Das Formel-1-Rennen in Katar galt als strategisch relativ einfach. Pirelli hatte eine maximale Anzahl von 25 Runden pro Reifensatz vorgegeben, das schränkte die Optionen aller Teams stark ein. Dennoch lag McLaren am Sonntag mit der Taktik komplett daneben und verschätzte sich ausgerechnet eben im Zusammenhang mit dieser Vorgabe massiv.
Das Resultat war für das tonangebende Team, dass man den Sieg nicht nur verspielte, sondern das auch noch ausgerechnet an Max Verstappen, den einzigen noch verbleibenden Titelkonkurrenten von Lando Norris und Oscar Piastri. Dadurch macht sich die Mannschaft aus Woking das Leben im Finalrennen der Formel-1-Saison selbst schwer. Doch wie kam die Fehlkalkulation?
Alle anderen stoppen: McLaren schätzt die Konkurrenz falsch ein
Zunächst einmal zur Ausgangssituation. In Runde 7 wurde ein Safety Car ausgerufen, nachdem es zu einer Kollision zwischen Nico Hülkenberg und Pierre Gasly gekommen war, der Sauber-Pilot in der Auslaufzone von Turn 1 stand und nicht mehr weiterfahren konnte. Das war exakt die kritische Runde für die Rennstrategie. Das Rennen ging schließlich über 57 Runden. Bei maximal 25 Umläufen pro Reifensatz war das also exakt der frühestmögliche Moment für einen Boxenstopp, um anschließend das Rennen mit nur einem weiteren Reifenwechsel durchzubekommen. Unter dem Safety Car kommt ein Reifenwechsel bekanntermaßen günstig.
Also eine offensichtliche Entscheidung für einen Stopp? Genau hier beging McLaren einen Denkfehler. Die Strategie-Abteilung aus Woking ging nicht davon aus, dass alle anderen Fahrer an die Box kommen würden, wie Teamchef Andrea Stella erklärte. "Wir wollen nach dem Boxenstopp nicht in den Verkehr geraten", sagte er. Piastri lag vor dem Safety Car auf P1, Norris hinter Verstappen auf P3. Diese Track Position wollte man nicht herschenken.
Überholmanöver sind in Katar äußerst schwierig zu bewerkstelligen, erst recht da man aufgrund des nicht vorhanden beziehungsweise leicht negativen Reifenverschleißes kein Reifendelta erwarten konnte. Eine längere Fahrt hinter einem Mittelfeld- oder Nachzügler-Auto hätte viel Zeit gekostet, erst recht, wenn gleich mehrere Fahrer draußen geblieben wären.
Eine Sorge, die sich als vollkommen unbegründet erwies. Denn schließlich zeigte sich, dass alle anderen das Rennen ihrerseits rückwärts kalkulierten und zum Entschluss kamen, dass ein sofortiger Boxenstopp die richtige Variante ist. Esteban Ocon war der einzige Fahrer, der nicht in Runde 7 stoppte. Haas korrigierte das allerdings einen Umlauf später.
McLaren-Fahrer erkennen Fehler - Norris: Wir hätten reinfahren sollen, oder?
So kam der Rest des Feldes zu einem Boxenstopp beinahe zum Nulltarif, der McLaren nicht mehr einbrachte als den Sprung von P3 auf P2 für Norris. Bezahlt mit einem kompletten Zusatz-Stopp. In Katar macht der etwa 25 bis 26 Sekunden aus. Ein klares Minusgeschäft.
Die Fahrer erkannten das, als sie während der Safety-Car-Phase über die Ausgangssituation informiert wurden. Norris zweifelte in einem Funkspruch an seinen Renningenieur Will Joseph: "Wir hätten ihnen [Verstappen] einfach reinfolgen sollen, oder?"
