Die Formel-1-Strategen stehen in Katar einmal vor einer ganz anderen Herausforderung. Weil jeder Reifensatz maximal für nur 25 Runden verwendet werden darf, wird schon am Freitag nach dem Training und dem Sprint-Qualifying klar: Das ist ein (auch mathematisch) kompliziertes Wochenende. Motorsport-Magazin.com liefert vor dem Sprint einen ersten Taktik-Check zu den Auswirkungen des Reifen-Limits.

Vorab gilt es kurz festzuhalten, dass das Formel-1-Reglement für jedes Wochenende strikt vorschreibt, wie viele Reifensätze jeder Fahrer bekommt. An einem Sprint-Wochenende sind das insgesamt zwölf Sätze. Zweimal Hard, viermal Medium und sechsmal Soft. Damit ein Training, ein Sprint-Qualifying, einen Sprint, ein Qualifying und ein Rennen zu managen ist schon knapp. Aber mit dem 25-Runden-Limit wird es noch knapper.

Das Limit schließt nämlich die absolute Laufleistung mit ein. Sprich: Ein Reifen, mit dem man am Freitag im Sprint-Qualifying schon 5 Runden fuhr, der darf zwar am Samstag oder Sonntag erneut verwendet werden - aber nur mehr für 20 Runden. So begannen die F1-Strategen am Freitag schon mit dem Rundenzählen. Statt ein optimales Sprint-Qualifying zu fahren.

So sparten die Formel-1-Teams im Sprint-Qualifying mit den Reifen

Der optimale Reifen für einen 25-Runden-Stint im Rennen dürfte nämlich der Medium sein. Davon gehen die Teams aus, aber hier kommen die Sprint-Regeln ins Spiel. Nicht nur, dass man nur insgesamt vier Sätze Medium hat - einen davon muss man in SQ1 fahren, und einen davon muss man in SQ2 fahren.

Der Plan der meisten Teams kristallisierte sich am Freitag daher wie folgt heraus. Man stellte sicher, dass man mit entweder dem SQ1- oder dem SQ2-Medium maximal 6 Runden fuhr. Der Sprint hat nämlich 19 Runden. Formations- und Auslaufrunden zählen nicht zum Limit. Damit kann man einen der gebrauchten Freitags-Medium am Samstag im Sprint verheizen. Und hat danach immer noch zwei neue Medium für das eigentliche Rennen.

Fahrer H-1 H-2 M-1 M-2 M-3 M4 S-1 S-2 S-3 S-4 S-5 S-6
NORRIS / NEU 7 5 NEU NEU 9 6 NEU NEU NEU NEU
PIASTRI / NEU 7 5 NEU NEU 9 6 NEU NEU NEU NEU
LECLERC / NEU 8 6 NEU NEU 8 5 NEU NEU NEU NEU
HAMILTON / NEU 8 NEU NEU NEU 7 NEU NEU NEU NEU NEU
VERSTAPPEN / NEU 8 6 NEU NEU 6 5 NEU NEU NEU NEU
TSUNODA / NEU 8 6 NEU NEU 7 5 NEU NEU NEU NEU
RUSSELL / NEU 6 7 NEU NEU 8 6 NEU NEU NEU NEU
ANTONELLI / NEU 6 6 NEU NEU 8 5 NEU NEU NEU NEU
STROLL / NEU 7 NEU NEU NEU 10 NEU NEU NEU NEU NEU
ALONSO / NEU 6 6 NEU NEU 6 5 NEU NEU NEU NEU
GASLY / NEU 8 NEU NEU NEU 5 NEU NEU NEU NEU NEU
COLAPINTO / NEU 8 NEU NEU NEU 6 NEU NEU NEU NEU NEU
OCON 20 NEU 8 6 NEU NEU / NEU NEU NEU NEU NEU
BEARMAN 16 NEU 8 6 NEU NEU / NEU NEU NEU NEU NEU
HADJAR / NEU 8 6 NEU NEU 6 NEU NEU NEU NEU NEU
LAWSON / NEU 6 NEU NEU NEU 8 NEU NEU NEU NEU NEU
ALBON / NEU 8 6 NEU NEU 5 5 NEU NEU NEU NEU
SAINZ / NEU 8 6 NEU NEU 6 5 NEU NEU NEU NEU
HÜLKENBERG / NEU 8 6 NEU NEU 5 NEU NEU NEU NEU NEU
BORTOLETO / NEU 7 6 NEU NEU 7 NEU NEU NEU NEU NEU

