Lotterie, Safety-Car-Poker, Chaos... Selbst am Vorabend des Formel-1-Rennens in Monaco schien noch niemand im Paddock wirklich eine Ahnung zu haben, was uns am Rennsonntag strategisch erwarten wird. Und heute? In der Nacht auf den Renntag errechnen die Teamstrategen für gewöhnlich ihre Prognosen, doch wie viel diese wert sein werden, sehen wir erst ab 15 Uhr in Monte Carlo. Das ganze Rennen gibt es heute live im F1-Liveticker.

Die Einführung einer verpflichtenden 2-Reifenwechsel-Strategie könnte beim Monaco-GP zu einem Wildwuchs an Strategien führen. Die Kombination aus einem minimalen Reifenverschleiß und einem extrem hohen Schwierigkeitsgrad für Überholmanöver öffnet die Büchse der Pandora. Von Boxenstopps in Runde 1 und 2 bis 76 und 77 scheint alles denkbar zu sein.

Erwartet die Formel 1 in Monaco das große Chaos?

Sich vor dem Rennen auf eine Boxenstopp-Strategie festzulegen, ist für die meisten Teams unmöglich, denn unter diesen Umständen hängt der perfekte Zeitpunkt zum Reifenwechsel fast ausschließlich von der Konkurrenz ab – und von möglichen Safety Cars. Entsprechend gehen auch die Ansätze bei den aufgesparten Reifensätzen auseinander. McLaren, Mercedes, Aston Martin und Lewis Hamilton haben noch zweimal Hard vorrätig (Letzterer einmal gebraucht), der Großteil des restlichen Feldes zweimal Medium, manche davon schon angefahren. Nur Red Bull und Sauber haben nur noch jeweils einen Satz von Hard und Medium im Gepäck, sie müssen also mindestens in einem Stint den C6-Reifen (Soft) aufschnallen.

Für Hinterbänkler-Teams erscheint es in der Theorie eigentlich logisch, ihre Stopps so früh wie möglich zu absolvieren, um dann möglicherweise durch das Renngeschehen nach vorne gespült zu werden, sobald die anderen stoppen müssen. Aber wenn das alle machen, konterkariert das den Zweck und es ist im Gegenteil sinnvoll, so lange wie möglich draußen zu bleiben und die freie Fahrt zu nutzen. So gesehen ist beim Monaco-GP die Vermeidung von Verkehr der Schlüssel zum Erfolg. Das oder der richtige Glücksschuss auf ein günstig getimetes Safety Car. "Das könnte positiv oder negativ für uns sein, unmöglich das jetzt zu wissen", rätselte Max Verstappen.

Luxusproblem für McLaren: Zwei Autos vorne, aber trotzdem kein Teamplay?

Vor allem bei McLaren werden die Köpfe rauchen, denn nach P1 und P3 im Qualifying hat keiner so viel zu verlieren wie das Team von Lando Norris und Oscar Piastri. Dass die beiden gegeneinander im WM-Kampf stehen, fügt der Ausgangslage eine weitere Schicht an Komplexität hinzu. Denn nicht wenige kalkulieren, dass Teamwork bei dem Stadtrennen der Schlüssel zum Erfolg sein könnte. Monaco öffnet auch hier viele Türen. Die Verfolger so stark einzubremsen, dass man dem vorausfahrenden Teamkollegen einen gratis Boxenstopp ermöglicht, das ist wohl auf kaum einer anderen Strecke so einfach möglich wie in Monaco.

"Der Einfluss, den die zwei Stopps haben, ist viel breiter, als ursprünglich angenommen. Je nachdem, ob man sich an der Spitze oder am Ende des Feldes befindet, kann man sehr unterschiedliche Entscheidungen treffen. Faktoren wie rote Flaggen, Safety Cars oder Teamwork können zu sehr unterschiedlichen Szenarien führen", erläuterte McLaren-Teamchef Andrea Stella das Problem.

Stella über McLaren-Teamwork: Ja, aber nur wenn es beiden hilft

Eigentlich hat McLaren in dieser Hinsicht einen klaren Vorteil. Mit zwei Fahrern im Spitzenfeld sind sie quantitativ überlegen. Charles Leclerc mit Teamkollege Lewis Hamilton auf P7 und Verstappen mit Yuki Tsunoda auf P12 können sich keine direkte Schützenhilfe erwarten.

Doch wie viel Teamwork kann sich McLaren erlauben, ohne dabei das Rennen eines Fahrers zu beschädigen? Norris und Piastri wichen Fragen in diese Richtung auf der offiziellen Pressekonferenz nach dem Qualifying mit Humor aus: "Wie viel bezahlst du mir, [damit ich dir helfe; d. Red.]?" fragte Piastri scherzend in die Richtung seines Teamkollegen.

Stella stellte klar, dass man keine zu ausufernden strategischen Spielchen zwischen Norris und Pisatri erwarten könne, bei denen ein Fahrer geopfert wird. "Wir werden immer versuchen, Entscheidungen zu treffen, damit sich das Rennen auf eine natürliche Art entwickeln kann, und damit unsere beiden Fahrer die besten Möglichkeiten haben, um von ihrer Performance und ihrem Einsatz zu profitieren", sagte er.

Doch ganz wollte er ein Teamwork-Szenario nicht ausschließen: "Wir werden keine Abweichung von dieser natürlichen Entwicklung des Rennens vorsehen, falls sie nicht beiden Fahrern zugutekommt." Charles Leclerc behindert die naheliegendste Überlegung selbstverständlich. Der Ferrari-Pilot zwischen Norris und Piastri würde es dem Australier erschweren, seinem Teamkollegen eine Boxenstopp-Lücke zu errichten.

McLaren trickst Ferrari aus: Wird Oscar Piastri geopfert? (09:19 Min.)