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Formel 1, Mercedes gesteht: Mit Hamilton-Taktik verkalkuliert

Mercedes verfügte in Zandvoort über viele Mittel, Lewis Hamilton vor Max Verstappen zu lotsen. Jeder Kniff scheiterte. Red-Bull-Mut unterschätzt.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Zwei Mercedes gegen einen Red Bull: Auf dem Papier schien Mercedes beim Großen Preis der Niederlande 2021 über gute Chancen zu verfügen, Max Verstappen trotz dessen Pole Position bei seinem Formel-1-Heimrennen den Sieg in Zandvoort entreißen zu können. Doch es kam anders. Lewis Hamilton fand keinen Weg vorbei an seinem Red-Bull-Rivalen. Weder Undercuts noch eine Straßensperre durch einen halb geopferten Teamkollegen Valtteri Bottas zahlten sich aus. Einerseits war Verstappen schlicht zu stark, anderseits lieferte Mercedes nicht perfekt ab.

"Gratulation an Max, sie haben heute definitiv insgesamt den besseren Job gemacht", gesteht Hamilton. "Sie waren heute auf jeden Fall schneller. Ich konnte seinen Rundenzeiten im ersten Stint nichts entgegensetzen. Ich habe wirklich alles gegeben, habe so hart gepusht wie nur möglich, aber die waren einfach zu schnell. Ich habe nur versucht, so nah dranzubleiben wie möglich."

Lewis Hamilton: Heute wäre Perfektion nötig gewesen

Insgesamt den besseren Job? Damit zielt Hamilton auf mehr als die überlegene Pace des neuen WM-Leaders. Auch als Team funktionierte Red Bull am Sonntag in Zandvoort einfach besser. Einmal mehr, trotz neuer Boxenstoppregeln, fertigten die Mechaniker Red Bulls Verstappen bei beiden Boxenstopps schneller ab als Mercedes Hamilton. Noch dazu fanden die Mercedes-Strategen für Hamilton insbesondere nach dessen zweitem Stopp keinen freien Fleck Strecke. Der Brite geriet in Überrundungsverkehr, sein Undercut gegen Verstappen verpuffte.

Selbst der Faktor Rennglück schien Hamilton nicht in die Karten zu spielen. "Ich werde ihn jetzt Noah [gemeint offenbar Moses, Anm. d. Redaktion] nennen, der Verkehr ist vor ihm einfach immer verschwunden", sagt Hamilton. Hätte all das gepasst, wäre vielleicht doch etwas möglich gewesen, vermutet Hamilton. "Heute hätte alles perfekt sein müssen, um zumindest die kleinste Chance zu haben, an ihnen vorbeizukommen, etwa über die Strategie", sagt Hamilton. "Stopps, Strategie und Verkehr hätten auf dem Punkt sein müssen, aber alle drei waren heute nicht ideal." Schon am Boxenfunk hatte sich Hamilton über den falsch getimten Undercut beklagt.

Toto Wolff: Undercut-Timing hat nicht gepasst

Den Fehler gibt nach dem Rennen auch Toto Wolff zu. "Max' Pace war unglaublich stark", sagt der Mercedes-Motorsportchef auf Sky. "Lewis war ähnlich stark, aber Red Bull war fehlerfrei. Wir hatten vielleicht eine kleine Chance mit dem Undercut. Da haben wir uns etwas verkalkuliert." Das Timing habe nicht gestimmt. "Aber am Ende bist du immer schlauer", ergänzt Wolff.

Die Idee war dabei gar nicht einmal so schlecht. Mercedes wollte Verstappen möglichst früh mit einem Undercut zum zweiten Boxenstopp zwingen, um den Niederländer auf diese Weise einem langen Schlussstint auf weichen Reifen auszusetzen und ihn so auf am Ende vielleicht stark abbauenden Reifen auf der Strecke kassieren zu können. Immerhin hatte Mercedes aufgepasst: Anders als Hamilton und Bottas verfügte Red Bull im Rennen insgesamt nur über einen Satz Medium. Verstappen musste im letzten Stint also zwingend Soft fahren. So dachte zumindest Mercedes. Doch es kam anders.