Alle noch vorhandenen Reifen in Katar. Die Ziffern sind die bereits auf dem Reifensatz gefahrenen Runden. "/" sind Reifensätze, welche der Fahrer bereits nicht mehr verwenden darf.

"Dann musst du darüber nachdenken, wie du deinen Fahrplan anpasst", bestätigt Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin, dass dadurch sich der Fokus im Sprint-Qualifying verschob. Nicht nur: Wie bekomme ich das Maximum aus den Reifen? Sondern: Wie bekomme ich innerhalb von 6 Runden das Maximum aus meinen Reifen?

"Du kannst keine Vorbereitungsrunden fahren, das beeinflusst deine restlichen Versuche", so Shovlin. Letztendlich sparten sich alle Teams, die es in SQ2 schafften, mindestens einen Reifensatz für den Sprint auf. Mercedes tat es in SQ1, der Rest tat es in SQ2. McLaren hat die "besten" Reifen, schaffte es mit nur 5 Runden pro Fahrer durch SQ2.

Wird die Renn-Strategie in Katar morgen ein Einheitsbrei?

Für den Sprint scheint die Marschrichtung da also recht klar: Einen der gebrauchten Medium verheizen. Im anschließenden Qualifying wird jeder dann wohl alle seiner verbleibenden Soft-Reifen hernehmen. Und dann scheint die Renn-Rechnung plötzlich wie befürchtet recht einfach. Denn jeder hat dann de facto die gleichen neuen Reifensätze noch in der Garage liegen.

57 Runden bei 25 Runden maximaler Stintlänge bedeutet ganz einfach gerechnet 25 plus 25 plus 7. Da sich der Hard am Freitag als schon fast überraschend gut herausstellte und jeder noch einen neuen Hard-Reifen in der Garage hat, scheint ein Medium-Hard-Medium-Herdenlauf für Sonntag schon vorgezeichnet.

Wichtig ist hier: Das Problem, wegen dem in Katar die maximale Stintlänge eingeführt wurde, ist eine sich zu schnell abnutzende Lauffläche, wodurch der Reifen zu schnell anfällig für Schäden wird. Das ist aber kein Performance-Problem. "Der Abbau ging gegen null", bestätigt Pirelli-Chefingenieur Simone Berra am Freitag. Tatsächlich ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Reifen werden kurioserweise oft sogar schneller, je dünner die Lauffläche wird. Deshalb wäre das Rennen an sich eigentlich eine klare Ein-Stopp-Angelegenheit.

Graining droht aber besonders auf dem weichen Reifen. Weil der Asphalt so glatt ist, und bei sehr hohen Kurvengeschwindigkeiten, verformt sich der Reifen mehr, je weicher die Mischung ist, und diese Verformung könnte auf dem Soft dann Probleme auf der Oberfläche machen. Daher erscheint es wenig attraktiv, im Qualifying bereits angefahrene Soft zu verwenden.

"Es ist recht offen, aber ich denke, wir könnten wohl in einer für alle recht ähnlichen Situation landen", schätzt Berra. "Besonders an der Spitze, wo sie sich alle nur gegenseitig abdecken werden." Er tippt auf drei ähnlich lange Stints mit Medium und Hard, will aber eine Soft-Medium-Medium-Strategie nicht ausschließen. Schließlich muss man nur sieben Runden auf dem Soft schaffen. Dann kann man mit Medium-Medium fertigfahren.