In Baku verlor Lando Norris zum zweiten Mal in Folge wertvolle Zeit an der Box. Über vier Sekunden wartete er auf frische Reifen, in Monza noch länger. Das waren aber weder die schlimmsten noch die besten Boxenstopps, die es in Formel 1 gegeben hat. Motorsport-Magazin.com blickt zurück auf fünf Reifenwechsel, die sich einprägten.

Formel 1 Boxenstopp erklärt: 22 Leute, 1,8 Sekunden, 1 Ziel! (14:42 Min.)

China 2019, Mercedes: (Fast) Perfektes Doppel

Beide Fahrer direkt hintereinander an die Box zu holen, ist ein Risiko, das Teams nicht oft eingehen. Vor allem nicht, wenn ihre Piloten auf Platz eins und zwei fahren. Doch Mercedes wagte beim Großen Preis von China 2019 den Sprung. In Runde 36 wurden sowohl Lewis Hamilton als auch Valtteri Bottas zum Reifenwechsel zitiert. "Lasst mich nur keine Zeit verlieren", warnte Bottas am Funk.

Mit nur fünf Sekunden zwischen ihm und Hamiltons W10 durfte sich das Team keinen Fehler erlauben. Die Exekution war fast perfekt: Hamiltons linker Hinterreifen steckte leicht, doch Bottas konnte beinahe nahtlos hinter seinem Teamkollegen abgefertigt werden. Als Wiedergutmachung für die Verzögerung wechselte das Team seine Reifen um 0,2 Sekunden schneller. Die Risikostrategie wurde mit einem Doppelsieg belohnt.

Kanada 2007, Super Aguri: Wie bestellt und nicht abgeholt

Der Große Preis von Kanada 2007 ist in der Formel-1-Welt für Lewis Hamiltons Debütsieg und Robert Kubicas Horror-Crash bekannt. Doch nicht nur diese zwei Ereignisse des Rennens sollten in Erinnerung bleiben, sondern auch ein Boxenstopp von Super Aguri blieb in den Köpfen hängen. Anthony Davidson beschädigte seinen Frontflügel, als er eines der vielen Murmeltiere erwischte, die den Circuit Gilles Villeneuve ihr Zuhause nennen.

Er kam direkt an die Box – zur großen Überraschung seiner Crew. Davidson hatte das Team nicht informiert und stand einsam und allein vor seiner Garage. Die Mechaniker bemerkten ihn erst nach gut 20 Sekunden. Fast eine Minute war vergangen, bevor Davidson weiterfuhr, nur um kurze Zeit später wieder mit einem Murmeltier zu kollidieren. Der verschlafene Reifenwechsel galt damals als einer der schlechtesten Boxenstopps in der Geschichte der Königsklasse.

Monaco 2021, Mercedes: Kleine Mutter, lange Farce

Ein guter Reifenwechsel in der Formel 1 dauert nicht länger als 2,5 Sekunden – davon war Valtteri Bottas' Boxenstopp beim Monaco Grand Prix 2021 weit entfernt. Der Finne befand sich auf Podiumskurs, als ihn Mercedes in Runde 30 an die Box holte. Dann passierte das Desaster: Während drei Mechaniker ihre Arbeit bereits erledigt hatten, bewegte sich der rechte Vorderreifen keinen Millimeter. Eine Radmutter hatte sich rundgedreht und steckte fest.

Bottas musste das Rennen beenden, der Soft-Pneu konnte erst zwei Tage später entfernt werden. Der Reifenwechsel dauerte insgesamt 43 Stunden und 15 Minuten, Mercedes ist unangefochtener Halter des Negativ-Rekords. Der längste Boxenstopp, bei dem der Fahrer auch wieder am Rennen teilnahm, ist Red Bull zuzuschreiben. Beim Japan Grand Prix 2023 wurde Sergio Perez' RB19 nach einer Kollision für 43 Minuten an der Box repariert und musste für eine Runde hinausfahren, um eine Strafe abzusitzen.

Katar 203, McLaren: Weltrekord mit extra Gewicht

Beim Großen Preis von Katar 2023 verewigte sich McLaren in den Rekordbüchern des Motorsports. In Runde 27 kam Lando Norris an die Box für neue Medium-Reifen. In kompletter Synchronisation performte das Team den schnellsten Reifenwechsel der Formel-1-Geschichte. Sensationelle 1,80 Sekunden stand der MCL60 mit der Nummer 4 in der Luft. Damit unterbot die Mannschaft aus Woking den 2019 von Red Bull aufgestellten Rekord um zwei Tausendstelsekunden.

Eine wahre Meisterleistung, denn eigentlich glaubte niemand, dass die legendäre 1,82er-Marke je fallen würde. Seit 2022 werden in der Königklasse 18-Zoll-Felgen eingesetzt, die um gut 1,5 Kilogramm schwerer als die davor eingesetzten 13-Zoll-Felgen sind. Lando Norris beendete das Rennen – von Platz zehn gestartet – auf dem Podium. Der Rekord war 2023 die endgültige Bestätigung für McLarens Performance-Aufschwung.

Deutschland, 1994: Flammenmeer in der Boxengasse

Es war Jos Verstappens erster Reifenwechsel beim Großen Preis von Deutschland 1994. Was eine Routine-Aufgabe für die Benetton-Mannschaft sein sollte, entwickelte sich schnell zu einer Lehrstunde über die Gefahren des damals üblichen Nachtankens. Ein Mechaniker hatte Probleme beim Anschließen des Tankschlauchs und setzte noch einmal an, doch da floss das Benzin bereits. Im Bruchteil einer Sekunde spritzten ungefähr drei Liter des Treibstoffs über die Boxencrew, Verstappen und das noch heiße Auto.

Zwei Sekunden später stand alles in Flammen. Mechaniker rannten mit brennendem Overall durch die Boxengasse. Verstappen hatte beim Stopp sein Visier etwas geöffnet und atmete den schwarzen Rauch ein. Dank der Handfeuerlöscher, die jeder Mechaniker damals eingesteckt hatte, konnte der Brand innerhalb von drei Sekunden gelöscht werden und niemand wurde schwer verletzt. Seit 2010 ist Nachtanken in der Formel 1 verboten.

Dieser Artikel stammt aus der 105. Printausgabe des Motorsport-Magazins. Wer mehr exklusive Interviews und Hintergrundgeschichten wie diese lesen möchte, der kann sich hier ein Abo holen.