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Formel 1

Sebastian Vettel erledigt Fahrstil-Mythos: Heck nie das Problem

Verbauten Ferraris Ingenieure Sebastian Vettel den Erfolg in Rot? Der Aston-Martin-Pilot widerspricht: Keine Probleme mit übersteuerndem Formel-1-Auto.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Sebastian Vettel absolvierte bei den Formel-1-Testfahrten 2021 nur 117 Runden für sein neues Team Aston Martin. Geplagt von technischen Problemen am AMR21 fuhr er die wenigsten Kilometer aller Stammfahrer im Grid. Die Voraussetzungen für das erste Rennen in Bahrain sind damit alles andere als optimal.

Doch der viermalige Weltmeister hat trotz wenig Laufleistung bereits diverse Baustellen lokalisiert. Eine davon bearbeitete im Vorjahr Nico Hülkenberg bei Racing Point. Ausreden will Vettel aber ohnehin nicht gelten lassen. Er entkräftet ein Gerücht, mit dem Außenstehende über Jahre hinweg versuchten, seine Ferrari-Probleme zu begründen.

"Ich glaube, diese ganze Diskussion um die Stabilität des Hecks ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen", so Vettel im Gespräch mit der französischen Zeitschrift Auto Hebdo. Als sich seine Fahrfehler ab Mitte 2018 häuften, wurde unter Fans und Experten verzweifelt nach einer Erklärung für die vielen Dreher des Top-Fahrers gesucht. Eine davon machte den mutmaßlich nicht auf Vettels Fahrstil optimierten Ferrari verantwortlich.

Wenig später griffen auch Teile der Medienlandschaft die These auf, dass Vettels fehlendes Vertrauen in die Boliden der Scuderia in deren Konstruktion wurzelte. Der zum Übersteuern neigende Ferrari würde gegen den Fahrstil des Heppenheimers arbeiten. Wenige Monate nach seinem Aus im italienischen Team erteilt er diesen Mutmaßungen eine deutliche Absage.

Vettel bevorzugt Übersteuern im Formel-1-Auto

"Wenn man sich die Autos anschaut, die ich bei Red Bull und auch zu Beginn bei Ferrari gefahren bin, war das Heck immer etwas nervös", sagt er. Probleme habe ihm dies nie bereitet: "Ich glaube nicht, dass ich was das angeht in irgendeiner Weise anfälliger als jeder andere bin. Wenn das Heck sehr instabil ist, verlierst du natürlich viel Zeit und das mag niemand."

Solang dieser Extremfall nicht eintritt, bevorzugt der 33-Jährige es, wenn sich das Auto mit der Hinterachse dirigieren lässt. "Ich mag es nicht, wenn ein Auto untersteuert. Mit Übersteuern hast du mehr Spielraum. Es gibt beim Untersteuern ein paar Techniken, aber du hast weniger freie Hand. Ich mag es mehr, wenn das Heck etwas lose ist. Das hilft dir beim Einlenken", erklärt er.

Bei Ferrari haben hingegen andere Dinge als ein übersteuerndes Konzept eine Rolle gespielt. "Jedes Auto hat seine eigenen Gewohnheiten. Natürlich hat auch jeder [Fahrer] seine eigenen Vorlieben. Aber wenn du glücklich und zufrieden mit deiner Umgebung bist, kannst du dich sehr schnell anpassen, das Auto im Griff haben und es so oder so an sein Limit pushen", so Vettel.

Aston Martin lobt Vettels Fahrstil: Weniger extrem als Perez

Von seinem neuen Arbeitgeber erhielt er bei den Testfahrten bereits Lobeshymnen für seinen Fahrstil. "Seb hat seinen eigenen Fahrstil, aber der ist nicht so anders, verglichen mit den Stilen, die wir von anderen Fahrern gesehen haben", so Aston Martins Technikdirektor Andrew Green. Er erwartet sogar, dass Vettel es den Ingenieuren leichter als Sergio Perez machen wird, der zwar die größten Erfolge des Teams einfuhr, allerdings einen anspruchsvolleren Fahrstil pflegte.

"Er ist nicht so extrem wie der Fahrer, den er ersetzt und der einen sehr extremen Fahrstil hatte, der nicht auf allen Rennstrecken funktioniert hat. Auf manchen hat er damit geglänzt, auf anderen nicht", so Green, der in Vettels Handschrift Vorteile gegenüber der des Mexikanes erkennt. "Sebs Stil ist weniger extrem und wir haben alle Tools, um das Auto an seine Bedürfnisse anzupassen."

Perez konnte sich bei diesen Aussagen seines ehemaligen Kollegen einen Konter nicht verkneifen. "Ich denke, dank dieses extremen Fahrstils haben wir sehr viele Punkte geholt", so der Grand-Prix-Sieger. Neben seinem bis dato einzigen Triumph holte er in sieben Jahren fünf dritte Plätze sowie einen zweiten Platz für das Mittelfeld-Team.

Der 31-Jährige nimmt das Statement Greens allerdings nicht allzu persönlich: "Du musst dich bei jedem Auto etwas anpassen. Es ist schon sehr spezifisch, um welchen Aspekt es dabei geht. Extrem kann vieles bedeuten, wer weiß?"

Alles zu Sebastian Vettels neuer Challenge bei Aston Martin!: (02:49 Min.)

Vettel fremdelt wie Hülkenberg mit der Lenkung

So wie Perez bei Red Bull 2021 vor einer neuen Herausforderung steht, befinden sich derzeit diverse Fahrer in der Formel 1 in der Adaptionsphase auf ein neues Arbeitsgerät. Während Daniel Ricciardo bei McLaren noch mit dem Gefühl für das Bremspedal hadert, empfindet Vettel bei Aston Martin einen anderen Bereich als befremdlich.

"Die Lenkung fühlt sich bei dem Auto ganz anders an. Natürlich hat jedes F1-Auto Servolenkung, aber jede Servolenkung ist etwas anders eingestellt und vermittelt dir einen anderen Eindruck. Wenn du fährst hast du letztendlich das Lenkrad in deinen Händen und das ist das Feedback, das du bekommst", erklärt er.

Das Verhalten der Lenkung packte im Vorjahr Nico Hülkenberg bei einem seiner Einsätze als Edelreservist an. Der Emmericher ging zwischen 2012 und 2016 in vier Saisons für das Vorgänger-Team Force India an den Start. Letztes Jahr sprang er beim Double Header in Silverstone spontan für den krankheitsbedingt ausgefallenen Sergio Perez ein und lieferte dabei Feedback für die Ingenieure, das prompt umgesetzt wurde.

Als er auf dem Nürburgring wenige Wochen später für den ebenfalls erkrankten Lance Stroll ins Lenkrad griff, wurde er von einem neuen Gefühl überrascht: "Speziell an der Lenkung ist seit Silverstone einiges passiert. Der erste Run und die ersten Runden waren schon ein Geeiere, weil das Einlenkverhalten und der Speed ganz anders waren. An die neue Übersetzung der Lenkung muss man sich erst einmal gewöhnen und umstellen."


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