Lando Norris kann sich heute in Katar erstmals in seiner Formel-1-Karriere die WM-Krone aufsetzen. Dafür muss er 'nur' einen einzigen Platz gutmachen, nämlich jenen gegen seinen McLaren-Teamkollegen Oscar Piastri. Für die Beiden gelten dieselben Regeln wie in der gesamten Saison, wie Teamchef Andrea Stella am Samstag betonte. Spezielle Papaya-Rules für die Titelentscheidung? Fehlanzeige.
Piastri vs. Norris: Entscheidet sich das Katar-Rennen schon am Start?
Also nach wie vor ist freies Fahren erlaubt. Doch wie viel sollte und wird Norris riskieren? Bei einem Sieg winkt ihm der sofortige Gewinn der Weltmeisterschaft, doch auch nach einem zweiten Platz wären die Aussichten im Titelkampf für Abu Dhabi überaus komfortabel. Piastri auf der anderen Seite ist sich bewusst, dass er sich vor allem auf den ersten Metern keinen Fehltritt erlauben kann. "Der Start wird das Wichtigste, das muss ich hinkriegen", betonte er, "mit sauberer Luft hast du einen riesigen Vorteil."
Erst recht, da in Katar nicht nur Überholmanöver schwierig sind, sondern auch ein Limit von 25 Runden pro Reifensatz gilt. De-facto gilt mit dieser Regel bei 57 Rennrunden also eine verpflichtende 2-Stopp-Strategie, was den strategischen Variantenreichtum stark einschränkt. Auch Norris ließ durchklingen, dass er nach der Startphase nicht mehr viel Action erwartet: "Die ersten paar Runden sind immer Möglichkeiten für alle. Doch danach denke ich, dass es ziemlich unkompliziert für alle wird."
Der Weg zu Kurve 1 ist also die beste Chance, um den WM-Titel doch noch heute einzufahren. Doch der Tabellenführer muss vorsichtig sein, denn die womöglich größere Gefahr für seine Titelhoffnungen lauert in Reihe 2.
Max Verstappen mit dem Rücken zur Wand
Zumindest in Kurve 1 muss Norris auf der Hut vor dem Red-Bull-Fahrer sein. Verstappen hat im Gegensatz zu dem Briten nichts zu verlieren und der Start könnte aller Voraussicht nach die einzige Gelegenheit für den Niederländer sein, um sich aus eigener Kraft noch im Titelkampf zu halten, denn für das restliche Rennen wirken die Aussichten nicht nur aus seiner Perspektive eher müßig.
Der Hauptgrund für die gedämpften Aussichten von Verstappen auf das Rennen ist die Kombination aus der Startaufstellung und die bisherige McLaren-Pace an diesem Wochenende. Einerseits Piastri und Norris auf 1 und 2, andererseits aber vor allem die überlegenen Vorstellungen im Sprint und im Qualifying. In beiden Sessions wirkte der MCL39 beinahe unantastbar.
Vor allem der Sprint beeindruckte Verstappen. "Die letzten Runden von Oscar im Sprint… Ich müsste eine Kurve abschneiden, um diese zu fahren", staunte der Niederländer. Zu der Verteidigung seines Boliden muss dazugesagt werden, dass Verstappen früh im Sprint versucht hatte, Druck auf Norris auszuüben und dabei die Reifen möglicherweise etwas beleidigt hat, denn später musste er abreißen lassen. Außerdem hat Red Bull das Setup des Autos an mehreren Stellschrauben umgestellt. Das hüpfende Känguru des Freitags wurde gezähmt, auch wenn man dem Untersteuern nicht komplett den Garaus machen konnte.
Der zweite Punkt, warum Max Verstappen nach Kurve 1 eigentlich kaum mehr etwas selbst in der Hand hat, ist die Strecke selbst. Der Lusail International Circuit mag mit seinen schnellen Kurven und den hohen g-Kräften herausfordernd und spaßig für die Fahrer sein, für gutes Racing ist er nicht bekannt. Das gilt wie schon erwähnt nicht nur für Norris gegen Piastri, sondern vor allem eben auch für Verstappen. Es gibt praktisch nur eine Überholstelle auf der Strecke und das ist Start-Ziel und darauffolgend Kurve 1. Danach geht das Kurvengeschlängel los, in dem nahes Hinterherfahren Gift für die Reifen ist.
Im Laufe des Wochenendes forderten einige Fahrer eine Verlängerung der DRS-Geraden, diesem Anliegen wurde allerdings nicht stattgegeben. Katar bietet also einen Mix, der an guten Tagen schon kein Rezept für viele Überholmanöver ist, aber dann kommen noch die viel diskutierten Reifenlimits ins Spiel.
Das ist Punkt 3. Strategisch bedeuten die Rundenlimits, dass es nicht viel Spielraum gibt. Das macht Positionsgewinne im Laufe des Formel-1-Rennens umso schwieriger. Ohne Reifendelta herrscht praktisch Überholverbot. Einen ersten Vorgeschmack darauf bekamen wir im Sprint geliefert, als die wenigen Positionsverschiebungen aus Fahrfehlern resultierten.
Nur 25 Runden pro Stint: Pirelli-Reifenlimits verhindern Strategien
Auch 2025 ist es so, dass die Reifen performance-technisch fast nicht nachgeben, sondern im Gegenteil über einen Stint mit abnehmendem Gummi teilweise sogar noch schneller werden. Pirelli ist deshalb davon überzeugt, dass man mit dem Rundenlimit die richtige Entscheidung getroffen hat: "Wir sahen [nach dem Sprint], dass der Abbau am linken Vorderreifen sehr hoch war. Wir hatten einige Reifen, die waren vollständig abgenutzt", stellte Pirellis F1-Chef Mario Isola fest.
Komplett gebannt ist die Gefahr von Reifenschäden aber nicht. Und zwar aus einem gänzlich anderen Grund. Denn in Katar befinden sich offenbar zumindest an einigen Stellen sehr spitze Steinchen in den Kiesbetten. Diese sorgten am bisherigen Wochenende mehrmals für sichtbare Schnitte in den Reifen und können vor allem dann zur Gefahr werden, wenn sie von einem Fahrer auf die Strecke geschleudert werden. Notfalls drohen sogar Safety Cars oder Rennunterbrechungen, um das Kies vom Kurs zu bringen. Eine potenzielle Chance für Verstappen, aber keine auf die er sich verlassen kann.
Strategisch geht Pirelli davon aus, dass die schnellste Variante zwei Stints auf dem Medium sind und dann der letzte Rennabschnitt auf den Soft-Reifen. Die zweitschnellste Strategie besteht aus einem Rennen mit allen drei Reifensätze, während ein Rennen mit zwei Medium- und einem Hard-Stint langsamer ist, aber mehr Flexibilität erlaubt.
Doch die Pirelli-Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen und in Katar gilt das umso mehr, da die Volatilität zwischen den verschiedenen 2-Stopp-Varianten relativ gering ist. Vieles wird wohl schlicht und ergreifend von der Verkehrssituation abhängig sein. Prinzipiell geht man davon aus, dass der Medium die bevorzugte Reifenwahl für den Startstint ist. Red Bull könnte das zur Überlegung bringen, mit den Startreifen auf Risiko zu gehen und auf Hard oder Soft zu starten, um sich offset gegen die Papaya-Fahrer zu positionieren.
George Russell spricht im WM-Kampf kein Wort mit. Aber er hat eine Theorie, wie sich die Top-3 strategisch aufstellen könnten.



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