Mercedes rechnete nicht mit Red Bulls Mut zur Lücke

"Wir haben nicht erwartet, dass sie auf den harten Reifen gehen würden, denn der war eine Unbekannte. Da haben sie ein wenig gezockt und gewonnen", kommentiert Wolff Red Bulls mutige Entscheidung für den härtesten Pneu im gesamten Sortiment Pirellis. Wolff: "Wir sind den harten Reifen am Freitag nicht gefahren und dachten deshalb, dass wir sie früh für den Soft reinzwingen können. Deswegen waren wir auch nicht zu besorgt wegen des Verkehrs, in den wir gekommen sind. Aber es ist wie es ist."

Der unbekannte harte Reifen erwies sich daraufhin alles andere als schlecht. Das hatte sich Red Bull zuvor bereits bei Ferrari abgeschaut. Für Hamilton war das Rennen verloren.

Rakete Verstappen fliegt Hamilton am Start weg

Den größten Rückschlag steckte der Brite allerdings gleich am Start ein - die mit Abstand größte aller Chancen auf der überholfeindlichen Strecke von Zandvoort. "Diese eine Chance war da", sagt Wolff. "Das erste Losfahren sah auch gut aus, aber dann war Max ganz stark, hatte eine ganz starke erste Runde. Es gibt einfach Tage, an denen man neidlos anerkennen muss, dass die anderen besser waren."

Hamilton selbst war gleich am Start regelrecht fassungslos. "Mein Start war okay, der war sogar ziemlich gut. Aber er war einfach eine Rakete. Er war Weg. Da hatten wir keine Antwort", sagt Hamilton. "Sie haben dieses Jahr mit ihrem Motor einfach einen großen Schritt nach vorne gemacht. Letztes Jahr hatte sie noch nicht gerade die besten Starts. Aber dieses Jahr haben sie sich massiv verbessert."

Bottas-Blockade funktioniert nicht: Verstappen zu schnell

Ein zweites Ass Mercedes' - Bottas mit einer anderen Strategie gegen Verstappen auszuspielen - verpuffte ebenfalls vollständig. Der Finne fuhr zunächst auf einer Einstoppstrategie. Nach seinem ersten Stopp fiel Verstappen hinter den Finnen zurück und holte Bottas schnell wieder ein. Doch nun musste er vorbei. Bottas sollte als Straßensperre dienen und so Verstappen in die Fänge seines Verfolgers Hamilton treiben. Doch während der einmal mehr noch mit Überrundungen kämpfte, machte Verstappen mit Bottas auf alten Reifen kurzen Prozess und zog auf Anhieb eingangs der Start-Ziel-Geraden vorbei.

Max und Red Bull hatten heute die bessere Pace", bestätigt Bottas. "Ich war von Anfang an auf einen Stopp aus. Deshalb wusste ich, dass ich die Reifen nicht zu hart pushen kann", erklärt der Finne sein Abfallen im ersten Stint. Doch genug war das nicht. Verstappen zog mühelos vorbei, der Mercedes-Vorteil des zweiten Autos war vergeben. Für Bottas selbst war ab diesem Zeitpunkt ohnehin alles vorbei. Ein Stopp erwies sich in Zandvoort als die klar langsamere Strategie.

Mercedes: Punktsieg in der Konstrukteurswertung

Insgesamt kann Mercedes aus der Niederlage gegen Verstappen samt verlorener WM-Führung in der Fahrerwertung zumindest ein Gutes ziehen. Immerhin in der Konstrukteurswertung zog Mercedes Red Bull um weitere fünf Punkte auf nun zwölf Zähler Vorsprung davon - Sergio Perez' Aufholjagd aus der Boxengasse endete auf P8. "Wir haben als Team P2 und P3 geholt, das sind viele Punkte für die Konstrukteure und das ist super wichtig", sagt Hamilton. "Und nächste Woche kämpfen wir dann wieder!" Dann steht der Italien-GP in Monza auf dem Programm. Dort rechnet sich Mercedes wieder bessere Chancen aus.


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