McLaren zittert fünf Rennen vor dem Ende der Formel-1-Saison um den lange sicher geglaubten Titel in der Fahrer-WM, nachdem Max Verstappen in Windeseile den Rückstand auf Lando Norris und Oscar Piastri dezimiert hat. Die bereits gekrönten Konstrukteurs-Champions stellten schon im Sommer die Entwicklung ihres aktuellen Boliden ein und verlagerten ihre Ressourcen vollständig auf das nächstjährige Auto. Ganz im Gegenteil zu Red Bull, die noch in Mexiko ein Unterboden-Update gebracht hatten.
Ein Fehler, der McLaren nun die WM kosten wird? Teamchef Andrea Stella widerspricht dieser Betrachtungsweise und führt ins Feld, dass man den Zeitpunkt des Entwicklungsumstiegs nicht bereut, denn weitere Performance-Zugewinnen wären alles andere als garantiert gewesen und wenn überhaupt minimal ausgefallen: "Aus aerodynamischer Sicht war unser Auto schon ziemlich ausgereift. Es dauert für uns Wochen, um nur einen Punkt an Aerodynamik-[Downforce] dazuzugewinnen. Wir waren auf einem Plateau in unserer aerodynamischen Entwicklung", sagt Stella.
Trotz WM-Gefahr: McLaren bereut Entwicklungsstopp nicht
Die letzten nennenswerten Upgrades, die nicht nur eine streckenspezifische Anpassungen beinhalteten, brachte McLaren beim Österreich- und dem Großbritannien-GP an die Strecke. Laut Stella bestanden sogar damals Zweifel, ob der relativ geringe Performance-Gewinn, der sich dadurch abzeichnete, überhaupt eine Implementierung dieser Änderungen rechtfertigte. "Die Upgrades, die wir zur Mitte der Saison brachten, waren ein großes Unterfangen. Denn wir hatten Probleme damit, dieses bereits fortgeschrittene Projekt zu verbessern", so Stella.
Bei Red Bull war die Ausgangslage hingegen eine gänzlich andere, da der RB21 noch akute Problemstellen bot. So funktionierte das Auto bis zur Sommerpause nur in einem sehr schmalen Fenster und entwickelte mit viel Heckflügel Balance-Probleme. Das waren konkrete Schwachstellen, die Red Bull angreifen konnte, während McLaren für den Großteil des Jahres über das ausgeglichenste Paket verfügte.
"Es ist viel einfacher zu entwickeln, wenn man spezifische Probleme hat", sagte Stella. Seit dem Formel-1-Rennen in Monza scheint das Basisproblem am RB21 endgültig gelöst zu sein und Max Verstappen wusste diese Lösung gleich mit unfreiwilliger Schützenhilfe von McLaren in eine WM-Attacke umzumünzen. Ob diese Erfolg hat, werden die nächsten eineinhalb Monate zeigen.
McLaren schaut auf 2026; Warum Red Bull nicht? Stella hat eine Vermutung
Für McLaren war das Risiko früher die Entwicklung einzustellen, ein notwendiges Übel, wie Stella behauptete. Denn anstatt sich auf die derzeitige WM-Chance zu versteifen, will er die zukünftige Regelgeneration nicht gefährden. "Das 2026er-Projekt wäre stark kompromittiert gewesen. Wir wollen in Zukunft Weltmeisterschaften gewinnen, und dazu benötigen wir ein konkurrenzfähiges Auto."
"Beim Auto für 2026 gewinnen wir jede Woche ziemlich viel Abtrieb dazu", relativiert Stella. McLaren muss bei der aerodynamischen Entwicklung besonders haushalten. Denn als Führender der Konstrukteurs-WM Anfang Juli haben sie 2025 am wenigsten CFD-Zeit und Windkanal-Runs aller Teams zur Verfügung. So darf Team Woking beispielsweise nur 224 Runs im Windkanal abspulen, Red Bull 272.
Stella vermutet, dass die derzeitige Spätentwicklung im Verstappen-Team an sich eine Warnung an alle Red-Bull-Fans sein sollte. "Möglicherweise sind sie eher bereit, etwas mehr der 2026er-Entwicklung aufzugeben, da sie einige andere Probleme für 2026 haben könnten", schob Stella den schwarzen Peter nach Milton Keynes.
Dabei spielt der Italiener versteckt auf das Motorprogramm von Red Bull an. Nicht wenige im Paddock gehen davon aus, dass die selbst entwickelte Power Unit der Bullen, die 2026 ihren Einstand in der Formel 1 gibt, der Konkurrenz womöglich hinterherhinkt. Dem Mercedes-Motor, der etwa im McLaren steckt, werden hingegen auch mit Verweis auf den letzten Motor-Regelumbruch 2014 gute Chancen eingeräumt, erneut das Feld anzuführen.
Red-Bull-Motorsportberater Dr. Helmut Marko verwirft die Vermutungen, dass das der Grund für die lange Entwicklungsdauer des RB21 sei: "Wenn man bei uns die Traditionen anschaut, dann haben wir bei jedem Reglement-Wechsel immer bis zum letzten Rennen versucht, das Optimum herauszukriegen". Er erinnert die Konkurrenz mit an den Umstieg auf die Ground-Effect-Ära: "Das war schon 2021 so. Da hat sich Toto schwere Sorgen um unser Auto gemacht und wenn jetzt McLaren keine anderen Sorgen hat, dann soll das recht sein." 2021 entwickelte Red Bull im WM-Kampf gegen Mercedes ebenfalls sehr lange und stellte im Folgejahr trotzdem ein weltmeisterliches Auto auf die Beine.



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