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Formel 1

Formel 1 Monaco: Mercedes rechnet nicht nur mit Red Bull

Mercedes sieht sich beim Großen Preis von Monaco in der Jägerrolle. Red Bull zudem nicht der einzige Gegner. Max Verstappen mahnt: Brauchen Bestform.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Mit dem besten Saisonstart in der gesamten Karriere Lewis Hamiltons reist die Formel 1 zum fünften Saisonrennen 2021 nach Monaco. Bei der Rückkehr der Königsklasse ins Fürstentum nach einem Jahr Pause geht das Duell zwischen dem Weltmeister von Mercedes und Max Verstappen in die nächste Runde. Nach einem herben Rückschlag zuletzt in Spanien ist bei Red Bull vor dem Wochenende die Zuversicht zurück. Mercedes erwartet in Monte Carlo einen starken Konter aus Milton Keynes und sieht sich klar in der Jägerrolle. Noch dazu scharrt ein möglicher neuer, alte Rivale mit den Hufen. Die Vorschau zum größten Klassiker der Formel 1.

Mit 14 Punkten Rückstand für Verstappen und 29 für Red Bull befinden sich die Herausforderer der Titelverteidiger vor dem Monaco Grand Prix bereits in beiden WM-Wertung klar unter Zugzwang. In Bahrain verlor man einen nur scheinbar sicheren Sieg, in Imola gelang der Konter, doch in Portimao und Barcelona war gegen Hamilton speziell im Rennen kein Kraut gewachsen. Der Trend spricht also nicht gerade für die Bullen.

Red Bull gesteht: Mercedes-Rennpace besser

„Wir haben seit Bahrain gesehen, dass Mercedes’ Rennpace bei jedem bisherigen Grand Prix besser gewesen ist als unsere, auch ihr Abbau [der Reifen] war besser als unserer“, analysiert Teamchef Christian Horner. Eine wenig Gutes verheißende Bestandsaufnahme. Der Brite sieht zumindest einen Hoffnungsschimmer: Der leichte Nachteil soll eigentlich konstant gewesen sein, nicht größer geworden, wie es in den beiden vergangenen Grands Prix nicht nur schien, sondern de facto war.

„In Barcelona ist der [Hamilton] teilweise fast eine Sekunde schneller gefahren, wenn er nochmal Gas gegeben hat“, erinnert Ralf Schumacher bei Sky. „Das war schon faszinierend, fast beängstigend zu sehen.“ Horner kontert: „Wir wussten, dass die letzten beiden Kurse zu ihren Stärken passen würden. So war es auch, aber wir waren sehr viel näher dran als wir es zuvor [2020] waren.“ Ein Blick in die Statistik ist hier in der modernen Formel 1 schwierig. Späte Boxenstopps zur Jagd auf die schnellste Rennrunde lassen die Vergleichbarkeit leiden.

Red Bull hält Konter für möglich - gerade in Monaco

Red Bull ist jedenfalls überzeugt: Es gibt ein Defizit, aber keines, das sich nicht überwinden ließe. Ganz besonders gilt das für Monaco. Grund zur Hoffnung gibt den Bullen vor allem der letzte Streckenabschnitt zuletzt in Barcelona. „Der dritte Sektor ist manchmal ein guter Indikator dafür, wie das Auto in Monaco sein könnte. In Monaco sollten wir hoffentlich konkurrenzfähig sein“, sagt Horner über den winkligen Schlusssektor in Katalonien.

Und tatsächlich: Gut war Mercedes dort zwar auch, doch wenn Red Bull in Spanien Zeit auf die Mercedes gutmachte, dann im letzten Sektor. Im Qualifying erzielte Verstappen dort mit gut einer Zehntelsekunde Vorsprung auf Hamilton die Sektorbestzeit. Im Rennen war der Unterschied noch größer, allerdings erneut auch bedingt durch Verstappens späten Reifenwechsel für die Jagd auf die schnellste Runde. Aber: Diesen Reifenwechsel vollzog auch Valtteri Bottas. Der Unterschied im letzten Sektor: fast eine halbe Sekunde Rückstand. Auch Sergio Perez im zweiten Red Bull fuhr dort zumindest eine Viertelsekunde schneller als der Finne.

Dritter Sektor in Barcelona als Indiz für Monaco

Angesichts dieser Zahlen geht Mercedes mit viel Understatement ins Rennwochenende von Monte Carlo. „Monaco ist eine High-Downforce-Strecke und wir wissen, dass dies eine der Stärken von Red Bull ist. Sie waren im dritten Sektor in Spanien sehr schnell und das ist oft ein guter Indikator für eine starke Performance in Monaco“, warnt Teamchef und Team-Chefmahner Toto Wolff. „Deshalb gehen wir in dem Wissen in das Wochenende, dass sie das Team sein werden, das es zu schlagen gilt.“

