Motorsport-Magazin.com Plus
Formel 1

Racing Point vs. Renault: Urteil am Freitag, offene Fragen

Am Freitag soll es ein Urteil im Kopie-Prozess zwischen Racing Point und Renault geben. Die Formel 1 wartet gebannt. Warum die Sachlage so komplex ist.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Das Urteil im Streitfall zwischen Renault und Racing Point steht unmittelbar bevor. Nach einer stundenlangen Anhörung aller Parteien am Mittwoch in Silverstone soll am Freitagmorgen das Urteil verkündet werden.

Die Sachlage ist nach wie vor kompliziert: Renault wirft Racing Point vor, die Bremsbelüftungen des 2020er Boliden nicht selbst designt zu haben. Anhang 6 des Sportlichen Reglements, der genau definiert, welche Teile ein Formel-1-Rennstall selbst designen muss, umfasst allerdings erst seit der Saison 2020 die Bremsbelüftungen.

Deshalb ist der Fall besonders komplex: 2019 durfte Racing Point jene Teile noch völlig legal komplett einkaufen. Als Mercedes-Kunde ging der Rennstall im vergangenen Jahr in Brackley auf Shoppingtour und bezog die Bremslüftungen vom Weltmeisterteam.

Weil Racing Point mit dem RP20 für die Formel-1-Saison 2020 den kompletten Silberpfeil des Vorjahres kopiert hat, passen die letztjährigen Bremsbelüftungen perfekt. Nun stellt sich die Frage: Hat Racing Point die Teile einfach eins zu eins von Mercedes übernommen oder hat man die Bremsbelüftungen auf dem bestehenden Wissen basierend designt?

Racing Point oder Mercedes: Wann gehört einem Team ein Design?

Mit bloßem Auge sollen Original und Kopie nicht zu unterscheiden sein. Doch technisch gesehen gibt es minimale Änderungen, die laut Aerodynamik-Experten durchaus gravierende Folgen mit sich ziehen sollen.

Hier beginnt der Streit: Was gilt als eigenes Design? Die Racing-Point-Ingenieure kannten die Teile. Müssen sie das Design mutwillig ändern, nur um sagen zu können, dass sie sie selbst designt haben? Ein philosophischer Streit.

Es wird noch komplizierter: Vorne und hinten ist die Sachlage eine andere. Während Racing Point an der Vorderachse die zugekauften Mercedes-Teile im Vorjahr auch einsetzte, kamen die Bremsbelüftungen an der Hinterachse 2019 gar nicht zum Einsatz.

Prinzipiell gilt: Bremsbelüftungen machen viel mehr, als nur für ausreichend Frischluftzufuhr für die Bremsen zu sorgen. Sie sind signifikante aerodynamische Bauteile. Die hinteren Bremsbelüftungen müssen dabei zum aerodynamischen Fahrzeugkonzept passen.

Weil der Racing Point RP19 des Jahres 2019 ein Auto mit starkem Anstellwinkel und entsprechend viel Bodenfreiheit an der Hinterachse war, passten die Mercedes-Teile nicht. Weil der RP20 des Jahres 2020 eine vollständige Kopie des Mercedes F1 W10 ist, passen die Teile folgerichtig perfekt.

2020 änderte Racing Point das Grundkonzept des Autos - Foto: LAT Images

Ist es nun rechtens, ein Teil zu kaufen, das man aktuell überhaupt nicht benötigt, und das Design für nächstes Jahr nutzen, obwohl ebenjenes Teil nicht mehr eingekauft werden darf? Wieder geht es um die Philosophie des Reglements.

Unklarheit über potenzielles Racing-Point-Strafmaß

Und selbst für den Fall, dass Racing Point schuldig gesprochen wird, gibt es offene Fragen: Wie kann das Strafmaß aussehen? Weil es sich nicht um ein technisches Vergehen handelt, muss nicht zwangsläufig eine Disqualifikation stehen.

Renault hat zwar die Rennergebnisse der ersten vier Grands Prix in diesem Jahr angefochten, doch den Fehler beginn Racing Point streng genommen schon im vergangenen Jahr, als der RP20 designt wurde. An den fraglichen Rennwochenenden hat sich das Team nichts zuschulden kommen lassen.

Wie die Stewards auch entscheiden werden, ihre Entscheidung wird Konsequenzen haben: Was soll Racing Point im Fall eines Schuldspruches machen? Neue Bremsbelüftungen entwickeln, die zwanghaft anders sein müssen?

Wird Racing Point nicht schuldig gesprochen, besteht die Gefahr, dass andere Teams mit Kopien nachziehen. Red Bull und AlphaTauri scharren schon mit den Hufen. Auch wenn das Urteil in einem speziellen Fall keine Reglement-Klarstellung ist, es wird dennoch Strahlkraft haben.

Unabhängig vom Ausgang des Falls soll es genau deshalb noch in Silverstone eine Präsentation der FIA geben. Darin soll es um genau diese Kopie-Problematik gehen. Der Automobilweltverband will seine Vision für die Zukunft vorstellen und das Problem langfristig klären.


Weitere Inhalte:
Motorsport-Magazin.com Plus