Formel 1

Formel 1 USA Trainingsanalyse: Wer kann Hamilton schlagen?

War es nur der Windschatten oder ist Lewis Hamilton in Austin überlegen? Was machen die Longruns? Können Red Bull und Ferrari angreifen? Die Analyse.
von Christian Menath

Texas-Titan Lewis Hamilton hat einmal mehr zugeschlagen. Der Austin-Spezialist setzte sich am Freitag des USA GP 2019 erneut von der Konkurrenz ab, distanzierte Red Bull und Ferrari um gut drei Zehntelsekunden.

Während die Konkurrenz eng beisammen zu sein scheint - Charles Leclerc und Max Verstappen trennten auf den Plätzen zwei und drei nur wenige Tausendstel -, konnte sich Hamilton schon etwas absetzen. Doch der Schein trügt etwas, Hamilton bekam auf seiner schnellen Runde Windschatten auf der langen Gegengeraden.

"Deshalb glaube ich nicht, dass seine Zeit repräsentativ ist", so Max Verstappen, der anfügt: "Der Rückstand ist wahrscheinlich etwas geringer als er aussieht." Trotzdem ist Mercedes das Team, das es zu schlagen gilt. "Hamilton", spezifiziert Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko.

Hamilton wird Ruf des Texas-Titan gerecht

"Ich selbst hatte in der zweiten Session etwas zu kämpfen", berichtet Valtteri Bottas. "Ich habe Zeit auf den Geraden verloren und das Auto fühlte sich nicht ganz richtig an. Das werden wir uns heute Abend genauer ansehen."

Ähnlich lief es auch bei Ferrari. Während Charles Leclerc im 1. Freien Training noch mit Problemen zu kämpfen hatte, war es der Monegasse, der am Nachmittag das rote Duo anführte. Nachdem ihn am Vormittag noch ein Problem am Gaspedal lahmgelegt hatte und ihm die schnellste Rundenzeit für das Verlassen der Strecke gestrichen wurde, lief es im 2. Training für ihn besser.

Dafür hatte Teamkollege Sebastian Vettel am Nachmittag Probleme. "Wir haben mit einem guten Auto begonnen, aber dann haben wir etwas probiert, das offensichtlich nicht so gut funktioniert haben", verrät Vettel. "Aber wir verstehen, was wir machen müssen. Deshalb können wir uns hoffentlich morgen bei der Qualifying-Pace verbessern."

Vettel: Rennpace wieder unser Problem

"Aber ich glaube, bei der Rennpace haben wir noch etwas mehr zu tun", fügte Vettel an. Es ist das alte Leid: Auf eine Runde kann Ferrari das Defizit an Abtrieb mit den frischen Reifen besser kompensieren. Je älter die Pneus werden, desto mehr Probleme bekommt Ferrari.

Auf den Soft-Reifen sieht es dabei auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch aus. Vettel fuhr fast die identische Longrun-Zeit wie Hamilton. Allerdings drehte der Deutsche keinen wirklichen Longrun auf der C4-Mischung, sondern fuhr nur drei Runden.

Formel 1 USA GP 2019, Longruns auf Soft

Fahrer Gefahren gegen Reifenalter Stintlänge Zeit
Bottas Ende 14 4 1:39,465
Hamilton Anfang 16 8 1:39,568
Vettel Anfang 13 3 1:39,584
Verstappen Anfang 11 5 1:39,728
Leclerc Anfang 18 8 1:40,070
Albon Anfang 12 4 1:40,688

Leclerc, dessen Soft-Longrun wie Hamiltons über acht Runden ging, war im Schnitt schon eine halbe Sekunde langsamer als der designierte sechsmalige Weltmeister. Auch Verstappen konnte mit den Hamilton-Zeiten nicht ganz mithalten. Obwohl der Niederländer weniger Runden fuhr, war er etwas langsamer.

"Es ist genau umgekehrt wie sonst", ärgert sich Marko. Eigentlich ist die Rennpace Red Bulls wahre Stärke. "Gegenüber Hamilton fehlen uns aber zwei bis drei Zehntel", rechnet Marko vor. "Vor allem mit den Medium-Reifen haben wir Probleme."

Formel 1 USA GP 2019, Longruns auf Medium

Fahrer Gefahren gegen Reifenalter Stintlänge Zeit
Leclerc Ende 15 6 1:39,511
Verstappen Ende 17 4 1:39,750
Bottas Anfang 20 7 1:39,938
Albon Ende 13 5 1:40,413

Dabei gibt es auf den Medium-Reifen nur wenig belastbare Daten. Ferrari und Mercedes teilten sich die Arbeit auf. Vettel und Hamilton fuhren Hard, Leclerc und Bottas Medium. Weil Bottas Soft und Medium auch noch in umgekehrter Reihenfolge zur Konkurrenz fuhr, fällt der Vergleich schwer.

Doch dass Red Bull auf Medium Probleme hatte, war offensichtlich. Charles Leclerc fuhr auf seiner Rennsimulation schneller als Max Verstappen. Knapp zweieinhalb Zehntelsekunden war der Ferrari-Pilot schneller als sein Red-Bull-Kollege. Alexander Albon war schon deutlich abgeschlagen.

Formel 1 USA GP 2019, Longruns auf Hard

Fahrer Gefahren gegen Reifenalter Stintlänge Zeit
Hamilton Ende 18 6 1:39,119
Vettel Ende 22 11 1:40,533

Bleiben immerhin noch zwei Longruns auf den harten Reifen. Spätestens seit dem Mexiko GP ist der C2-Reifen wieder in Mode. Er brachte Vettel und Hamilton die beiden Führungspositionen ein. Und auch in Austin waren es die beiden Dauerrivalen, die den Hard schon am Freitag testeten.

Die Zahlen zeigen, warum Vettel angesichts der Longrun-Pace einmal mehr die Laune verging. Während Hamilton im Schnitt auf 1:39,9 Minuten kam, war Vettel knapp anderthalb Sekunden langsamer.

Allerdings fuhr der Heppenheimer fast doppelt so viel Runden auf dem weißen Reifen wie Hamilton und ein kleiner Dreher störte Vettels Rennsimulation zusätzlich. Trotzdem: Auch seine ersten Runden auf den Hard-Reifen waren nicht annährend so schnell wie Hamiltons Zeiten.

Ein wenig überraschend war aber die Longrunpace insgesamt. Bei den kalten Temperaturen hatten viele mit heftigem Graining gerechnet. "Meine einzige Erklärung ist, dass der Asphalt so rau ist, dass die Reifen trotzdem richtig funktionieren", mutmaßt Pirellis Mario Isola. "Sie sind trotz der Temperaturen wenig gerutscht."

Für das restliche Wochenende werden immerhin etwas höhere Temperaturen erwartet, vor allem am Sonntag könnte das Thermometer die 20-Grad-Marke knacken. Dann könnten sich die Reifen wieder ganz anders verhalten. Performance-Abbau durch Überhitzen gab es am Freitag quasi nicht. Deshalb waren selbst Renaults Longruns konkurrenzfähig. "Thermal Degredation ist normalerweise ein Problem, das die Top-Teams viel weniger haben als wir", weiß auch Nico Hülkenberg.

Ob kalt oder warm, ob eine Runde oder Longrun: Lewis Hamilton ist beim USA GP einmal mehr der große Favorit. Der Texas-Titan will die verschobene Titel-Fiesta unbedingt in Style vollenden. Die Chancen stehen gut.


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