Mercedes leitender Ingenieur an der Rennstrecke, Andrew Shovlin ergänzt einen weiteren Aspekt. Mercedes will in Barcelona bereits den ultimativen Heckflügel in Sachen Abtrieb gefahren sein. Red Bull beließ es bei einem Testlauf im Training. „Also können sie ein bisschen mehr Abtrieb draufpacken“, analysiert der Brite. Chancen gebe es dennoch. Immerhin habe sich Mercedes im letzten Sektor dennoch nicht verstecken müssen. Shovlin: „Auf dem Papier würde ich sagen, dass es Red Bull besser passt. Aber wir waren in Barcelona auch gut in den langsamen Kurven, und das ist ein guter Indikator für Monaco.“

Power-Vorteil für Mercedes in Monaco geringer

Ralf Schumacher ergänzt einen weiteren Aspekt: Motorleistung. Die sei bei Mercedes absolut noch immer besser als bei Honda. Ein Vorteil, der in Monaco geringer ausfalle. „Monaco könnte eine andere Geschichte werden, weil dort die Mercedes-Power, die einfach da ist, keine ganz so große Rolle spielen wird“, sagt Schumacher. „Und der Red Bull sollte auf dem engen Kurs ganz gut unterwegs sein.“ Eine Überraschung traut der TV-Experte der Konkurrenz allerdings zu. Zaubert Mercedes doch noch einen steilen Heckflügel aus der Kiste? Schumacher. „Ich bin gespannt, was für Downforce-Konfigurationen wir sehen werden. Da wird alles draufgepackt, Effizienz spielt keine Rolle.“

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Oberste Priorität genießt in Monte Carlo zudem mehr das Qualifying als das Rennen - und hier war Red Bull auch in Spanien und Portugal in Relation zu Mercedes besser aufgestellt als an den Sonntagen. „Bei jedem Grand Prix in diesem Jahr lag weniger als eine Zehntelsekunde zwischen uns und der Pole Position - Bahrain ausgenommen“, erinnert Horner, inklusive Verweis auf die einmalige Klatsche für Mercedes beim Saisonstart. „Es war phänomenal eng und in Monaco müssen wir sicherstellen, dass wir Mercedes schlagen. Aber wir wissen, dass das unglaublich hart wird.“

Max Verstappen fordert perfekte Ausführung

Die Zuversicht ist dennoch groß, auch bei den Fahrern. „Ob wir schnell sind oder nicht, sehen wir. Aber bislang waren wir im Qualifying ziemlich nah zusammen, deshalb hoffe ich, dass es in Monaco genauso sein wird“, sagt Max Verstappen. Der Niederländer sieht das Potential klar vorhanden, pocht deshalb sehr viel mehr auf das, was bislang vor allem Mercedes auszeichnete: eine exzellente Ausführung.

„Wir brauchen einfach ein sauberes Wochenende, das ist sehr wichtig“, mahnt Verstappen. „Wir müssen einfach sicherstellen, dass wir es am Samstag voll treffen. Dann ist es am Sonntag normalerweise recht simpel, da überholen so schwierig ist.“ Selbst in Monaco muss Red Bull mit einem Gegner vom Format Mercedes‘ jedoch wachsam bleiben. „Es kann noch immer so viel passieren. Wir müssen jetzt am Samstag und Sonntag in Bestform sein, um sicherzustellen, dass wir auf der obersten Stufe des Podiums stehen“, fordert Verstappen.

Sergio Perez: Kann er endlich helfen?

Sich selbst nimmt der Niederländer dabei nicht aus. In Monaco stand Verstappen noch nie auf dem Podium. Auch, weil er seine größte Chance 2018 schon mit einem Crash im dritten Training selbst ruinierte. „Das würde ich gerne ändern“, sagt Verstappen und fügt in Erinnerung an die damaligen Szenen lachend an: „Ich weiß sehr gut, dass es in Monaco keinen Raum für Fehler gibt!“

Besser helfen muss in Monaco auch Teamkollege Sergio Perez. Der Mexikaner spielte zuletzt in Barcelona nach einem schwachen Qualifying keine Rolle in der Spitzengruppe. Das erleichterte Mercedes die am Ende erfolgreiche Zweistoppstrategie. Wäre Perez weiter vorne gewesen, hätte der Mexikaner Hamilton aufhalten können. Neben überwundenen Schulterschmerzen will ‚Checo’ in Monte Carlo nun bereit sein. Dabei stellt das Fürstentum gerade für den Mexikaner - wie für alle Teamwechsler des Winters - die bis dato größte Herausforderung dar.

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„Du brauchst da jede Menge Vertrauen ins Auto, weil der Raum für Fehler so klein ist. Ich fühle mich im Auto jetzt aber sicherer und hoffe, das am Wochenende zeigen zu können“, sagt Perez. Der Mexikaner rechnet sich sogar selbst das absolute Maximum aus. Perez: „Ich freue mich sehr auf Monaco, besonders mit diesem Auto. Historisch gesehen war Red Bull in Monaco stark. Ich denke, dass wir eine Chance haben, das Rennen zu gewinnen.“

Charles Leclerc: Geheimtipp im Wohnzimmer?

