Formel 1

F1 & Coronavirus: Verzockt und teuer dafür bezahlt - Kommentar

Was für ein Schlamassel! Die Formel 1 hat heute eine herbe Schlappe erlitten. Hätte die Absage des Australien GP früher erfolgen müssen? Ein Kommentar.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - The Show Must Go On.

Kaum ein Sport lebte diese Maxime in seinem bislang 70-jährigen Bestehen so sehr wie die Formel 1.

Jetzt ist es dennoch passiert. Die F1 wurde in Australien vom Ernst der Lage ein- und leider auch überholt. In Melbourne ist am Freitag der Fall eingetreten, der die Entscheidung überhaupt nach Australien zu reisen, ziemlich dumm aussehen lässt. Diese Kritik (und nicht nur diese) müssen sich der Veranstalter, die FIA und die Formel 1 jetzt gefallen lassen. Angst vor Millionen-Diskussionen um die Antrittsgelder hin oder her.

Das Risiko war allen Beteiligten angesichts der aktuellen Situation rund um den Coronavirus bewusst. Doch lebt die Königsklasse auch gerne einmal in ihrer eigenen Blase, ohne allzu viel nach links oder rechts zu blicken. In der Vergangenheit ist dies in den allermeisten Fällen gutgegangen. Und im schlimmsten Fall sorgte eben der große Zampano Bernie Ecclestone dafür, dass es doch irgendwie klappte.

Formel 1 2020, Melbourne: Warum fiel die Entscheidung so spät?: (11:39 Min.)

FIA und Formel 1 geben schwaches Bild ab

Ohne zu wissen, was uns in einer langen Nacht noch erwarten würde, hielten wir am Donnerstagnachmittag australischer Zeit in unserer Redaktion noch scherzhaft fest, dass sich in der Formel 1 auch ohne Mr. E nichts verändert hätte - alle anderen Serien von der MotoGP über die Formel E bis hin zum ADAC MX Masters haben Rennen abgesagt oder verschoben. Nur die Formel 1 nicht.

Da konnte ich mir einen sarkastischen Unterton nicht verkneifen: "Unter Bernie hätte die Formel 1 wahrscheinlich sogar noch Rennen zum Kalender hinzugefügt, um die hinterlassene Lücke der anderen Serien auszunutzen." Nur wenige Stunden später war dann Schluss mit Lustig.

Erst zog McLaren seine Teilnahme am Rennwochenende zurück, dann folgte die komplette Absage des Grand Prix. Die Informationspolitik oder eher deren Ausbleiben sorgte dabei für viel Unmut im Fahrerlager. Dabei gilt natürlich: Gut Ding will Weile haben, Stillschweigen und die Spekulationen wildeste Blüten treiben zu lassen ist aber auch keine Lösung.

Hier hätte ich von der FIA, der F1 und dem Veranstalter mehr erwartet - im Sinne der Fans, der Medien und aller Beteiligten im Fahrerlager. Über einen halben Tag hinweg keinerlei offizielle Ansage, wann eine Entscheidung bekanntgegeben wird, ist inakzeptabel. Zur gleichen Zeit postet der FIA-Präsident ein Foto von einem Business-Club-Treffen auf Twitter - dazu fällt mir in dieser Situation und der heutigen Zeit nichts mehr ein. Das Possenspiel bis zur viel zu späten Bekanntgabe der Absage war eine einzige Farce. Es standen bereits tausende Fans vor den verschlossenen Toren. Ein Unding in Tagen einer weltweiten Pandemie.

Coronavirus: Formel 1 machtlos gegen die Absagen-Welle

Die Formel 1 schien von den Ereignissen der letzten Tage überrollt zu werden. Im Vergleich zur Start-Entscheidung vor einer Woche hatte sich das Klima in aller Welt binnen weniger Tage deutlich verschärft. Reihenweise flatterten Absagen oder Verschiebungen von Großevents herein: von der Entertainment-Messe E3 in Los Angeles über das Film- und Musikfestival South by Southwest in Austin bis hin zum Coachella Festival in Kalifornien.

Selbst der Kinostart des neuen Bond-Streifens wurde in Folge der Epidemie und deren wirtschaftlicher Auswirkungen auf die Filmindustrie vorerst in den November verschoben und Disneyland in Kalifornien schließt bis mindestens zum Monatsende seine Tore. Die USA schlossen sogar die Grenzen für Einreisende aus Europa.

Und auch der Sport blieb von Absagen nicht verschont: Fußballspiele fanden vor leeren Tribünen statt, in Italien wurde der gesamte Spielbetrieb eingestellt, die NBA pausiert ihre Saison und der Große Preis von Bahrain kündigte schon zu Wochenbeginn an, dass das Rennen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte.

Formel 1 in Melbourne: Hoch gepokert und viel verloren

Ich bin kein Arzt, kein Mediziner irgendeiner Art und schon gar kein Virenexperte, demnach steht es mir nicht zu, zu beurteilen, ob diese Reaktionen nun einhundertprozentig richtig sind oder vielleicht auch anders hätten gehandhabt werden können. Fest steht aber: es existiert eine globale Gesundheitskrise und diese weitestgehend zu ignorieren funktioniert selbst für die normalerweise unerschütterliche Formel 1 nicht.

Es wäre aber auch nicht fair von mir, jetzt ausschließlich auf die Formel 1 und die FIA einzuprügeln. Dies ist eine Art "Lösung" wie sie heutzutage allen voran in den Sozialen Medien nur allzu gerne als erste Reaktion Anwendung findet. Ich habe die Entscheidung in Australien zu fahren in den vergangenen Tagen nicht aufs Härteste verurteilt, angeprangert oder schon vor eineinhalb Wochen gesagt: es ist völlig falsch, zu diesem Zeitpunkt in Melbourne zu fahren! Im 20. Jahr als Formel-1-Journalist habe ich in dieser Hinsicht vielleicht schon zu viele der Eigenarten der Serie akzeptiert oder sogar ein bisschen angenommen.

Somit steht es mir jetzt auch nicht zu, die Verantwortlichen für ihre Entscheidung gnadenlos den Hunden zum Fraß vorzuwerfen. Schließlich ist man hinterher immer schlauer. Wer das Verhalten jedoch vorher schon kritisiert hat, der hatte damit absolut Recht und darf dies auch weiterhin betonen. Nach einer Reise um den halben Globus, nur um das Rennen dann doch abzusagen, sieht die Königsklasse, wie eingangs bereits erwähnt, jetzt ziemlich dämlich aus - gerade angesichts anderer Sportorganisationen, die in der Zwischenzeit anders und vor allem vorausschauender gehandelt haben. Die Dorna handhabte die schwierige Situation in der MotoGP deutlich besser und mit einer transparenteren Informationspolitik.

Bestand die Möglichkeit, dass es anders hätte ausgehen können? Dass alles gut gelaufen wäre und wir einen spektakulären Auftakt in die neue Formel-1-Saison 2020 erlebt hätten, der den Fans eine willkommene Abwechslung in diesen schwierigen Zeiten voller Negativmeldungen und teilweise auch übertriebener Hysterie geboten hätte? Klar, eine Chance besteht immer. Bei 1.500 Personen, die mit dem F1-Tross rund um die Welt reisen, war das Risiko jedoch extrem hoch, dass dieses Roulette-Spiel nicht aufgehen würde. Und genauso ist es leider auch gekommen.

Diesmal gilt also für die Formel 1:

The Show Must Go On. Until it doesn't.


Formel 1 Tickets
Wir suchen Mitarbeiter
Mitarbeiter Motorsport Designer Journalismus Programmierer Video