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Formel 1 Abu Dhabi 2021: 7 Schlüsselfaktoren für den WM-Krimi

Max Verstappen vs. Lewis Hamilton. Heute fällt in Abu Dhabi die Entscheidung, wer Formel-1-Weltmeister 2021 wird. Die Schlüsselfaktoren zum WM-Showdown.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Besser könnte es zum großen Formel-1-Showdown heute in Abu Dhabi nicht angerichtet sein. WM-Leader Max Verstappen startet nach einer unerwartet dominanten Vorstellung im Qualifying von der Pole Position, direkt neben ihm geht sein punktgleicher WM-Rivale Lewis Hamilton als Zweiter in das letzte und alles entscheidende Rennen der Saison (Start 14 Uhr MEZ, live bei Sky).

Noch überraschender auf P3: Lando Norris. Der McLaren-Fahrer setzte sich im Qualifying knapp gegen Sergio Perez im zweiten Red Bull und Carlos Sainz im Ferrari durch. Valtteri Bottas startet das Rennen heute nur vom sechsten Platz und aus der dritten Startreihe. Charles Leclerc, Yuki Tsunoda, Esteban Ocon und Daniel Ricciardo komplettieren die Top-10.

Sebastian Vettel legt von P15 los, Kimi Räikkönen nimmt sein letztes Formel-1-Rennen von P18 in Angriff, unmittelbar vor Mick Schumacher auf einem gewohnten 19. Startplatz.

2. - S wie Start

Gleich doppelt interessant wird es gleich am Start. Nicht nur, dass Verstappen und Hamilton direkt nebeneinander in der ersten Reihe stehen - immer Crash-Gefahr, gerade heute (vgl. "6. S wie Skandal"). Noch dazu legen sie auf unterschiedlichen Reifenmischungen los. Verstappen ruinierte sich im Q2 seinen Medium-Satz durch einen Verbremser und zog daraufhin mit weichen Reifen ins Q3 ein. Auf dieser Mischungen wird der Niederländer nun auch von der Pole Position loslegen.

Hamilton allerdings gelangte - wie Teamkollege Valtteri Bottas und Yuki Tsunoda - mit dem Medium ins Q3. Für den in Abu Dhabi extrem kurzen Sprint von nur 169 Metern bis zum ersten Bremspunkt verfügt der Titelverteidiger somit über die schlechtere Traktion als Verstappen. Dennoch will Hamilton beißen. "Ich stehe immer noch in der ersten Reihe und bin froh darüber. Ich kann meinen Gegner sehen. Es wird mit dem Start auf Medium etwas schwieriger gegen den Soft, aber wir werden nichtsdestotrotz alles geben", sagt der Brite.

Entscheidet Lando Norris den WM-Kampf? - Foto: LAT Images

3. - S wie Störfeuer

Doch droht Hamilton auch von hinten potenzieller Ärger - Überraschungsmann Norris und Perez starten ebenfalls auf weichen Reifen und könnten den Mercedes so dank Traktionsvorteilen gefährden. Perez wird mehr riskieren, um Verstappen zu unterstützen, liegt allerdings weiter zurück. Norris hingegen will eigentlich nur ungern vorne eingreifen. "Ich bin ein bisschen nervös, denn wenn ich in etwas involviert werde, könnte das für eine Kontroverse sorgen", fürchtet der McLaren-Fahrer.

Dennoch will Norris auch sein eigenes Rennen nicht vergessen. "Ich werde sicherlich mein Bestes geben und falls sich die Chance bietet, es auch versuchen", warnt der Youngster. Kommt Norris am Start an Hamilton vorbei, könnte das nicht nur ein rennentscheidendes, sondern sogar ein WM-entscheidendes Manöver werden. Allzu leichtes Überholen soll nämlich trotz des umgebauten Yas Marina Circuit noch immer nicht möglich sein. Wird Norris zum Hamilton Puffer für Simracing-Kumpel Verstappen?

4. - S wie Soft-Problem?

Kommt es zum Norris-Puffer, wäre das für Verstappen geradezu ein Jackpot. "Damit haben wir am Start und auf den ersten sechs oder sieben Runden wahrscheinlich einen kleinen Nachteil, wenn er schnell fährt", kommentiert Wolff den zu erwartenden Vorteil Verstappens mit dem Soft in den ersten Runden. Mit einem Puffer Norris dazwischen wäre dieser Vorteil noch größer.

Hält sich Hamilton allerdings vor Norris oder überholt seinen Landsmann rasch, könnten sich Verstappens weichere Reifen recht zügig zu einem strategischen Nachteil verkehren. "Wir können länger draußen bleiben oder auf einen aggressiven Undercut setzen, um die Positionen auf der Strecke zu bestimmen", meint Wolff. Ein oder zwei Stopps, das sei auch bei Mercedes völlig offen. Wolff: "Über Nacht werden wir viele Programme und Algorithmen laufen lassen, die uns bei unserer Strategie für morgen helfen werden."

