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Formel 1

Formel 1 gegen das Wetter: Die größten Chaos-Wochenenden

Die Formel 1 fährt in drei Trainings-Stunden 2020 auf dem Nürburgring keine Runde. Aber nicht zum ersten Mal sorgt das Wetter für Chaos. Ein Rückblick.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 war am Freitag auf dem Nürburgring zum Nichtstun verdammt. Starker Nebel zwischen Strecke und Notfall-Krankenhaus verhinderte den Start des Rettungs-Helikopters, und damit subsequent auch den Start des ersten, und dann des zweiten Trainings.

Formel 1, Nürburgring: Mick Schumachers Debüt fällt ins Wasser!: (11:22 Min.)

Das ist aber bei weitem nicht das erste Mal, dass die Formel 1 vom Wetter ausgebremst wird. In ihrer 70-jährigen Geschichte hat sie bereits viele Verschiebungen, Absagen und Chaos-Aktionen erlebt. Rennen zwischen 20 Minuten und vier Stunden, Klimawandel während der Session - Motorsport-Magazin.com mit den Highlights.

Formel 1 Spa 1966: Regenwand versenkt sieben Autos

Als eines der größten Chaos-Regenrennen ging der Belgien-GP von 1966 in Spa in die Formel-1-Geschichte ein. Vor dem Start wusste aber noch niemand davon. Nach einem davor trockenen Wochenende zogen höchstens die ersten Wolken über die Strecke, doch als das Rennen losging, war es staubtrocken. Ferrari-Pilot John Surtees übernahm in der ersten Kurve in Führung.

Regenchaos 1966 in Spa - Foto: Sutton

Es ging den Berg hoch - und nach dem ersten Drittel der Strecke plötzlich in einen monumentalen Regenguss, den die Fahrer als eine Wand aus Wasser beschrieben. Die hing mitten in der langen Burnenville-Rechtskurve, und auf den nächsten Kilometern herrschte plötzlich Weltuntergangsstimmung. Nicht weniger als sieben der 16 gestarteten Autos schwammen auf und crashten aus dem Rennen. Die dramatische Sequenz wurde für den Film 'Grand Prix' von einem von Phil Hill pilotiertem Kameraauto festgehalten.

Am schlimmsten erwischte es Jackie Stewart. Er schwamm vor der Highspeed-Schikane 'Masta' auf und bog in ein Haus ab. Mangels erster Hilfe wurde er von Fahrerkollegen befreit, der Unfall gab ihm den Anstoß, sich für mehr Sicherheit einzusetzen. Das Rennen gewann John Surtees, nur fünf Fahrer kamen ins Ziel.

Formel 1 Nürburgring 1968: Stewart wandelt durch den Nebel

Wie der Trainings-Freitag auf dem Nürburgring 2020 zeigte, muss es nicht immer der Regen sein - und mit Nebel hat man auf dem Nürburgring schon viele Erfahrungen gemacht, auch in der Formel 1. 1968 wurde zwar im August gefahren, aber nach durchgehenden Regenfällen war die Nebelsuppe am Wochenende unvorstellbar dicht.

Nebel und Regen - Foto: Sutton

Am Freitag wurde ein paar Minuten am Vormittag gefahren. Am Samstag wurden ein paar Minuten am Nachmittag gefahren. Schließlich wurde am Sonntag noch ein zusätzliches Training eingefügt. Zu sehen war nichts. Immerhin wurde zugewartet, und die Fahrer wurden befragt. Mit fast einer Stunde Verspätung ging es los. "Die Sicht war so unglaublich grauenvoll, dass ich nicht einmal Chris [Amons] Auto vor mir sehen konnte", erinnerte sich Jackie Stewart in seiner Autobiografie.

Stewart löste das Problem auf seine Weise. Er übernahm die Führung in der ersten Runde, und ließ sich von Sturzbächen auf der Strecke nicht aus der Ruhe bringen. Mit vier Minuten Vorsprung fuhr er zum Sieg.

Formel 1 Fuji 1976: Die WM-Entscheidung muss gefahren werden

1976 freute sich die Formel 1 beim Saisonfinale in Japan auf einen wahrhaft gigantischen Titelkampf. James Hunt gegen den nach seinem schweren Nürburgring-Crash zurückgekehrten Niki Lauda. Das Wetter aber schickte sich am Renntag an, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Dichter Nebel und starker Regen, die üblichen Sündenböcke.