Diese Chance wird von mancher Seite auch einem monegassischen Ureinwohner zugeschrieben: Spielt Charles Leclerc im Ferrari bei seinem Heimrennen plötzlich vorne mit? „Gleichzeitig erwartet uns auch starke Konkurrenz von den anderen Teams. Aber wie schon bei den vergangenen Rennen in dieser Saison genießen wir es, uns in der Jägerrolle zu befinden“, warnt Toto Wolff auch vor neuen Gegnern. Gemeint sein kann damit fast nur ein alter Gegenspieler - Ferrari.

Zuletzt standen die Roten in Monaco 2017 auf der Pole Position. Hinter Kimi Räikkönen komplettierte Sebastian Vettel damals sogar eine reine erste Startreihe in roten Farben. Warum das seit 2020 kriselnde Ferrari jetzt plötzlich zurück sein soll? Zunächst einmal mehr wegen Sektor drei in Barcelona. Auch Ferrari trumpfte dort auf. Bis auf eine Zehntel kam Leclerc im Rennen dort an Hamiltons beste Zeit heran. „Wenn ich mir den dritten Sektor anschaue, dann waren wir dort ziemlich wettbewerbsfähig“, sagt Leclerc. „Das gibt die ein gutes Gefühl“, bestätigt Sainz. Generell präsentierte sich die Scuderia in Spanien grundlegend stark verbessert, als dritte Kraft.

Ferrari in Monaco: Einmal wieder Top-Team?

Folgt in Monaco der nächste, wenngleich wohl nur einmalige Schritt zurück in den Kreis der Top-Teams? Auch der Scuderia helfen die geringeren Anforderungen an die Power Unit. „Das Leistungsdefizit, das Ferrari hat, ist für mich eindeutig. Das wird in Monaco nicht so ins Gewicht fallen“, sagt Schumacher. „Mit dem Auto und dem Fahrerischen - speziell Charles Leclerc - hat man da schon Chancen.“ Ein weiteres Plus: Leclercs herausragende Fähigkeiten im Qualifying, zuletzt in Barcelona vierter im Grid. Ein Spitzenresultat am Samstag wäre unendlich viel mehr wert als auf jeder anderen Strecke.

Dennoch: Insgesamt bleibt Ferrari vorsichtig. Immerhin werden in Monaco grundlegend völlig einzigartige Setups gewählt. Das könne das jüngste Bild auch wieder auf den Kopf stellen, heißt es aus Maranello. Für Schumacher spielt all das grundlegend keine Rolle. Diskussion um Platz drei für Ferrari? „Da kann man jetzt sagen: 'Ja, ist spitze.' Aber ganz ehrlich: Das ist schon ein erschreckendes Mittelmaß, mit dem wir uns da zurzeit beschäftigen“, kritisiert Schumacher. „Das klare Ziel war anders. Die Möglichkeiten sind riesig, dann muss schon noch einiges passieren in Zukunft.“

Alpine mit Ambitionen: Qualifying-Stärke ausspielen

Wenn es im Monaco überhaupt tatsächlich um Platz drei geht. Mit McLaren und inzwischen auch Alpine - letztere vor allem mit Stärken im, nochmal, Monaco so wichtigen Qualifying - bleibt es zudem bei zwei nicht zu unterschätzenden Gegnern. Muss Ferrari doch eher nach hinten schauen, statt zumindest im Ansatz wieder in eigentlich angestammte Sphären vorzustoßen?

„Ich denke, dass wir im Quali mit Ferrari kämpfen können. Da bin ich ziemlich zuversichtlich“, droht Esteban Ocon geradezu. „Darauf müssen wir uns in Monaco fokussieren.“ Die schwächere Pace Alpines im Rennen sei dann zu verschmerzen. „Im Rennen ist es natürlich schwer zu überholen. Das ist also weniger kritisch, auch wenn wir gerade etwas langsamer als Ferrari und McLaren sind, wenn es um pure Rennpace geht.“

Aston, Alfa & Alpha: Wiedergutmachung in Monaco?

Auf Wiedergutmachung für einen bis dato völlig unbefriedigenden Saisonstart brennen unterdessen die drei As - Aston Martin, Alfa Romeo und AlphaTauri. Den beiden Erstgenannten fehlte es vor allem schlicht an Pace, Letztere brachten sich trotz vorhandener Pace bereits mehrfach selbst um den Lohn. Fahrfehler, Strategiefehler und Lehrgeld für F1-Rookie Yuki Tsunoda sorgten für Ärger im Team um Franz Tost. Vor allem der Japaner steht bei seinem ersten Auftritt in Monaco im Fokus. Zu viel Eifer wie zuletzt ist gerade in den engen Straßen von Monte Carlo fatal.

Auch Haas gab für Mick Schumacher und Nikita Mazepin deshalb bereits die Devise aus: Hauptsache Mauerkontakt vermeiden! Bleibt noch Williams. Das Team aus Grove setzt 2021 generell auf ein Konzept mit viel Abtrieb. Das könnte beim 750. Grand Prix des Teams für eine Überraschung sorgen - vor allem dank George Russell, wie Leclerc bei Ferrari immer gut für das gewisse Extra im Qualifying.


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