Pirelli rechnet im jahrelangen Einstopp-Rennen Abu Dhabi allerdings auch nach dem Umbau klar nur mit einem Reifenwechsel, Soft-Hard oder Medium-Hard sollen sich dabei nichts nehmen. Ein Zweitstopper komme nur bei einem Safety Car in Frage, so die Italiener. Daher scheint Mercedes eher mit einem zu Beginn Reifen managenden Verstappen zu rechnen. "Und dann ist das kein großer Vorteil", meint Wolff.

Hamilton fühlt sich mit seiner Wahl derweil wohl. "Wir hatten mit dem Soft-Reifen auf den Longruns etwas Probleme. Deshalb glaube ich, dass wir den richtigen Reifen haben", meint der Brite. Verstappen kann das von sich nicht behaupten. "Das [Soft am Start] war auf jeden Fall nicht der Plan", sagt Verstappen. "Ich wollte auf dem Medium starten, aber den habe ich flachgebremst."

Hamilton wundert das. Der Brite mutmaßt, dass Verstappen sich absichtlich verbremste. "Es ist sehr selten, dass sich jemand in Turn 1 verbremst. Wenn er sich da echt verbremst hat, dann sind wir vielleicht in einer besseren Position als sie mit dem Soft-Reifen, oder vielleicht wissen sie etwas, das wir nicht wissen und der Soft-Reifen war die ganze Zeit ihr Plan."

Große Panik kommt bei Red Bull angesichts des den Aussagen nach unplanmäßigen Soft-Starts nicht auf. "Ich fühlte mich gestern im Longrun auch mit dem Soft wohl", meint Verstappen. Tatsächlich fuhr der Niederländer am Freitag einen vorzeigbaren Longrun auf dieser Mischung. "Warum ist das ein Nachteil?", fragt auch Motorsportchef Helmut Marko. Nicht unbedingt müsse der Soft früher eingehen als der Medium Hamiltons. " Wenn wir den Freitag-Run hernehmen, dann hält der länger." Tatsächlich gibt es hier noch offene Faktoren: Überhitzt der Reifen mit wirklich randvoll getanktem Auto zu schnell? Welche Temperaturen herrschen? Und was bringt die im Lauf des Wochenendes immer besser gummierte Strecke?

Nur ein Punkt steht fest: Auch, wenn Verstappen zweimal stoppen sollte, wird er keinen Medium fahren können. Der einzige verbliebene Satz war de aus dem Q2 - und der ist unbrauchbar. "Der ist richtig fertig. Das Risiko gehen wir nicht in. Wenn du sowas hast, bleibt der immer wieder stehen", sagt Marko.

5. - S wie Schützenhilfe

Viel wird heute auch von Sergio Perez und Valtteri Bottas abhängen, gerade von Bottas, obwohl der Finne nur von P6 beginnt. Offen kündigte der Finne vor seinem letzten Mercedes-Rennen bereits an, alles für Hamilton und gegen Verstappen tun zu wollen. Eigene Verluste? Egal. Bottas: "Ich bin bereit, mein optimales Rennen dafür zu opfern. Wir wollen beide Titel, und ich will ihnen zu beiden Titeln helfen, bevor ich gehe."

Warum das auch von P6 gehen könnte? Weil Verstappen auf weichen Reifen startet und womöglich so früh wechseln muss, dass er hinter Bottas zurückfällt. Dann kann der Finne versuchen, Bremsklotz für Hamilton zu spielen. Bei Red Bull ist Schützenhilfe genauso geplant, aber schon direkter möglich (vgl. 2. - S wie Start). "Ich denke, wir können von dort aus [P4] noch viel ausrichten", meint Perez jedenfalls. "Ich will versuchen, Lando gleich am Start zu erwischen, damit ich von da an Max unterstützen kann."

6. - S wie Skandal-Finale

Die brisanteste aller Fragen: Kommt es zum WM-entscheidenden Crash zwischen Hamilton und Verstappen? Einem neuen Hill gegen Schumacher, Villeneuve gegen Schumacher oder Prost gegen Senna? Gerade wegen der punktgleichen Ausgangslage war das eine schon im Vorfeld des Wochenendes kontrovers diskutierte Möglichkeit. Immerhin würde Verstappen bei einem Doppelausfall auch den Titel holen. Hintergrund: Bei Punktgleichheit zählen die meisten Siege - und hier liegt Verstappen mit 9:8 vor Hamilton.

