Gabriel Bortoleto zeigt in seiner ersten Formel-1-Saison eine deutliche Lernkurve. Für Nico Hülkenberg ist er mittlerweile ein ebenbürtiger Sparringspartner, vor allem im Qualifying. Dabei hat der 17 Jahre jüngere Brasilianer einen ganz anderen Ansatz als sein erfahrener Sauber-Teamkollege. Für seine Vorbereitung auf die Rennwochenenden verbringt Gabriel Bortoleto den Großteil seiner Zeit in der virtuellen Welt, wo er unter anderem mit Weltmeister Max Verstappen und Mentor Fernando Alonso unterwegs ist. Bei seiner exzessiven Freizeitgestaltung am Simulator suchtet er bis zu acht Stunden am Tag in iRacing, Assetto Corsa und Co.

"Ich fange nach dem Mittagessen gegen 13 Uhr an und fahre dann den ganzen Tag. Du machst zwischendurch vielleicht mal Pause, aber am Ende des Tages machst du gegen 22 oder 23 Uhr Schluss. Dann warst du den ganzen Tag im Simulator, so sieben oder acht Stunden werden es sein", erklärt Gabriel Bortoleto. Woher er die Zeit nimmt? "Ich habe zwar eine Freundin, aber wir leben nicht zusammen. Was mache ich also? Ich gehe ins Fitnessstudio, okay. Aber da bist du auch keine zwölf Stunden. Du stehst auf, gehst hin und wenn du zurückkommst, musst du ja auch etwas zu tun haben. Und das ist das Einzige, was mir einfällt!"

Bevor 2009 die Testfahrten unter der Saison per Reglement verboten wurden, hatten Formel-1-Fahrer überproportional viel Streckenzeit. Jenson Button testete 2000 in seiner Debütsaison mit BMW-Williams an 46 Tagen. Seit über einem Jahrzehnt haben neue Fahrer in der Königsklasse längst nicht mehr diesen Luxus. Der Simulator schafft hier Abhilfe. Bortoleto kannte neun der insgesamt 24 Rennstrecken im diesjährigen F1-Kalender aus seiner Zeit in Formel 3 und Formel 2 noch nicht. Um sich auf seinen ersten Einsatz in Singapur vorzubereiten, legte er intensive Einheiten am Sim-Rig zuhause ein: "Auf der Strecke bin ich am Simulator zuhause zwischen 400 und 500 Runden gefahren."

Darüber hinaus arbeiten auch die Formel-1-Teams in ihrer Vorbereitung intensiv mit den Simulatoren. "Beim Team machen wir einen ganzen Tag zur Vorbereitung, da fahre ich etwa 80 bis 90 Runden", erklärt der 20-jährige F1-Rookie. Der Schwerpunkt ist da allerdings ein ganz anderer: "Du kannst viel am Setup arbeiten, da geht es nicht so sehr um Rundenzeiten. Es geht darum, Dinge zu testen."

Fernando Alonso foppt Formel-1-Schützling Gabriel Bortoleto

Am heimischen Simulator laufen die Dinge anders. Der Spaß am Wettbewerb steht im Vordergrund, der Lerneffekt ergibt sich von selbst. "Zuhause fährst du mit Freunden und realisierst nicht einmal, wie viele Runden du fährst. Sie fahren eine gute Rundenzeit und dann musst du sie natürlich schlagen, weil du ehrgeizig bist. Das machst du dann die ganze Zeit", so Bortoleto.

Für ihn ist der virtuelle Wettkampf ein wichtiger Aspekt. "Ich fahre alles, aber hauptsächlich Formel-1-Autos. Ich habe viele Freunde, die am Simulator sehr schnell sind. Wir hotlappen gegeneinander oder fahren Zweikämpfe, einfach schönes Racing", sagt er. "Ich fahre auch gerne GT3 oder Hypercars, manchmal Rallye. Ich mache tagsüber sonst nichts anderes, ich will mich einfach beschäftigen, also fahre ich."

Dabei ist er manchmal auch vor seinem 23 Jahre älteren Mentor Fernando Alonso nicht sicher. "Er nimmt mir immer noch das eine Mal übel, als wir zusammen gefahren sind. Wir sind abends einige Stunden gefahren und dann habe ich die Reifen gewechselt. Zuerst sind wir alle Medium gefahren. Ich habe dann Soft genommen, mich mit meiner Rundenzeit an die Spitze des Tableaus gesetzt, ein Foto gemacht und es mit "Gute Nacht! Gute Session mit den Jungs gehabt!" gepostet", so der 44-jährige Spanier. "Sie trainieren natürlich sehr viel und ich viel weniger, aber ich bin immer noch ehrgeizig genug."

Der Altmeister stammt aus einer völlig anderen Generation, versteht aber die Vorteile, die junge Fahrer aus der virtuellen Vorbereitung ziehen: "Die Simulatoren sind heute eine große Sache. Du kannst da die Rennstrecken lernen. Er ist nie in Singapur gefahren und dann kannst du 500 Runden fahren, bevor du das erste Mal ins Auto steigst. Das ist natürlich viel besser als vor 20 Jahren."

Ungeahnte Trainingsmöglichkeiten am Simulator

Für Bortoleto geht das Ganze sogar noch weiter. Die Möglichkeit, bei den Simulationen mit Mods zu arbeiten, also zusätzlichem Content, der nicht von den Entwicklern sondern von den Anwendern selbst erstellt wird, bietet weitere Tools zur akribischen Vorbereitung. "Es gibt in den Simulationen schon Rennstrecken, die sehr gut umgesetzt sind und der Realität sehr nahe kommen. Aber ich habe auch Freunde, die für mich die Rennstrecken bearbeiten können. Wenn ich einen Kerb etwas anders brauche oder ich eine Bodenwelle haben will, die in der Simulation noch nicht drin ist, betreiben wir etwas Feintuning und machen es noch realistischer", so der 19-fache Grand-Prix-Teilnehmer.

Dieser Effekt machte sich besonders am zehnten Rennwochenende in Kanada bemerkbar: "Ich hatte das Gefühl, in der Vergangenheit schon mal hier gewesen zu sein, und nicht, dass es mein erstes Mal dort ist. Ich habe das in Montreal so empfunden und hatte da ein sehr gutes Gefühl. China war auch eine neue Strecke, die ich am Simulator so häufig gefahren bin, dass es sich so anfühlte, als wäre ich schon mal dort gewesen."

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