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Formel 1, Ferrari-Präsident rechnet ab: Struktur lange schwach

Ferrari steht in der Formel 1 2020 vor einem Scherbenhaufen. Nun spricht John Elkann Klartext: Projekt-Fehler, Struktur seit Jahren schwach, Siege erst 2022
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Eine längere Dürreperiode zeichnet sich für Ferrari nach dem Formel-1-Saisonstart 2020 ab. Der SF1000 hat sich auch mit den jüngsten Updates nicht als Podest-, geschweige Sieg-Auto erwiesen, Sebastian Vettel und Charles Leclerc kämpfen mit stumpfen Waffen, lediglich um Positionen im vorderen Mittelfeld.

Nach dem Ungarn GP ist bei der Scuderia deshalb nicht nur final die Erkenntnis durchgesickert, dass es so nicht weitergehen kann, sondern auch eine prompte Reaktion erfolgt. Ferrari strukturierte seine technische Abteilung um. Köpfe rollten allerdings nicht, auch der jüngst zunehmend kritisierte Teamchef Mattia Binotto blieb auf seinem Posten.

Ferrari-Präsident: SF1000 wird nicht gewinnen

Ein Comeback werde allerdings auf sich Warten lassen, sagte der Italiener zuvor schon in Ungarn. Der engmaschige Rennkalender 2020 und strenge Restriktionen bei der Entwicklung von Power Unit und Chassis wegen Sparvorgabe machen einen kurzfristigen Aufschwung zu einer ‚Mission Impossible’.

Allerdings sieht es auch mittelfristig wenig rosig aus, wie Ferraris Vorstandschef John Elkann nun gestand. Wegen der für 2021 weitgehend eingefrorenen Entwicklung rechnet der 44-Jährige frühestens 2022 mit dem nächsten Ferrari-Sieg. „Die Realität ist, dass unser Auto nicht konkurrenzfähig ist. Das hat man auf der Strecke gesehen und man wird es wieder sehen“, sagte Elkann der ‚Gazzetta dello Sport’.

Elkann: Vor Ferrari liegt ein langer Weg

Stattdessen müsse der Fokus nun darauf liegen, langfristig wieder eine starke Basis zu schaffen. Elkann: „Heute legen wir das Fundament, um wieder konkurrenzfähig zu sein und auf die Siegerstraße zurückzufinden wenn sich 2022 die Regeln ändern. Davon bin ich überzeugt.“

Aktuell, so Elkann in dem von Klartext gespickten Zeitungsinterview, stimmt diese Grundlage offenbar längst nicht mehr. Die gegenwärtig schwierige Phase habe schon vor langer Zeit ihren Anfang genommen und müsse nun erst einmal überwunden werden, so der Präsident. „Wir haben seit 2008 keine Konstrukteurs-WM und seit 2007 keine Fahrer-WM mehr gewonnen“, klagte Elkann. „Die Fans leiden genauso wie wir. Deshalb ist es wichtig, da klar und ehrlich mit ihnen zu sein. Ein langer Weg liegt vor uns.“

Elkann sieht jahrelange Struktur-Schwäche bei Ferrari

Die Jahre der Erfolglosigkeit führt der Italiener zwar auch auf Red Bulls Jahre der Dominanz aufgrund ‚aerodynamischer Fähigkeiten’ als auch Mercedes-Überlegenheit dank deren ‚großen Könnens in Sachen Hybrid-Motorentechnik’ zurück. Allerdings habe Ferrari selbst nicht genug dagegengehalten. „Wir sind dieses Jahr wegen Projekt-Fehlern nicht konkurrenzfähig“, sagte Elkann. „Wir hatten eine Reihe struktureller Schwächen in Sachen Aerodynamik und Fahrzeugdynamik, die seit einiger Zeit bestehen. Und wir haben auch in Sachen Motorleistung verloren.“

Elkann zielte jedoch nicht nur auf einmalige Patzer bei der Entwicklung des SF1000, sondern ebenso grundlegende, bereits länger währende Defizite in Maranello. Das eingefrorene Chassis für 2021 treffe Ferrari nach dem aktuell schwachen Saisonstart zwar ebenfalls hart, doch macht Elkann mehr die tieferliegende Struktur-Schwäche verantwortlich dafür, dass auch er keine rasche Genesung erwartet.

Volles Vertrauen für Mattia Binotto

Elkann: „Wir müssen realistisch und uns der strukturellen Schwächen bewusst sein, mit denen wir seit einer Dekade gelebt haben und welche der Übergang zu Hybrid unterstrichen hat.“ Auch deshalb sei Ferrari glücklich mit den neuen Regeln ab 2022. Die in den kommenden Jahren zunehmend strikten Budgetobergrenzen sieht Elkann - Ferrari-untypisch - dabei als kein großes Problem für die Sieg-Chancen Scuderia. „Wir nehmen das als Herausforderung“, so Elkann.

Jetzt gehe es darum, Ferrari Schritt für Schritt wiederaufzubauen. Teamchef Mattia Binotto spricht Elkann dabei ‚volles Vertrauen’ aus. Auch Jean Todt habe sieben Jahre gebraucht, um Ferrari nach mehr als 20 Jahren ohne WM-Titel wieder zum Erfolg zu führen. „Und er [Binotto] war schon mit Todt und Schumi bei Ferrari. Er weiß, wie man gewinnt.“


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