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Formel 1

Formel 1, Bottas hilft Hamilton nicht: Eigenes Rennen hat Prio

Valtteri Bottas hat im Rennen in Barcelona nichts mit dem Kampf um den Sieg zu tun. Als er Lewis Hamilton helfen soll, hat der Finne andere Dinge im Sinn.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Valtteri Bottas hat auch beim Großen Preis von Spanien wieder Punkte auf die beiden großen Titelfavoriten Lewis Hamilton und Max Verstappen verloren. In Barcelona landete der Finne abgeschlagen auf dem dritten Platz. Ein Positionsverlust gegen Charles Leclerc kurz nach dem Start kostete der 31-Jährigen jede Chance auf den Sieg. In den Fokus geriet Bottas dennoch durch den Kampf um den Sieg - indem er Hamilton trotz Aufforderung seitens Mercedes nicht ganz bereitwillig durchwinkte. Auch deshalb war sein 50. Podium für Mercedes keine große Feier.

Die spannendste Szene in Bottas’ Rennen ereignete sich in Runde 52. Bottas hatte zu diesem Zeitpunkt erst einmal gestoppt, Hamilton bereits zweimal. Nur deshalb lag der Brite hinter dem Finnen und holte - auf der Jagd nach dem Führenden Verstappen mit großen Schritten auf. Mercedes machte Bottas deshalb via Boxenfunk klar: Hamilton sei auf einer völlig anderen Strategie und befinde sich im Kampf um den Sieg. Heißt: Bottas soll den Weltmeister einfach überholen lassen.

Mercedes bittet Bottas: Hamilton vorbeilassen

„Ich habe die Nachricht bekommen“, sagt Bottas. „Sie haben gesagt, halte ihn nicht zu arg auf. [...] Wir waren zu diesem Zeitpunkt auf anderen Strategien. Wenn nichts Verrücktes mehr passieren würde, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit ihm gekämpft.“ Dennoch ließ Bottas Hamilton nicht bei der ersten Gelegenheit durchschlüpfen. Bis Kurve zehn hielt der Finne seinen Teamkollegen auf. Erst am Ende der Gegengeraden ließ Bottas Hamilton passieren - und auch das noch mit Gegenwehr. Einfach durchwinken? Nichts da!

Dementsprechend versteinerte Gesichter sah man in der Mercedes-Garage, nach dem engen, aber erfolgreichen Überholmanöver folgte die große Entspannung. Warum Bottas sich nahezu widersetzte? Sah der Finne es trotz unterschiedlicher Strategien nicht ein, seinem Teamkollegen etwas zu schenken? Weil er selbst noch an den Titel denkt? Nicht ganz.

Bottas: Bin nicht hier, um alle vorbeifahren zu lassen!

„Ich bin auch mein eigenes Rennen gefahren, ich bin nicht hier, um alle Leute vorbeifahren zu lassen“, sagt Bottas zwar. Tatsächlich ging es dem Finnen allerdings nur um ein eigenes Fernduell. „Ich wollte zu diesem Zeitpunkt Charles aus meinen Boxenstopp-Fenster bekommen, damit ich nochmal stoppen konnte und vor ihm bleiben würde“, erklärt Bottas. „Deshalb wollte ich nicht zu viel Zeit verlieren und war auf mein Rennen fokussiert.“

An das Teamergebnis habe er natürlich auch gedacht. Bottas: „Es geht darum, die Dinge abzuwägen. Als Rennfahrer bist du selbst und dein Rennen deine Priorität. Das ist dein Job. Aber wir arbeiten auch als Team. Wir wollen dem Sieg nicht den Sieg ruinieren, wenn das möglich ist und für uns selbst nicth möglich ist. Deshalb habe ich versucht, das Beste für mich und auch das Team zu schaffen. Das ist am Ende immer schwierig. Aber ich denke, dass es okay war.“

Lewis Hamilton: Racing gegen Bottas völlig in Ordnung

Für Hamilton war es das. „Ich wusste gar nicht, dass er eine Nachricht bekommen hatte“, sagt der spätere Rennsieger. „Für mich sind wir da gegeneinander gefahren. Das ist völlig in Ordnung. Vor allem so früh in der Saison. Ich kam ihm nah und wollte ihn überholen. Wir waren auf einer anderen Strategie und ich hatte viel bessere Reifen, irgendwann hätte ich ihn sowieso bekommen. Aber dann waren wir in Kurve zehn und ich habe schon eine Lücke gesehen. Ich war nicht ganz sicher, aber Valtteri war völlig fair.“