Fuji 1976 versprach Schwimmübungen - Foto: Phipps/Sutton

Wieder wird der Start verzögert. Wieder wird trotzdem gestartet, trotz Sicherheitssorgen vieler Fahrer. Darunter auch Lauda, der kurz nach dem Start mit mehreren anderen Fahrern an die Box kommt und aufgibt. Es sei unfahrbar, das war Lauda die WM nicht wert. Das Finale büßte trotzdem nichts von seiner Dramatik ein, Hunt schaffte trotz spätem Reifenschaden ein Podium und wurde Weltmeister.

Formel 1 Adelaide 1991: Das kürzeste Rennen der Geschichte

Grenzwertige Regenfälle gab es auch 1991 in Adelaide zum Australien-GP. Ein Wolkenbruch kurz vor dem Start stoppte das Event jedoch nicht - vielleicht hätte er das sollen. Regengott Ayrton Senna fuhr vorne weg und damit auf dem einzigen Platz, der kurz mal freie Sicht hatte. Hinter ihm die Sintflut, buchstäblich.

Ayrton Senna kämpfte in Adelaide 1991 gegen die Elemente - Foto: Sutton

Die Dreher begannen sofort, in Runde vier der erste Ausfall. Gelbe Flaggen überall. Das Wasser wurde nicht weniger, sondern mehr. Aquaplaning warf immer mehr Fahrer aus dem Rennen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnten. Nach nur 16 Runden war das Chaos nicht mehr zu überblicken. Senna forderte per Handzeichen Abbruch, er war nicht der einzige. Die Rennleitung gab ihm Recht und beendete nach nur 24 Minuten und 34 Sekunden. Nicht das erste Abbruch-Rennen, aber eindeutig das kürzeste.

Formel 1 Montreal 2011: Das längste Rennen der Geschichte

Das genaue Gegenteil davon war der Kanada-GP des Jahres 2011. Zum Rennstart war der Regen noch unter Kontrolle, nach fünf Runden hinter dem Safety Car konnte es losgehen. Doch die Prognosen sahen düster aus. Und sie sollten sich bewahrheiten.

Bei anhaltend starkem Regen taten sich die Fahrer schon schwer. Als dann der wirkliche Regensturm über die Strecke trieb, war Schluss. Aber nicht ganz. Das Rennen wurde unterbrochen, nicht abgebrochen. Über zwei Stunden lang standen die Autos unbewegt in der Startaufstellung. Dann ein Wunder: Es sollte doch weitergehen.

Der Regensturm von Kanada 2011 war tatsächlich kein Dauerzustand - Foto: Sutton

Nicht nur das - in einer dramatischen Schlussphase trocknete es sogar auf. Slicks waren angesagt. Mischwetter-Spezialist Jenson Button timte seinen sechsten (!) Boxenstopp genau richtig und jagte in der letzten Runde Sebastian Vettel den Sieg ab. Nachdem er im Laufe des Rennens nach Reifenschaden und Strafe schon Letzter gewesen war. 4 Stunden und 4 Minuten dauerte das.

Formel 1 Suzuka 2004, 2010, 2019: Böse Taifune

Ganztages-Ausfälle gibt es in der Formel 1 immer wieder einmal. 2004 musste erstmals ein Qualifying verschoben werden, Taifun Ma-on flutete die Strecke. Der ganze Samstag wurde nach einem chaotischen Freitag in weiser Voraussicht abgesagt und am Sonntagvormittag nachgeholt.

Der Spaß wiederholte sich 2010. Wahrlich keine Überraschung, wenn man Rennen in der Sturmsaison fährt. 2010 waren die Prognosen nicht ganz so schlimm, folglich wurde in der Boxengasse einen Tag lang zugewartet, bis man absagen musste.

2019 wurden in Suzuka am Freitag schon Sandsäcke geliefert - Foto: LAT Images

Vor fast genau einem Jahr, am 12. Oktober 2019, dann der dritte Streich. Wieder Japan, wieder Suzuka, diesmal war es Supertaifun Hagibis. 250 km/h sollten die Windspitzen betragen, so die Prognose - dass da an Fahren nicht zu denken war, stand außer Frage. Wieder wurde der ganze Samstag abgesagt, am Sonntag nachgeholt.

Übrigens geht das auch abseits von Suzuka: 2013 in Australien und 2015 in den USA konnte man am Samstag auch nicht fahren. Eine faszinierende Gemeinsamkeit tat sich dabei auf: Immer holte ein Deutscher die Pole. Suzuka 2004 ging an Michael Schumacher, 2010 an Sebastian Vettel, Australien 2013 wieder Vettel, 2015 in den USA war es Nico Rosberg, und 2019 in Suzuka wieder Sebastian Vettel.


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