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Formel 1

Ärger bei Mercedes: Hamilton widersetzt sich Strategie

Große Aufregung um die Mercedes-Strategie beim Türkei GP. Lewis Hamilton kommt einfach nicht zum Stopp - und muss später dafür bezahlen.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Irgendwie konnte Mercedes mit Platz fünf für Lewis Hamilton leben, irgendwie aber auch nicht. Weil der Weltmeister beim Türkei GP eine Motorenstrafe absitzen musste, ging es von Anfang an nur um Schadensbegrenzung. "In einem normalen, trockenen Rennen wäre dieser fünfte Platz wahrscheinlich der Best Case gewesen", meint Mercedes Motorsportchef Toto Wolff.

Der Türkei GP 2021 war aber kein normales, trockenes Rennen. Der Start erfolgte unter feuchten Bedingungen, alle Piloten fuhren auf den Intermediates los. Das gesamte Rennen über trocknete die Strecke nur sehr langsam, obwohl es nicht mehr regnete. Deshalb fuhren - bis auf Sebastian Vettel - alle Piloten das gesamte Rennen über auf Intermediates.

Trotzdem gab es strategische Entscheidungen zu treffen. Das Regelwerk schreibt keinen Pflicht-Boxenstopp vor. Sobald Intermediates oder Regenreifen eingesetzt werden, tritt die Regel, dass mindestens zwei verschiedene Mischungen gefahren werden, außer Kraft.

Mercedes trauert Platz drei hinterher

Weil es nie trocken genug für Slicks wurde, gab es nur zwei Fragen: Boxenstopp ja oder nein und wenn Boxenstopp, wann? Genau dabei scheint Lewis Hamilton verloren zu haben. "Im Nachhinein, wenn wir alle Entscheidungen richtig getroffen hätten, wäre Platz drei der Best Case gewesen", so Wolff.

Rundenlang duellierte sich Hamilton mit Sergio Perez sehenswert im Kampf um Platz vier. Erst als Perez in Runde 37 an die Box ging, hatte der Brite Platz vier inne. Weil zehn Runden später auch noch Charles Leclerc zum Stopp kam, fuhr Hamilton plötzlich auf Rang drei.

Sir Lewis Hamilton im Zweikampf mit Sergio Perez - Foto: LAT Images

Weil Hamiltons Rundenzeiten schließlich stärker einbrachen, holte ihn das Team doch noch zum Reifenwechsel. Er kam als letzter Pilot in Runde 50 zum Stopp. Dadurch fiel er wieder auf Position fünf zurück. Der siebenfache Formel-1-Weltmeister ärgerte sich am Funk maßlos über die Strategie, weil er gerne ohne Reifenwechsel durchgefahren wäre.

Nach dem Rennen hatte er sich schon etwas beruhigt: "Ich weiß nicht, ob ich vorne geblieben wäre, wenn ich draußen geblieben wäre. Aber ich bin jemand, der Risiken eingeht. Ich wäre das Risiko gerne eingegangen." Leicht angefressen von der Strategie und dem Resultat, das ihn auch die WM-Führung kostete, war Hamilton trotzdem noch: "Wir [das Team und ich] haben miteinander gesprochen, aber es gibt nicht viel darüber zu sagen."

Hamilton gaukelt den Teamplayer nur vor

"Es war in dem Moment frustrierend, denn ich habe schon Platz zwei gesehen und dann war ich plötzlich Fünfter", erklärt Hamilton seinen ursprünglichen Ärger, gibt dann aber den Teamplayer: "Du hast im Cockpit nur gewisse Informationen und das Team hat die restlichen Infos. Sie sehen, was alle anderen machen und für mich ist es hart, Positionen aufzugeben, wenn ich nicht das ganze Bild habe. Deshalb musst du auf dein Team vertrauen, die Entscheidungen akzeptieren, die sie treffen und hoffen, dass es die richtigen sind. Ich sage immer: Wir gewinnen und verlieren als Team. Ich habe heute auf das Team gehört."

Am Ende musste sich Hamilton hinter Leclerc anstellen - Foto: LAT Images

Allerdings gaukelte der Brite den Teamplayer nur vor. Tatsächlich war er es, der sich den Strategen widersetzte. In Runde 42 wollte Mercedes Hamilton eigentlich zum Stopp holen. Der Weltmeister bekam die Anweisung, die Boxengasse anzusteuern. Die Pitcrew stand mit einem neuen Satz Intermediates bereit. Hamilton aber ignorierte den Call und fuhr einfach weiter.

"Es ist langsam abgetrocknet und ich hatte die Hoffnung, dass ich mir einen Stopp sparen könnte und direkt Slicks aufziehen kann", erklärt sich der Mercedes-Star. Die Mercedes-Strategen sahen diese Chance auch und ließen Hamilton nach dem verweigerten Stopp draußen. "Im Nachhinein wäre es besser gewesen, zehn Runden früher zu stoppen und es auf der Strecke auszufahren", meint Teamchef Wolff aber. "Wir wären dann wahrscheinlich Dritter oder Vierter geworden, aber bei der anderen, dynamischeren Variante, gab es viel mehr zu gewinnen."


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