Hamilton gibt sich sogar in größerer Sorge um den Zeitverlust für Bottas. „Ich hoffe, ich habe ihn da nicht zu viel Zeit gekostet“, sagt der Brite. Völlig einverstanden scheint der Weltmeister allerdings nicht gewesen zu sein. Hamilton: „Manchmal bist du als Team einfach in der Situation, dass du das Team an erste Stelle stellen musst. Zweiter und Dritter, das ist gut. Aber für den ersten Platz kriegst du die maximalen Punkte. Das ist der Schlüssel.“

Wolff zeigt Verständnis, aber: Bei anderem Ergebnis andere Geschichte

Toto Wolff bewertet die teamintern haarige Szene ähnlich. „Rennfahrer haben Instinkte, die sind wie sie sind. Ich kann Valtteri verstehen, dass er genervt war, denn er hatte bis dahin wieder einen harten Tag“, verteidigt der Mercedes-Motorsportchef den Finnen. Aber: „Klar hätten wir uns gewünscht ... Lewis war auf einer ganz anderen Strategie. Aber am Ende haben wir das Ergebnis geholt. Wenn wir das Resultat nicht bekommen hätte, wäre es jetzt vielleicht eine etwas andere Geschichte ...“

Insgesamt habe Hamilton durch den Vorfall vielleicht eine Sekunde verloren, so Wolff. Das scheint im Nachhinein nicht viel. Immerhin überholte Hamilton Verstappen sogar vier Runden vor Rennende. Während des Rennens hatten die Mercedes-Strategen allerdings einen knapperen Ausgang berechnet. Danach hätte Hamilton Verstappen erst in der letzten Runde einholen sollen. Eine Sekunde war zu diesem Zeitpunkt also entscheidend.

Bottas verliert Rennen am Start: Leclerc geht vorbei

Überhaupt einen ‚harten Tag’ erlebte Bottas vor allem wegen der dritten Kurven des gesamten Rennens. Dort überholte ihn direkt nach dem Start der Ferrari von Charles Leclerc über die Außenbahn. „Das war das Hauptprolem. Wenn du hier Track Position verlierst, dann hast du ganz klar richtig Ärger“, sagt Bottas. Barcelona ist bekanntlich keine Strecke, die zu Überholmanövern einlädt. Bottas: „Das hat mich im ersten Stint viel Zeit gekostet, klagt der Finne. Auch am Safety-Car-Restart habe ich ihn nicht bekommen. Dann bin ich dahinter festgesteckt und habe Boden auf Max und Lewis verloren.“

Rund zehn Sekunden kostete das den Finnen bis Runde 22 und zu seinem ersten Stopp. „Dann wirst du eben bestenfalls noch Dritter“, verteidigt Wolff den Finnen. Generell in Problemen sei Bottas nicht, auch nicht mental. „Da ist er sehr stark. Und er macht ja auch Punkte, und gestern waren drei Fahrer in nur einem Zehntel. Wenn am Start etwas daneben geht, dann ist es eben einfach so, dass du viel Zeit gegen die Führenden verlierst.“

Bottas in WM-Wertung fast zwei Siege hinter Hamilton

Die eine Zehntel im Qualifying ist es, die für Bottas alles geändert hätte. „Dann wäre das Rennen vielleicht anders gewesen. Dann hätte ich besser kämpfen können“, glaubt der Finne. „So habe ich dann Charles in Kurve drei gar nicht gesehen“, sagt Bottas. Er sei nur darauf konzentriert gewesen, in Hamiltons Windschatten zu bleiben. „Ich wusste gar nicht, dass Charles so nah dran war. Als ich dann gesehen habe, dass er richtig schnell über außen kam, war es schon zu spät.“

Mit seinem dritten Rang in Barcelona verbesserte sich Bottas in der WM-Wertung zumindest wieder auf den dritten Platz - vorbei an Lando Norris. Mit 47 Zählern rangiert der Finne allerdings bereits ebenso viele hinter dem WM-Führenden Hamilton. Bottas hat also genau halb so viele WM-Punkte gesammelt wie sein Teamkollege.


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