Motorsport-Magazin.com Plus
Formel 1

Formel 1: Fahrer bewerten Saudi-Strecke: Geil aber gefährlich?

Die Formel 1 betritt in Saudi Arabien wieder Terrain. Die flüssige Streckenführung in Jeddah überzeugt die Piloten. Doch ist der Kurs zu gefährlich?
von Florian Niedermair

Motorsport-Magazin.com - Die Erkundungstournee der Formel 1 im Nahen Osten setzt sich nach dem Debüt des Katar-GPs vor 14 Tagen an diesem Wochenende nahtlos fort. In Saudi Arabien trifft die Königsklasse auf eine brandneue Strecke, die erst vor kurezm fertiggestellt wurde. Die technische Abnahme durch die FIA fand erst am Donnerstag statt, also nur einen Tag vor dem ersten Training.

Doch bereits beim Track Walk machten die Fahrer große Augen. Am Medientag wurden in der Pressekonferenz Vergleiche mit dem Stadtkurs in Baku und dem berühmten Formel-3-Kurs in Macau angestrengt. Nach den Trainings hat sich dieser Eindruck bestätigt. Esteban Ocon meint am Freitag: "Die Strecke ist so schnell und verrückt, wie wir erwartet haben". In einem sind sich alle einig: Der Jeddah Corniche Circuit ist spektakulär: Schnell, eng und mit viel Rhythmus.

Schwieriger als Monaco?

Sebastian Vettel meldete: "Die Strecke ist herausfordernd. Sie ist schnell und es ist ziemlich schwierig sie richtig zu treffen. Der Kurs ist allgemein spaßig und bietet keinen Platz für Fehler." Lando Norris ist derselben Ansicht: "Die Strecke verlangt einem viel Konzentration ab, weil sie so schnell ist."

Der Brite behauptete, dass sogar Monaco leichter zu fahren sei: "In Monaco muss man sich auch konzentrieren, aber dort ist man auch langsam, also kann man sich ein bisschen ausruhen und man kann besser einschätzen wo die Mauern sind. Aber hier ist alles Highspeed und das macht es nur umso schwerer, den Abstand zur Bande richtig einzuschätzen und die Konzentration hochzuhalten."

Ricciardo: Irrgarten

Hinzu kommt, dass die Strecke in vielen Passagen keine wirklichen Orientierungspunkte liefert und mehrere Abschnitte Ähnlichkeiten aufweisen. Haas-Pilot Nikita Mazepin sagt: "Viele der Kurven fühlen sich gleich an." Daniel Ricciardo nannte die Strecke einen "Irrgarten". "Man muss sich immer im Kopf selbst ein bisschen daran erinnern, in welcher Kurve man ist", erklärt der Australier.

Offiziell verfügt der mit 6,175 Kilometern Länge zweitlängste Kurs des Formel-1-Kalenders über 27 Kurven. Von diesen wird aber ein nicht unbedeutender Teil mit Vollgas genommen. Das liegt auch daran, dass das Gripniveau auf dem Kurs entgegen den ursprünglichen Erwartungen von Anfang an hoch war. Im Vorfeld hatte man mit einem verstaubten Kurs gerechnet. Weltmeister Lewis Hamilton sagt: "Es war in der ersten Session nicht wirklich staubig. Es sah in FP1 so aus, als sei ein bisschen Staub, aber der Grip hat sich in beiden Session gleich angefühlt. Das Gripniveau war von Anfang an hoch."

Crash-Gefahr im Qualifying

Während das Layout von allen Seiten gelobt wird, verorten die Fahrer auf ein Sicherheitsproblem. Denn die enge Strecke, die blinden Kurven und die hohen Geschwindigkeiten machen ein Ausweichen für langsame Fahrer im Training und Qualifying schwierig. Auffahrunfälle und zerstörte Rundenzeiten drohen. Mehrmals kam es am Trainings-Freitag zu brenzligen Situationen.

Max Verstappen und Esteban Ocon kamen sich in Jeddah bereits in die Quere - Foto: LAT Images

Vor allem im Qualifying könnte das zu einem Problem werden, wenn einige Piloten auf langsamen Runden sind, während von hinten mit hohen Geschwindigkeiten aufschließen. Lewis Hamilton erlebte in FP2 gleich zwei enge Momente. "Es ist viel schlimmer als auf vielen anderen Strecken. Es hat etwas von Monaco, nur das du mit viel mehr Geschwindigkeit auf die anderen Autos aufläufst. Dadurch bewegen wir uns in einem ziemlich gefährlichen Bereich."

Dem stimmt auch Daniel Ricciardo zu: "Es gibt so viele blinde Kurven, man versucht immer aus dem Weg zu gehen, aber wahrscheinlich stand ich heute trotzdem einigen Fahrern im Weg." Im Training nutzten die Fahrer häufig die Auslaufzonen, um auf langsamen Runden ein Aufeinandertreffen zu vermeiden. Doch in den engeren Passagen ohne Auslauf gibt es kaum Ausweichmöglichkeiten.

Viele befürchten, dass Überholen in Jeddah eine schwierige Angelegenheit werden könnte - Foto: LAT Images

Überholen unmöglich?

Ein weiteres Problem der Strecke könnten sich am Sonntag zeigen. Bereits seitdem das Streckenlayout im März veröffentlich wurde, befürchteten viele eine Prozession - trotz drei DRS-Geraden. Die Trainings-Sessions unterstrichen diese Sorgen. "Viele der Highspeed-Kurven bieten nur eine Linie, das wird es schwer machen hier jemandem zu folgen", ahnt Daniel Ricciardo.

"Ich denke nicht, dass die Strecke viel Überholmanöver zulässt", fürchtet auch Aston-Martin-Pilot Lance Stroll, "es gibt keine wirklich gute Überholmöglichkeit." Ähnliche Stimmen gab es auch schon vor dem letzten Rennen in Katar. Doch letzten Endes erwiesen sich Überholvorgänge auf dem Losail International Circuit als einfacher als gedacht. Red-Bull-Motorsportchef Dr. Helmut Marko dämpft allerdings die Erwartungen: "Wenn es in Katar hieß, dass Überholen schwierig ist, dann ist Überholen hier fast unmöglich."


Weitere Inhalte: