Seit über einem halben Jahr sind alle Entwicklungen für die neuen Formel-1-Regeln 2026 freigegeben - und in den letzten Wochen haben immer mehr F1-Fahrer in den Simulatoren ihrer Teams die ersten virtuellen Prototypen getestet. Nur um sofort öffentlich die Stimmung gegen die bereits viel kritisierte Regel-Revolution anzuheizen. In den Augen ihrer Teams schätzen die Piloten die Lage jedoch falsch ein.

Kritik an den 2026er-Regeln ist nicht neu. Die Formel 1 kehrt dem aktuellen Ground-Effect-Konzept fast komplett den Rücken. Die neuen Chassis-Regeln haben durch die erwünschte Erhöhung des Elektro-Anteils weiters viele Features erhalten, die weit verbreitete Zweifel aufkommen ließen. Zentral ist die aktive Aerodynamik, die im Zusammenspiel mit der Power Unit die nötige Energie-Rückgewinnung ermöglichen soll.

Von vornherein warnten Kritiker, dass nichts davon aber reichen würde. Dass das Energie-Management auch mit aktiver Aerodynamik nur dann funktionieren könne, wenn man äußerst seltsame Geschwindigkeitsprofile fahre, um etwa die Batterien auf den Geraden aufzuladen. Es sind genau diese Sorgen, welche die Fahrer nach den ersten Simulator-Ausfahrten umtreiben.

Batterie-Forschungsprojekt statt Rennauto, nennt es Lance Stroll. Charles Leclerc kann sich nicht vorstellen, wie das Racing damit funktionieren soll. Doch es gibt - immer - ein Problem mit solchen Aussagen. Fahrer haben eine begrenzte Wahrnehmung, besonders wenn es um solche langfristigen Entwicklungsprojekte geht. So sehen es zumindest jene Leute, die ihnen die Autos hinstellen.

Fahrer-Kritik perlt an F1-Technikern ab: 2026 nicht reif genug dafür

Wenn sich ein Fahrer jetzt in den Simulator setzt, dann vergleicht er das, was er spürt, mit dem ausgereiften 2025er-Auto. Dieses ist in Sachen F1-Genetik das 2022er-Konzept im evolutionären Endstadium nach vier Jahren Entwicklung. Natürlich sind die ersten 2026er-Prototypen weit von dieser Ausgereiftheit weg, im Gegenteil. "Sie sind nicht reif genug sind für einen seriösen Vergleich", warnt Mercedes-Techniker Simone Resta. "Wir sind noch in der tiefen Entwicklungsphase und weit weg von der optimalen Konfiguration."

Der Weg dorthin läuft bei jedem Regel-Umbruch gleich ab, erklärt Aston-Martin-Ingenieur Mike Krack: "Es ist etwas ähnlich zu 2022. Es gibt Unterschiede, an die musst du dich gewöhnen. Das ist eine Übung, bei der du viele Durchläufe machst, um deine Probleme loszuwerden, und mit jedem Durchlauf wird es besser. Deshalb wird alles zu 100 Prozent klappen, wenn es auf die Strecke geht."

Es ist hier auch eine Frage der Perspektive. In den 2025er-Autos tun sich die Design-Teams heute sehr schwer, überhaupt ein Zehntel an Zeit zu finden. Der Reifegrad ist so hoch, dass es nur noch um Details geht. So mag ein Fahrer im Kopf haben, dass sich das Fahrgefühl des aktuellen Autos in den letzten sechs Monaten kaum geändert hat, wenn er jetzt erstmals das 26er-Konzept fährt.

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Doch bei dem wird in den nächsten sechs Monaten der gegenteilige Effekt auftreten. Weil das Konzept noch so unausgereift ist, sind die Sprünge von Simulator-Session zu Simulator-Session gigantisch. Hier werden aktuell noch Grundsatz-Fragen geklärt, und der Prozess ist höchst volatil, meint Williams-Teamchef James Vowles: "Du machst Durchläufe und versuchst dies und das, und es führt dich auf völlig andere Pfade."

Williams prognostiziert: 2026 wird schnell besser - hat aber Sorgen

Kein Team hat wohl schon so viel entwickelt wie Williams, wo zu Saisonbeginn angekündigt wurde, 2026 maximal zu priorisieren. "Es ist wohl fair zu sagen, dass wir verglichen mit anderen Teams recht weit sind", schätzt Vowles und richtet diesbezüglich daher seinen Kommentar direkt an Kritiker Charles Leclerc: "Es wird besser. Das ist meine Nachricht an Charles. Das ist auch eine Indikation für uns, wo im Zyklus sie stehen."

"Ich glaube eigentlich gar nicht, dass die Formel für das nächste Jahr schlecht ist", meint Vowles. "Eigentlich - wenn du erst einmal über eine Hürde kommst, dann gibt es ein paar nette Dinge auf der anderen Seite. Sie sind einfach noch nicht dort. Ich freue mich auf nächstes Jahr, nicht umgekehrt."

Vowles ist allerdings ehrlich, dass nicht alle der bereits entdeckten Probleme einfach von den Teams wegentwickelt werden können: "Ich mache mir etwas Sorgen, wie wir Differenz für Überholen erzeugen." Die Überholhilfe DRS verschwindet ja. Dafür gibt es einen neuen "Override"-Modus der Power Unit, um Überholen über das Energie-Management zu vereinfachen.

Vowles nennt auch noch Details, etwa die Handhabung der aktiven Aerodynamik im Regen. Doch das sind Details, die 2026 in der Theorie einfacher zu handhaben sein sollten, denn es geht nicht um die Technik selbst - lediglich um die Regulierung dieser. Was man darf, und was nicht. Während technische Änderungen strenge Fristen haben und auch in nötigen Entwicklungen resultieren können, sollten sportliche Änderungen bloß die Art und Weise einer bereits möglichen Anwendung ändern.