Formel 1

Formel 1, Regeln 2022: Die technische Revolution

2022 bringt die Formel 1 ein neues Reglement an den Start. In einer mehrteiligen Reihe analysieren wir die Regeln und deren Auswirkungen.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 startet 2022 in eine neue Ära, das neue Reglement wird eingeführt. Eigentlich hätte es schon im kommenden Jahr soweit sein sollen. Doch wegen der Corona-Krise, die derzeit keine Rennen zulässt, haben sich Teams, FIA und Formel 1 darauf geeinigt, die diesjährigen Autos auch 2021 zu nutzen und die Einführung der neuen Regeln aufzuschieben.

Die Rahmenbedingungen für das neue Regelwerk sind seit dem US GP klar. Motorsport-Magazin.com nimmt die Zukunft der Königsklasse genau unter die Lupe. Eine Revolution in drei Akten.

Akt II: Die technische Revolution

Technisch erfährt die Formel 1 2022 die wohl größte Veränderung ihrer Geschichte. Eine wahre Revolution steht bevor. Im Zentrum steht das Zweikampfverhalten. "Ich habe nicht verstanden, warum wir die Regeln vor der Saison 2017 geändert haben", kritisiert Brawn. "Die Autos sind schneller, aber sie sind grauenhafte Rennautos, wenn es ums Racing geht."

Genau das will der Brite ändern. Dafür ist ein komplett neues Aerodynamik-Reglement vonnöten. Die Frontflügel werden noch ein Stück simpler, die Dimensionen bleiben weitestgehend stabil. Dahinter wird es interessanter. Die extrem komplexen Bargeboards hinter den Vorderreifen werden komplett verboten. Damit können die Teams die von den Reifen verwirbelte Luft nicht mehr so gut kontrollieren. Ein kleines Leitblech über den Vorderreifen kann da nur bedingt Abhilfe schaffen. Dadurch verlieren die Autos zwar enorm an Performance, generieren dafür aber deutlich weniger verwirbelte Luft.

Bargeboards werden im neuen technischen Reglement der Formel 1 verboten - Foto: LAT Images

Um den Abtriebsverlust zumindest teilweise zu kompensieren, wird das Unterbodenkonzept auf den Kopf gestellt. Aktuell besteht der Unterboden aus drei um jeweils 50 Millimeter versetzten flachen Ebenen. Erst 175 Millimeter vor der Hinterachse darf der Diffusor ansteigen. 2021 feiert der Ground-Effekt ein Comeback. Dafür werden die Seitenkästen radikal erneuert. Die beiden Seitenaufprallstrukturen, die aktuell bei den meisten Teams die Grenzen der Lufteinlässe bilden, werden zu einer Struktur zusammengefasst. Trotzdem bleiben die Einlässe hoch, weil darunter Luft für die Venturi-Kanäle gesammelt wird.

Auswirkungen von Luftverwirbelungen werden geringer

Der Ground-Effekt-Unterboden beginnt damit an der vorderen Kante der Seitenkästen und mündet im Diffusor, der 35 Zentimeter schmaler, dafür aber mit 70 Zentimetern doppelt so hoch ist. Proportional steuert der Unterboden damit noch immer gleich viel - rund 50 Prozent - zum Gesamtabtrieb bei. Allerdings funktioniert der Unterboden anders. Er reagiert weniger sensibel auf Luftverwirbelungen, dafür haben Änderungen der Bodenfreiheit größere Auswirkungen.

Erster Überblick: Neue Formel 1 Regeln 2021 sind da: (09:30 Min.)

Weil gleichzeitig die Fahrwerke stark vereinfacht werden, stehen die Ingenieure vor einem Problem. "Ich kann mir gut vorstellen, dass es sehr wichtig sein wird, wie man das Fahrzeug abstimmt. Fahrhöhenabstimmung und Fahrhöhenstabilisierung über eine komplette Runde steht dann extrem im Fokus", meint Motorsport-Magazin.com-Technikexperte Jörg Zander. Mit einem aktiven Fahrwerk hätte man das perfekt kontrollieren können, doch die Formel 1 entschied sich dagegen.