Gleich am Start droht die erste Gefahr. Hamilton muss zwingend vorbei, Verstappen kann wegen des Vorteils der Siege mehr riskieren und härter dagegenhalten - genauso wie er es schon zuletzt in Saudi-Arabien oder zuvor in Brasilien handhabte. Ändern müsse und werde Verstappen daran nun jedenfalls nichts, betonte Red Bulls Teamchef Christian Horner am Wochenende bereits mehrfach. Auch Verstappen hat das nicht vor.

Oder doch? Greift der Niederländer im Zweifel zu unfairen Mitteln, wenn er merkt, Hamilton nicht halten zu können? Die FIA jedenfalls scheint so etwas zumindest im Ansatz zu befürchten. Rennleiter Michael Masi verwies in seinen Hinweisen zum Wochenende jedenfalls auf mehrere Passagen im internationalen Rennkodex der FIA. Dieser stellt bei unsportlichem und unfairem Verhalten - übrigens von allen Teammitgliedern, auch von Teamkollegen - auch Sanktionen in Aussicht, die über die üblichen Zeitstrafen hinausgehen. Selbst ein Punktabzug ist möglich. Das könnte Verstappen also den Titel kosten, sollte ein Manöver gegen die Ethik des Sports gehen.

Die Fahrer sollten also sensibilisiert sein. Davon geht zumindest Toto Wolff aus: "Ich habe keine Zweifel, dass die Fahrer hart fahren werden, denn es geht um die F1-WM, aber ich bin zuversichtlich, dass es sehr sauber sein wird. Hart, aber sehr sauber, sodass keiner raugedrückt oder rausgekickt wird. Das verdient diese epische Meisterschaft als Finale."

Formel 1: FIA droht Hamilton & Verstappen mit Punktabzug!: (10:22 Min.)

7. - S wie Sieger

Bleibt als große Frage: Wem reicht wann welches Ergebnis zum WM-Titel? In der Fahrerwertung ist es wie beschrieben ganz einfach. Wer weiter vorne landet, wird Weltmeister. Zumindest wenn sich das in den Top-8 abspielt. Wird Hamilton allerdings Neunter vor Verstappen und holt der Niederländer auch den Punkt für die schnellste Rennrunde, wären die Rivalen weiter punktgleich - und Verstappen mit dem Sieg-Vorteil Champion. Genauso reicht es, wenn Verstappen Neunter wird und Hamilton den zehnten Platz mit schnellster Runde holt. Oder wenn beide leer ausgehen.

In der Konstrukteurswertung geht es weniger knapp zu. Mercedes liegt 28 Punkte vor Red Bull. Daher reichen Hamilton und Bottas bereits ein fünfter und ein sechster Platz (18 Punkte) um Mercedes' Siegesserie fortzusetzen. Andersherum muss Red Bull mindestens diese 28 Punkte holen - bei Punktgleichheit liegt man auch hier nach Siegen vorne. Dafür sind mindestens P3 und P4 mit schnellster Rennrunde nötig - eine Nullnummer für Mercedes vorausgesetzt. Fallen Verstappen oder Perez aus, ist Mercedes automatisch durch.

Doch wer verfügt nun über die beste Pace dafür? Am Freitag waren die Longruns nur schwer zu vergleichen. Verstappen fuhr Soft, Hamilton Medium. Der Niederländer fuhr allerdings auch mit etwas älteren Reifen noch ein strammes Tempo, allerdings nach einem Radikalumbau auf Rennpace. Der wurde später wieder etwas korrigiert. Wolff jedenfalls zeigte sich angesichts der Longrun-Pace der Bullen etwas "besorgt". Allerdings schien sich auch Mercedes nach den leichten Sorgen am Freitag wieder mehr in Richtung Rennpace zu orientieren - Red Bull will dieses Mal von Anfang an vor allem darauf optimiert haben. Dafür spricht vor allem Bottas' Performance im Qualifying - der Finne wählte ein besonders Reifen schonendes Setup für das Rennen.

"Wir waren nicht wirklich konkurrenzfähig gegen Red Bull, deshalb geht welcher Schritt auch immer jetzt hoffentlich in die richtige Richtung", sagt Wolff. "Es gibt aber keine Garantie, dass es reichen wird. Und am Ende wird das schnellere Auto das Rennen gewinnen."

Die Rolle des Jägers sei dabei mental nicht unbedingt die schlechtere für Hamiton, so Wolff. "Er ist auf der Jagd. Du musst ihm nichts sagen, er hat Wut im Bauch und das ist gut. Er ist motiviert", sagt der Österreicher. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und manchmal musst du das Positive darin sehen. Das ist als Ausgangslage manchmal nicht schlecht", sagt der Österreicher. Marko hält dagegen: " Wir werden das von vorne gestalten und das ist einfacher, als wenn man von hinten attackieren."

Formel 1 Finale 2021: Hamilton von Verstappen reingelegt?: (09:52 Min.)


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