel 1 nach Deutschland nicht als Priorität ansieht, müssen wir das akzeptieren und nach vorne schauen", meint der Italiener knallhart.
Formel 1 verdient Geld mit VIP-Gästen
Dabei geht es ihm nicht (nur) um die Antrittsgebühr. Um die Formel 1 anzulocken, bedarf es einer mittleren zweistelligen Millionensumme. "Es ist kein Problem von Millionen", so Domenicali. "Es ist nicht wirklich nur ein Problem des Geldes. Es ist die Tatsache, dass die derzeitige Infrastruktur in Deutschland viel Investition benötigt, wenn sie auf den Stand von heute gebracht werden soll."
Mit dem Hockenheimring und dem Nürburgring gibt es zwar zwei Rennstrecken, die den höchsten FIA-Standard erfüllen und Formel-1-Rennen austragen dürften, aber der Kommerzielle Rechteinhaber hat inzwischen einen zusätzlichen Standard für sich definiert: Es geht um die Attraktivität für Stars und Sternchen und für besonders gut betuchte Gäste.

"Wir haben Fans, die Stehplätze wollen und wir haben Fans auf der Business-Ebene. Hier in Abu Dhabi haben wir zum Beispiel mehr als 10.000 Paddock-Club-Gäste, die einen recht interessanten Preis für das Ticket bezahlen", erklärt der F1-Boss. Bei Preisen von 10.000 Euro und mehr pro Paddock-Club-Ticket ergeben sich so Summen im dreistelligen Millionen-Bereich. Da sind ein paar Millionen bei der Antrittsgebühr nicht mehr ganz so wichtig.
Die Rennstrecken in der Großen Kreisstadt Hockenheim und der Eifel haben da schon einen Standort-Nachteil gegenüber Abu Dhabi, Las Vegas, Singapur, Miami und Co. Dazu kommen vor allem auf dem Hockenheimring Boxengebäude und Fahrerlager, die im internationalen Vergleich hinterherhinken.
Neue Investoren in Hockenheim machen F1-Boss Hoffnung
Ganz abgeschrieben hat Domenicali Deutschland aber noch nicht: "Wir sind bereit und offen für jede Art von Gesprächen. Ich sehe ein paar Anzeichen für einen Silberstreif am Horizont. Das wird sich hoffentlich in den nächsten Monaten weiterentwickeln."
Schon vor ein paar Monaten hatte Domenicali angedeutet, dass neue Besitzverhältnisse am Hockenheimring eine Chance sein könnten. Im Juni wurde der Deal zwischen der Stadt Hockenheim und einer Investorengruppe notariell beglaubigt. Seither hält die emodrom Gruppe drei Viertel am Hockenheimring.
Ob die Investoren aber in Formel-1-Dimensionen denken, ist fraglich, wie auch Christian Danner meint: "Ich habe die Umbauten in Ungarn gesehen. Ich kenne die geplanten Maßnahmen in Monza, neue Boxen und Gebäude. In Hockenheim entspricht die Anlage nicht dem Standard eines modernen Grand Prix." Dazu kommen die hohen Antrittsgebühren. Deshalb glaubt der Experte nicht an ein schnelles Comeback: "Es ist schlicht Wunschdenken, da die Zahlen gigantisch sind."
Ein wenig desillusioniert klingt auch Domenicali: "Wenn der deutsche Markt immer Probleme damit hat, über Motorsport zu sprechen, müssen wir das akzeptieren, ohne zu jammern. Wir sind nicht hier, um verzweifelt zu sein. Wir glauben, dass die Formel 1 eine unglaublich interessante Plattform für Wirtschaft, Sport, Technologie und Begeisterung ist."
RTL kauft Sky: Formel 1 in Deutschland jetzt im Free-TV? Eher nicht...
Im Fernsehen sieht es hingegen besser aus. Rechteinhaber Sky sublizensierte 2025 immerhin sieben Rennen an RTL , die im Free-TV zu sehen waren. Weil RTL den Bezahlsender Sky kauft, steigen die Chancen auf mehr Rennen kostenlos im Fernsehen. Ob das schon 2026 sein wird, ist unklar, der Deal muss erst von den Behörden genehmigt werden.
Eine vollständige Rückkehr ins Free-TV hält Domenicali aber so und so für unrealistisch: "Ich glaube nicht, dass das die Lösung ist. Wir müssen abwarten und sehen, wie sich die Situation nach dem Compliance-Prozess von RTL, die dann unsere Rechte besitzen, entwickelt, um zu sehen, was die beste Plattform ist. Aber die Zukunft wird digital sein. Nicht kurzfristig auf dem deutschen Markt, aber wir müssen auf jeden Fall mit RTL das richtige Paket schnüren, um attraktiv zu sein."
Denn auch wenn RTL die Formel-1-Rechte dann hält, ist unwahrscheinlich, dass alle Rennen linear im Free-TV laufen. RTL geht es beim Sky-Kauf auch darum, den Bezahl-Kundenstamm auszubauen. Somit wird der Kölner Privatsender in Deutschland zu einem großen Player unter den globalen Streaming-Riesen.
Übrigens: Wer das Interview nicht nur selbst lesen will, sondern vielleicht noch ein perfektes Last-Minute-Weihnachtsgeschenk sucht: Unsere Print-Ausgabe könnt ihr als Jahres-Abo verschenken!



diese Formel 1 Nachricht