"Dann würde das Setup möglicherweise keinen so großen Performance-Unterschied machen, weil die Teams bei den Einstellungen hier ähnlich clever sind. Mit einfacheren Einstellungen über Feder und Dämpfer kann ich mir vorstellen, dass es größere Unterschiede geben wird, je nachdem, welches Streckensegment priorisiert wird", erklärt Zander und fügt an: "Das ist gut für die Show, weil somit auch die Performance von Strecke zu Strecke stärker schwanken könnte."

18 Zoll Felgen geben Designern neue Möglichkeiten

Eine weitere große Änderung betrifft die Reifen - wobei groß hier wörtlich zu verstehen ist. Die Formel 1 wechselt von 13 Zoll auf 18 Zoll Felgen. Der Reifenaußendurchmesser steigt dadurch von 670 auf 725 Millimeter. "Die Formel 1 muss hier mit der Zeit gehen und Ballonreifen mit 13 Zoll Felgen sind nicht mehr zeitgemäß", meint Zander und erläutert die Vorteile: "Man hat in Bezug auf die Seitensteifigkeit viel mehr Möglichkeiten. Dazu hat man mehr Bauraum im inneren zur Verfügung, die Bremsanlage kann viel performanter sein."

Doch es gibt auch Nachteile: Die größeren Räder bringen zusätzliches Gewicht. Sie sind der Hauptfaktor, weshalb das Mindestgewicht von 743 auf 768 Kilogramm ansteigt. "Es geht für mich in die falsche Richtung, dass die Autos so schwer sind", sagt Sebastian Vettel stellvertretend für alle Piloten. Weil bei den Motoren alles beim Alten bleibt und die Sicherheitsmaßnahmen weiter verschärft werden, lässt sich kein Gewicht einsparen.

Weniger Abtrieb und mehr Gewicht bedeuten zwangsläufig langsamere Autos. Die FIA rechnet mit Rundenzeiten auf dem Niveau von 2016, rund 3,5 Sekunden soll die Formel 1 langsamer werden. Andere Simulationen sprechen von sechs Sekunden und mehr. Zander mahnt zur Vorsicht bei den Prognosen: "Wichtig zu verstehen, ist, was der Reifen leisten kann. Der kann vieles kompensieren, was an Aero-Performance vielleicht ein Stück verloren geht."

Sebastian Vettel kritisiert, dass die Autos 2022 schwerer werden - Foto: LAT Images

Bei den Fahrern kommen die Performance-Prognosen unterschiedlich an. "Für mich kommt es nicht darauf an, wie es aussieht, auch nicht so auf den Speed - solang wir klasse Racing sehen", meint George Russell. Sebastian Vettel will Speed um jeden Preis: "Die Autos sind seit 2017 viel spektakulärer." Max Verstappen präferiert den Mittelweg: "Ich glaube, man kann mit den Geschwindigkeiten, die wir heute haben, nicht gut hinterherfahren. Wir müssen ein bisschen langsamer werden, aber bitte nicht vier oder fünf Sekunden. Maximal zwei oder zweieinhalb."

Die technische Revolution im Überblick

  • Größere Reifen: 18 Zoll statt 13 Zoll
  • Neue Aerodynamik: Ground-Effect soll für weniger Dirty Air sorgen
  • Höheres Gewicht: Mindestgewicht steigt von 743 auf 768 kg
  • Performance von 2016: etwa 3,5 Sekunden langsamer
  • Motoren: bleiben nahezu unverändert
  • Sicherheit: Niveau wird weiter angehoben
  • Standardteile: Mehr standardisierte Komponenten und Open Source Teile
  • Getriebe: Entwicklung wird eingefroren
  • Fahrwerk: wird stark vereinfacht

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