Der Samstag war eine Achterbahn für Red Bull und Max Verstappen gewesen. Von einem Rennen zum Vergessen wandelte sich der Katar-GP nach dem Qualifying kurz zu einem potenziellen Sieg - doch dann griffen die Stewards spätabends ein. Eine Strafe von einem einzelnen Startplatz könnte infolgedessen heute George Russell den nächsten Formel-1-Sieg auf dem Silbertablett servieren.

Wie es der Zufall will, war es der Profiteur Russell, der die Strafe gegen Verstappen überhaupt erst provoziert hatte. Die beiden Fahrer stolperten bei der Reifen-Vorbereitung für ihre letzten Qualifying-Versuche übereinander. Verstappen wurde bestraft, weil er auf der Ideallinie bummelte, als Russell mit hohem Tempo von hinten ankam. Obwohl auch Russell nur auf einer Vorbereitungsrunde war.

Russell aber wollte unbedingt seinerseits Ärger für ein Überschreiten der Maximal-Rundenzeit verhindern. Hätte er einfach seine Position in der Schlange der sich auf ihre schnellen Runden vorbereitenden Autos gehalten, so wäre wohl nie eine Strafe gegen Verstappen ausgesprochen worden. So aber hat sich Russell indirekt mit seiner Entscheidung die Pole verschafft.

George Russell heute endlich in freier Luft: Wer kann ihn dann noch schlagen?

Für Russell könnte es eigentlich im Hinblick auf das Rennen nicht besser gelaufen sein. Denn bislang sah der Mercedes in seinen Händen in Katar mächtig aus. In den beiden Qualifyings fehlten ihm jeweils weniger als eine Zehntel auf die Bestzeit. Doch der Sprint lief gegen ihn. Schon beginnend mit der Tatsache, dass die zweite Startposition hier äußerst undankbar ist.

Wind bläst hier permanent Sand auf die Strecke. Die kaum befahrene rechte Seite der Startaufstellung ist daher stets schmutziger. "Die waren echt schwierig", meint Russell, der im Sprint auf der Innenbahn nicht gut wegkam und daraufhin von Oscar Piastri in den ersten Kurven in die Defensive gedrängt und schließlich überholt wurde. Für den Rest des Sprints managten vorne Lando Norris und Piastri die Pace und einen DRS-Zug, um Russell hinter sich zu halten.

Das aber ist für Russell ein gutes Signal für das Rennen. Denn in den 19 Sprint-Runden brach er hinter den McLaren nicht ein, obwohl er permanent in den schnellen Kurven von Katar in der verwirbelten Luft feststeckte. Und sobald Piastri vor ihm aus dem DRS-Bereich von Norris fing, war Russell fast in Angriffsposition. Die Anzeichen verdichten sich, dass der Mercedes in Katar das schnellste Auto sein könnte.

Die Strecke liegt dem W15 schlichtweg. Sie ist flach, das Auto kann daher tief abgestimmt werden. Die Temperaturen sind an diesem Wochenende auch nicht so heiß, sondern vielmehr eher kühl, mit weniger als 20 Grad Lufttemperatur und kaum über 20 Grad Streckentemperatur kommt auch das dem temperaturanfälligen Mercedes entgegen.

Max Verstappen: Russell-Gegner oder McLaren-Hindernis?

Jetzt, wo Russell auf der sauberen Pole steht, hat er alle Trümpfe in der Hand, um das Rennen zu kontrollieren. Pirelli geht von einer Medium-Hard-Einstopp aus. Limitierender Faktor ist der Verschleiß des linken Vorderreifens, der in den schnellen Passagen hier ordentlich geprügelt wird. Mit dem sollte es aber möglich sein, bis in die frühen Zwanziger zu kommen. Dann kann man auf Hard umstecken und ins Ziel fahren.

Russell kommt zusätzlich zugute, dass er freie Fahrt hat. Dahinter öffnet sich das Feld. Der nun vom zweiten Platz losfahrende Verstappen schaffte bis zum Qualifying eine riesige Wende. Davor war sein Red Bull gelinde gesagt ein Desaster. Große Setup-Umbauten sowie leicht andere Wetterbedingungen hievten Verstappen plötzlich im Qualifying in die Spitzengruppe.

Das muss nicht heißen, dass Verstappen im Rennen vorne mithalten kann. Gefahren hat er die nach dem Sprint vorgenommenen Setup-Umbauten mit vollen Tanks noch nicht. Es ist aber kein kompletter Schuss ins Blaue. Red Bull hatte Sergio Perez im Sprint für Tests genutzt. Mit all den Daten will man also ein Setup gefunden haben, das auch im Rennen halten wird. Wenngleich Verstappen die von Perez getestete Richtung noch extremer einschlug.

Die hinter Verstappen losfahrenden McLaren von Norris und Piastri holten im Sprint einen Doppelsieg. Unklar ist ihr Potenzial. Norris bremste sich selbst ein, weil er Piastri DRS geben musste. Allerdings meldete er auch gegen Ende des Sprints schon, dass sein linker Vorderreifen in die Knie ging. Obwohl er den Vorteil der freien Fahrt hatte: "Das hat uns etwas besser aussehen lassen als wir waren."

McLaren vs. Ferrari: Druck steigt im Duell um den WM-Titel heute

McLaren ist vorsichtig, was das Rennen angeht. Von einem dominanten Auto ist in Katar keine Spur. In der verwirbelten Luft von Russell, und potenziell von Verstappen, wird das Leben von Norris und Piastri nicht einfach. Dann müssen sie sich genauso nach hinten orientieren, in Richtung Ferrari. Charles Leclerc und Carlos Sainz starten von den Plätzen fünf und sieben, getrennt durch Lewis Hamilton.

Was der Ferrari wirklich kann, ist aber genauso unklar wie bei der Konkurrenz. Sainz konnte wie Russell im Sprint in der verwirbelten Luft den Anschluss halten, was auf eine durchaus starke Rennpace deutet. Fest steht nur: Ferrari rechnet mit fest mit der Einstopp. Als einzige Spitzenmannschaft hat man sich nur einen Satz harter Reifen aufgehoben. Alle anderen könnten im Fall der Fälle auf Medium-Hard-Hard umschwenken.

Der zwischen den Ferrari startende Lewis Hamilton darf nicht unterschätzt werden. Bislang lieferte er in Katar eine deprimierende Vorstellung. Im Qualifying-Trimm fehlten ihm Zehntel auf Russell. Doch seine Renn-Stärke ist wohlbekannt. In Las Vegas tauchte er am Ende auch wieder an der Spitze auf. In Katar war er jedoch auch im Sprint schwach, verlor einen Platz gegen Leclerc.

Die Prognosen gestalten sich unter dem Strich aber äußerst schwierig. Dass Norris zu Hilfszwecken für Piastri das Spitzenfeld im Sprint zusammenhielt, verhindert effektiv, dass man einen echten Blick auf die Pace der einzelnen Autos erhaschen konnte. Und Verstappen tritt mit einem komplett anderen Setup an.

Sicher erscheint so nur eines: Der schon in der verwirbelten Luft schnelle Russell hat mit freiem Weg zur ersten Kurve eine riesige Chance. Für alle hinter ihm wird es schwierig. Selbst wenn er nicht schnell genug ist, um sie abzuschütteln. In der verwirbelten Luft ist Überholen hier nicht leicht.