Es gab auch noch eine zweite Überlegung im McLaren-Camp, die ihrer Ansicht nach gegen einen Boxenstopp sprach. Das war die strategische Freiheit für den restlichen Rennverlauf. "Sie haben ihre gesamte Flexibilität für den weiteren Rennverlaufe verloren", beruhigte Jospeh seinen Fahrer. Denn durch einen Stopp in Runde 7 zwangen sich alle anderen Teams zu einem Reifenwechsel in Runde 32. Eine andere Variante mit nur einem weiteren Stopp war im Rahmen der Regeln nicht möglich.
"Wir wollten ausreichen Flexibilität im Rennen haben, im Falle eines weiteren Safety Cars, was sich sehr gut ausgezahlt hätte", sagte Stella gegenüber F1TV. Diese erhoffte Renn-Neutralisierung kam allerdings nicht.
Double-Stack schlecht für Norris - Kamen die Papaya-Regeln ins Spiel?
Der dritte Faktor, der gegen einen Boxenstopp sprach, war der Abstand zwischen den beiden Autos. Norris lag lediglich 4,5 Sekunden hinter Piastri. Es wäre also notwendig gewesen, beide Autos nacheinander zu stoppen. Ein sogenannter Double-Stack. Der Abstand hätte in der Theorie zwar knapp für einen Reifenwechsel ausgereicht, aber das ist wirklich nur blanke Theorie. In der Realität lässt es sich nicht vermeiden, dass in so einem Fall für den zweiten Fahrer etwas Zeit draufgeht, und damit möglicherweise weitere Positionen.
"Das war auf jeden Fall eine zusätzliche Überlegung", gab Stella zu, wehrte jedoch ab: "Es war aber nicht der Hauptgrund, warum wir beide Autos nicht gestoppt haben." Dieser war eben der befürchtete Verkehr gewesen. Nachdem McLaren mit dem Rücken zur Wand stand, half sprichwörtlich nur noch die Flucht nach vorne: Piastri und Norris hatten auf P1 und P2 immerhin bis Runde 25 freie Fahrt und wussten, dass sie diese nach Runde 32 erneut bekommen würden.
Genügend Luft also, um mit dem schnellsten Autos des Wochenendes eine gewisse Lücke herauszufahren. Dabei kam ihnen noch etwas Glück zur Hilfe, denn Fernando Alonso im Aston Martin lag auf P6, konnte in der Rennpace nicht mit den Vorderleuten mitgehen und zog einen DRS-Zug schnellerer Piloten hinter sich her. Im Durchschnitt war er etwa eineinhalb Sekunden langsamer als die McLarens. Dadurch ging eine ausreichende Lücke auf, damit Piastri und Norris nach dem ersten Stopp immerhin auf P4 beziehungsweise P5 herauskamen. Sonst hätte die Situation noch schlechter für Team Papaya ausgehen können.
Nur Verstappen erwies sich mit einer guten Rennpace als uneinholbar, gegen alle anderen - inklusive Carlos Sainz und Andrea Kimi Antonelli – fuhr Piastri den Boxenstopp wieder herein. Norris konnte diesem Beispiel nicht folgen. Er war ohnehin langsamer und fürchtete nach einem Quersteher auf dem Kerb, dass er möglicherweise einen Schaden am Unterboden hatte. Ob das der Fall war, ist nicht bekannt. Er brauchte bis zur letzten Runde, ehe ein Fehler von Antonelli zur Hilfe kam und ihm damit kampflos P4 überlassen wurde.
Allen Erklärungen über ihrer Strategie zum Trotz wollte sich Teamchef Stella nach dem Rennen nicht auf die Umstände herausreden, sondern sprach klar und selbstkritisch von einem Fehler. Dessen Ursache will man noch genauer intern analysieren: "Wir müssen einige Faktoren einschätzen. Etwa, ob wir einer gewissen Voreingenommenheit in unserer Denkweise aufgesessen sind." Noch ein weiterer Team-Fehler könnte fatal sein. Denn Verstappen ist vor dem letzten Rennen der Formel-1-Saison bis auf zwölf Punkte an Norris herangekommen.
So sieht der WM-Stand nach dem Katar-Rennen aus:



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