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Formel 1

Formel 1, Türkei 2021: Die 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen

Runde 16. im WM-Kampf zwischen Verstappen und Hamilton. Strafe für den Titelverteidiger und Regen in der Luft. Diese Faktoren entscheiden in Istanbul.
von Florian Becker

1. - S wie Startaufstellung

Die Startaufstellung für den Türkei GP 2021 bietet einmal mehr eine äußerst explosive Mischung. Auch ohne gewagte Experimente wie einem Reverse-Grid ist die Ausgangslage in den vergangenen Wochen regelmäßig gut durchgemischt, dem engen Feld und den unausweichlichen Motorenstrafen zum Dank. Mit Valtteri Bottas auf der Pole Position vor Max Verstappen bietet schon die erste Startreihe viel Zündstoff.

Dahinter folgen drei Underdogs, die allesamt in Top-Form sind. Charles Leclerc, Pierre Gasly und Fernando Alonso haben Sergio Perez im zweiten Red Bull hinter sich gelassen und können für ihre Teams einmal mehr Big Points holen. Ihr Verfolger hingegen ist gut beraten, möglichst schnell vorbeizugehen und Verstappen mit Bottas zur Hand zu gehen. Für den spannendsten Faktor sorgt selbstverständlich Lewis Hamilton.

Der Weltmeister fuhr im Qualifying zwar die schnellste Zeit, musste seine Pole Position aber wegen einer Motorenstrafe an den Teamkollegen abtreten. Er geht als Elfter ins Rennen und hat neben Perez auch Lando Norris, Lance Stroll, Yuki Tsunoda und Sebastian Vettel vor sich. Mit Daniel Ricciardo und Carlos Sainz auf den Startpositionen 15 und 20 gibt es weiter hinten zwei weitere Kandidaten, die Action garantieren. Mick Schumacher geht als 14. weiter vorne als je zuvor in ein F1-Rennen.

2. - S wie Start

Der Sprint zum ersten Bremspunkt auf dem Istanbul Park Circuit ist von der Pole Position aus nur 170 Meter lang, doch er hat es seit jeher in sich. Die erste Kurve lädt mit ihrer Breite und dem relativ offenen Radius zu riskanten Manövern ein. Von diesen dürfen wir beim Start erneut das eine oder andere erwarten, denn diverse Piloten haben es eilig, möglichst früh nach vorne zu kommen.

Die besten Karten für einen Raketenstart haben die Piloten auf der rechten Seite des Grids. Die Rennstrecke in Istanbul wurde seit dem letzten Auftritt der Formel 1 im vergangenen November kaum befahren und ist überall abseits der Ideallinie reichlich grün. Auf der Seite mit mehr Grip stehen unter anderem Leclerc, Alonso, Norris und Hamilton. Sie alle sind in der Anfangsphase des Rennens traditionell für schnelle Entscheidungen gut.

3. - S wie Strategie

Die im 16. Rennen des Jahres bevorstehenden 58 Runden sind die große Unbekannte im Kalender. Letztes Jahr gab die Türkei nach fast zehn Jahren ihr Comeback in der Königsklasse, doch durch die überhastete Neuasphaltierung waren die Streckenbedingungen unzumutbar. Regen machte das Chaos perfekt. Nachdem die Oberfläche kürzlich behandelt wurde, ist der Grip deutlich besser.

Doch die Erkenntnisse von 2020 haben trotzdem Nachwehen. Pirelli vergriff sich bei der Reifenwahl mit den Mischungen C2, C3 und C4 gehörig. "Im Nachhinein hätten wir härtere Reifen bringen sollen. Der Soft-Reifen ist wohl zu weich", sagte Pirellis Formel-1-Chef Mario Isola bereits nach den Trainings.

Die Top-10 nutzten die Mischbedingungen im Qualifying, um sich bis auf eine Ausnahme geschlossen auf dem Medium-Reifen zu qualifizieren. Einzig Tsunoda startet auf Soft. Pirelli schlägt als optimale Strategie eine Zweistopp-Taktik mit einem Stint auf Medium und zwei auf Hard vor. Alternativ steht der Einstopper mit dem ersten Stint auf Medium und dem zweiten auf Hard auf dem Menü.

4. - S wie Schleuderpartie

Im vergangenen Jahr sorgten nasse Bedingungen für eine beispiellose Schleuderpartie. Der frische Asphalt gab Öle ab, die zusammen mit dem Regen für eine Rutschbahn sorgten. Die Piloten trugen ihre Autos daraufhin wie auf rohen Eiern um den Kurs. Durch die Behandlung des Asphalts mit Hochdruckstrahlern wurde für die Rückkehr der F1 Abhilfe geschaffen. Der bessere Grip ist ein deutlicher Fortschritt, doch auf abtrocknender Fahrbahn gab es im Zeittraining erneut einige Dreher zu sehen.

