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Formel 1

Formel 1 Österreich: Red Bull & Ferrari wegen Strafen uneins

Strafen sorgten bei der Formel 1 in Österreich für Debatten: Ferrari unterstützt, Red Bull kritisiert: Schwalben wie im Fußball. McLaren bemängelt Konstanz.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Drei Strafen ließen im Verlauf des Österreich-GPs der Formel 1 die Wogen hochgehen. Erst bekam Lando Norris fünf Sekunden, weil er beim Safety-Car-Restart ausgangs Kurve 3 Sergio Perez ins Kies schickte. Später folgten zwei Strafen für Perez, der Ähnliches im Duell mit Charles Leclerc anstellte. Es wurde heiß diskutiert: Waren die Entscheidungen gerechtfertigt, oder haben die FIA-Stewards es übertrieben?

Auch bei den Beteiligten gehen am Sonntag die Meinungen schnell auseinander. Die Rennleitung stellt sich hinter die Entscheidungen der Stewards, Ferrari und Charles Leclerc heißen sie hingegen gut. Red Bull äußert deutliche Kritik und beschwört Schwalben wie im Fußball herauf. Und McLaren ist sauer über fehlende Konstanz.

Formel-1-Rennleiter findet alle Strafen gerechtfertigt

Die Meinung von Formel-1-Rennleiter Michael Masi ist zu allen drei Strafen unmissverständlich: "Im ersten Fall, Sergio gegen Lando, war er gleichauf mit Lando. Daher gilt es, eine Fahrzeugbreite Platz zu lassen zum Streckenrand hin. Mit Sergio und Charles war es in Kurve 4 am Ausgang das gleiche, nur umgekehrt, und dann wieder mit Sergio und Charles am Ausgang von Kurve 6."

"Ich sitze natürlich nicht im Stewards-Büro, um zu entscheiden, aber ihre Meinung war in allen drei Fällen, dass eine Autobreite Platz gelassen werden muss, weil die beiden Autos nebeneinander waren", hält Masi fest.

Ferrari & Leclerc verstehen FIA-Entscheidungen

Zustimmung kommt von Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, dessen Fahrer gleich zweimal Opfer von Perez wurde: "Ich sah es wie die Stewards, und es wurde bestraft. Beim ersten war Charles schon vorne und wurde rausgedrückt, da gibt es keine Diskussion. Beim zweiten war es eher ein Renn-Zwischenfall, aber die Stewards haben trotzdem entschieden."

Leclerc selbst schließt sich an: "Er muss am Ausgang Platz lassen. Er weiß, dass er es ein bisschen übertrieben hat - ich habe mit Checo gesprochen, er hat sich entschuldigt, alles gut. Ich will da nicht darauf herumreiten."

Red Bull äußert Kritik an allen Strafen: Provoziert noch Schwalben

Anders klingt das bei Red Bull - obwohl man sich dort gleich selbst bei der Rennleitung beschwert hatte, als Perez beim Restart zu Rennbeginn von Lando Norris in den Schotter geschickt worden war. "Indem du nach außen ziehst, gehst du das Risiko ein, besonders wenn du nicht vorne bist", meint Teamchef Christian Horner.

"Das geht ein bisschen gegen dieses 'Let them race'-Mantra, das wir seit Jahren befürworten", klagt er, hätte keinen der Zwischenfälle bestraft, und warnt: "Du willst nicht das Äquivalent von Schwalben beim Fußball." Beim zweiten der Leclerc/Perez-Szenarios ist dieser Gedanke nachvollziehbar: Leclerc rutschte nur kurz in den Schotter und verlor eine knappe Sekunde, und keine Positionen. So etwas könnte ein F1-Pilot durchaus dramatisieren und eine Strafe provozieren.

McLaren vermisst Strafen-Konstanz: Wo war das in Frankreich?

McLaren hingegen fordert einen differenzierten Blick. "Die sind ganz klar anders, in meinen Augen fuhr Checo da in Charles rein", meint Teamchef Andreas Seidl über die erste der zwei Leclerc/Perez-Situationen. Das stellt er dem Perez/Norris-Szenario gegenüber: "Das wollen wir sehen. Lando hat nichts falsch gemacht, er war auf der Rennlinie, hat nichts Dummes gemacht, hat nicht reingehalten, war immer parallel oder leicht vorne. Das verstehe ich nicht."

Erst recht nicht, da Norris erst vor zwei Rennen in Frankreich im harten Duell mit Pierre Gasly von der Strecke gedrängt wurde, als Gasly sich mit zu viel Elan innen neben Norris setzte und geradeaus in Richtung Auslaufzone rutschte. "Das war für mich ganz klar kein Renn-Zwischenfall", bemängelt Seidl.

FIA kontert Kritik: Sind Zwischenfälle in der Formel 1 vergleichbar?

Weitere Vergleiche wurden im Laufe des Tages vorgebracht. Besonders das Duell zwischen Leclerc und Max Verstappen um den Sieg in Österreich vor zwei Jahren wurde bemüht. Damals schickte Verstappen Leclerc sogar mit Rad-an-Rad-Kontakt in die Auslaufzone, wurde aber nicht bestraft. Leclerc zweifelt die Vergleichbarkeit an - denn dieser Zwischenfall geschah in Kurve 3. Dort ist die Auslaufzone asphaltiert: "Heute waren die Folgen für mich größer, da war Schotter statt Asphalt, und außerdem war ich schon vorne."

Strafen-Chaos: Gibt es in der Formel 1 zu viele Strafen?: (29:55 Min.)

Rennleiter Michael Masi stimmt dem zu: "Natürlich hat der Schotter einen Einfluss an diesen Stellen. Also ja, wenn du es dir logisch anschaust. Jede Entscheidung muss isoliert getroffen werden, der Streckencharakteristik entsprechend und so weiter."

Auch Vergleiche mit ersten Runden lässt Masi nicht gelten. Wie zum Beispiel in Imola, als Verstappen in der ersten Kurve Lewis Hamilton über die Kerbs schickte: "Erste Kurve, erste Runde, alle diese Zwischenfälle werden lockerer gehandhabt. Das ist seit mehreren Jahren unter den 'Let them race'-Prinzipien so, wenn wir das so nennen wollen."

Red Bull & McLaren: Risiko ist außen immer gegeben

Genau diese Prinzipien würden Horner und Seidl gerne etwas ausgedehnt sehen. "Es fehlt mir ein bisschen die Fahrerperspektive", fragt sich Seidl. Bei jedem Rennen ist das Stewards-Panel mit vier Personen besetzt, eine davon ein ehemaliger Fahrer. "Ich weiß, Derek [Warwick, Ex-F1-Pilot] war heute dort. Keine Ahnung, was sein Input war. Aber nochmal, wenn ich mir den Zwischenfall ansehe, verstehe ich nicht, wie du dafür eine Strafe bekommst."

Das Fazit von Horner und Seidl ist schließlich fast identisch: Die Fahrer müssten aus dem Kart-Sport schon wissen, dass man sich in Gefahr begibt, indem man sich außen neben einen Kontrahenten setzt. "Du kannst dich nicht über den Typ beschweren, der auf der Rennlinie war", so Seidl.


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