Formel 1

Mercedes taktiert Hamilton zum Sieg: Zweifel bis zum Schluss

Lewis Hamilton und Mercedes gewinnen den Ungarn GP der Formel 1 dank bemerkenswerter Strategie. So holten sie sich den Sieg doch noch von Max Verstappen.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Lewis Hamilton ist zurück an der Spitze der Formel 1. Im Rennen in Ungarn zeigte der amtierende Weltmeister und WM-Führende in von Start bis Ziel andauernden Duell mit Max Verstappen seine Klasse und holte den Sieg mit einer aggressiven Zwei-Stopp-Strategie. Einer Strategie, an die eigentlich niemand so richtig hatte glauben wollen.

Vor dem Rennen waren sich in der Formel 1 eigentlich alle einig: Der Ungarn GP wird ein Ein-Stopp-Rennen. Hier kann nicht überholt werden, daher bringen frische Reifen nichts. Mercedes und Hamilton gehörten ebenfalls dazu. "Am Morgen sagten wir noch, dass wir nicht glauben, dass zwei Stopps funktionieren würden", erinnert sich Hamilton nach dem Rennen zurück an das letzte Strategie-Meeting des Teams.

Doch gleich nach dem Start in Ungarn war Mercedes gegenüber Red Bull im Nachteil. So schien es zumindest, denn Verstappen kam vor Hamilton aus der ersten Runde zurück. Mit Valtteri Bottas verabschiedete sich Mercedes' Strategie-Joker aufgrund eines kaputten Frontflügels aus dem Rennen.

Hamilton fährt sich hinter Verstappen fest

Hamilton war somit vorne an der Spitze im Kampf mit Verstappen auf sich allein gestellt. "Ich wusste nicht, ob ich vorbeikommen würde", meint Hamilton später. "Ich konnte innerhalb von zwei Sekunden bleiben und versuchen, meine Reifen länger am Leben zu halten. Konnte ihn von hinten studieren, wie es ihm ging."

Doch Verstappen hatte genug in der Hinterhand, um alle Attacken Hamiltons abzuwehren. Hamilton versuchte, den ersten Stopp später einzuziehen und so einen Reifenvorteil zu holen, doch Verstappen blieb vorne. Hamilton versuchte, mit sieben Runden frischeren Hard-Reifen Verstappen zu überraschen. Doch obwohl die beiden gleich mehrmals nebeneinander in die Kurven einfuhren, konnte Verstappen den Mercedes hinter sich halten.

"Dann hatte ich auch noch das Bremsproblem", denkt Hamilton zurück an die Rennmitte. Die Verfolgung von Verstappen war auch für sein Auto hitzig, und wurde problematisch. "Ich musste weniger bremsen, kürzer bremsen, an vielen Stellen auf der Strecke habe ich das Bremspedal nicht berührt."

Hamilton hinter Verstappen chancenlos: Zweifel an Strategie

So führte für Hamilton kein Weg an Verstappen vorbei. Um trotzdem die Chance auf den Sieg zu halten, beschloss Mercedes, alles auf eine Karte zu setzen, und holte ihn 22 Runden vor Schluss aus Verstappens Kielwasser heraus zum zweiten Stopp. Mit Medium-Reifen kam Hamilton für einen Schluss-Sprint auf die Strecke zurück.

"Ich dachte, wie soll das funktionieren?", erinnert sich Hamilton, der seinem Zweifel auch am Funk immer wieder zum Ausdruck brachte. Immerhin warf ihn der Boxenstopp 20 Sekunden zurück. Die musste er in den letzten 22 Runden zufahren, und Verstappen auch noch überholen. "Ich glaube, ich wäre mit meinen Hard-Reifen durchgekommen", begründet Hamilton die Zweifel. "Also dachte ich, dass er es auch schaffen könnte."

Hamilton bricht Verstappen: Perfekte Runden notwendig

"Ursprünglich sagten sie mir, dass ich ihn neun Runden vor Schluss einfangen würde", sagt Hamilton. "Das hat sich ganz schnell geändert, auf die letzte Runde." Denn Verstappen erhöhte das Tempo, als Hamilton endlich freie Fahrt hatte, und kurzfristig fuhren beide ähnliche Rundenzeiten. Es schien ewig zu dauern, bis Hamilton die Lücke von 20 auf 15 Sekunden verkürzt hatte.

"An einem Punkt waren wir uns nicht sicher, ob er ihn einholen würde", gibt Toto Wolff im Interview mit Sky UK zu. "Da haben wir uns entschlossen, ihm einfach zu sagen, dass er ihn in der letzten Runde einholt. Wir wussten: Sobald er ihn in Sichtweite hat, frisst er ihn auf."

Chef-Stratege James Vowles durfte mit Hamilton aufs Podium - Foto: LAT Images

Etwa 15 Runden vor Schluss begann sich das Blatt zu wenden. Verstappens alte Hard-Reifen machten nicht mehr mit. Die Chance für Hamilton: "Ab da musste ich einfach alle Zweifel vergessen und jede Runde die bestmögliche Zeit fahren. Bloß keine Zeit verlieren. Dann wurde die Lücke schnell kleiner, und vier oder so Runden vor Schluss sah ich ihn vor mir."

Hamilton holt sich Verstappen: Mammut-Aufgabe

In Runde 67 von 70 war Hamilton wieder in Angriffs-Reichweite. "Vielleicht kämpft er mit den Reifen, wir haben hier ein echtes Rennen vor uns", beschreibt Hamilton seine Gedanken. Und tatsächlich: Verstappens Reifen waren am Ende, und Hamilton bremste sich vor Kurve eins außen vorbei. Der erste Platz gehörte ihm, und bis ins Ziel gab er ihn nicht mehr her.

"Aber das fühlte sich wie eine Mammut-Aufgabe an, von so weit hinten", sagt Hamilton, der auch für seinen Gegner Verstappen lobende Worte übrig hat: "Max hat ein sensationelles Rennen heute gefahren."

Hamilton und Mercedes spielen in Ungarn perfekt zusammen

Nach einem Total-Ausfall in Hockenheim zeigte sich Mercedes in Ungarn wieder von ihrer stärksten Seite. Das Team fand für eine schwierige Situation die perfekte Strategie, die Hamilton dann perfekt umsetzte. "Es war einfach insgesamt eine sehr mutige, riskante Strategie-Entscheidung. Ich habe einfach meine Arbeit gemacht", so Hamilton.

"Am Ende des Tages habe ich dann diese Runden fahren müssen, um seinen Vorsprung auf mich aufzuholen. Also ich glaube, als Team haben wir gemeinsam einen guten Job erledigt."


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