"Wir haben viel mehr Grip, aber es fühlt sich immer noch ähnlich an, was etwas seltsam ist. Du rutschst immer noch sehr viel, nur die Rundenzeit ist viel schneller", erklärte Ferrari-Pilot Charles Leclerc. Sollte Regen die Strecke unter Wasser setzen, ist laut Bottas trotzdem keine Wiederholung des Horror-Szenarios von 2020 zu befürchten. Im dritten Training erhielten die Fahrer einen Vorgeschmack und der Finne gab Entwarnung: "Der Grip im Nassen ist gut und das Auto hat sich okay angefühlt, ich habe da also keine großen Sorgen."

5. - S wie Sauwetter

Am Samstag ist die Formel 1 dem großen Regen gerade so entkommen. Trotz einer Regenwahrscheinlichkeit von 80 Prozent sowie unmittelbar vorhergesagten Schauern öffnete der Himmel seine Pforten während des Qualifyings nicht. Für den Sonntag sieht die Prognose ähnlich aus. Den gesamten Tag über soll es Regenschauer geben, zur Startzeit liegt die Wahrscheinlichkeit bei über 40 Prozent.

Helmut Marko will darauf aber nichts geben: "Sicher ist, dass die Wettervorhersage hier nicht stimmt. Es war immer anders. Wir stellen uns flexibel auf das ein, was sein wird. Man hat auch gesehen, wie spannend und kritisch es ist, dass man zur richtigen Zeit auf den richtigen Reifen draußen ist. Das ist für die Zuschauer sehr spannend und wird bei allen Beteiligten den Blutdruck erhöhen."

6. - S wie Stallregie

Bei nur noch sieben Rennen bis zur Entscheidung in der Weltmeisterschaft ist es unausweichlich, dass die Edelhelfer von Max Verstappen und Lewis Hamilton früher oder später verstärkt in Szene gesetzt werden. In der Gesamtwertung trennen die beiden Rivalen nur zwei WM-Punkte. Die vergangenen fünf Rennen wechselte die Tabellenführung drei Mal. In Russland war es Verstappen, der mit einer Motorenstrafe von hinten noch auf Platz zwei fuhr. Diesmal muss Hamilton Schadensbegrenzung betreiben.

Sein Teamkollege kann ihm dabei behilflich sein. Von der Pole Position aus ist es Bottas' Pflicht, sich vor Red Bulls WM-Aspiranten zu halten. Mercedes-Teamchef Toto Wolff stellt aber keine Taktikspielchen in Aussicht. "Valtteri will gewinnen und das ist seine beste Chance. Und außerdem hilft es Lewis", kündigte der Österreicher bei Sky Sports F1 an.

Perez wiederum dürfte wissen, dass er mit Hamilton im Rückspiegel keine Geschenken machen soll. Helmut Marko hofft aber, dass die Konkurrenz es dem Gegner ohnehin schwer genug machen wird. "Mal schauen, wie schnell Hamilton sich da durchkämpft. Zum Glück sind ein Alonso und ein Leclerc da, die ihm das schwierig machen werden", so der Red-Bull-Manager am Mikrofon des ORF.

7. - S wie Sieger

Im Grid befinden sich drei Piloten, die den Türke GPi in der Vergangenheit schon einmal gewinnen können. Neben Räikkönen und Vettel mit jeweils einem Sieg blickt Hamilton auf zwei Erfolge in Istanbul zurück. Der Mercedes-Pilot dürfte auch der einzige Fahrer dieses Trios sein, der sich berechtigte Chancen auf einen weiteren Sieg ausrechnen darf. Ohne seine Startplatzstrafe wäre er ohnehin der klare Favoriten.

In den Trainings und im Qualifying hatte er die Konkurrenz fest im Griff. Auch von Startplatz elf besteht eine realistische Chance, am Ende ganz oben zu stehen. Wenn es nicht klappt, hat Mercedes mit Bottas ohnehin die besten Karten. Wolff ist sich zumindest sicher, klar das schnellste Auto zu haben: "Red Bull sieht hier dieses Wochenende nicht so konkurrenzfähig aus und auf den Longruns waren sie sogar noch schlechter als auf einer Runde."

Bei Red Bull glaubt man daran, trotz Rückstand in der Vorbereitung dagegenhalten zu können. "Wir haben uns gegenüber den Trainings deutlich verbessert. Wir sind knapp dran, mal sehen, was Bottas anstellt, sofern ihm der Start gelingt. Das wird vorne ein enges Rennen", ist sich Marko sicher. Nach Siegen steht es im WM-Kampf zwischen Hamilton und Verstappen derzeit 5:7.