Formel 1

Formel 1 Rennanalyse Baku: Ferrari-Strategen wieder versagt?

Charles Leclerc sorgte trotz seines Qualifying-Unfalls im Rennen für Furore. Kostete ihn am Ende wieder die Strategie ein besseres Ergebnis? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Charles Leclerc war beim Aserbaidschan GP wieder der tragische Held: Nachdem er den Titel in Bahrain einem technischen Defekt zu verdanken hatte, hatte er es beim Formel-1-Rennen in Baku mit seinem Qualifying-Crash selbst zu verantworten - oder? Tatsächlich kann man auch diese Frage diskutierten, dazu später mehr.

Die Tragik ist damit klar, doch wo war Leclerc Held? Der Ferrari-Rookie sah bis zum Qualifying klar wie der schnellste Mann aus, hatte nicht nur die Mercedes deutlich im Griff, sondern auch Teamkollege Sebastian Vettel. Im Rennen zeigte er dann wieder phasenweise, wozu der Ferrari zu leisten im Stande war. 19 Runden lang führte er den GP an.

Trotzdem blieb am Ende nur Rang fünf und die schnellste Rennrunde. Viele wunderten sich, warum Leclerc so lange draußen blieb. "Ich weiß es nicht, ich muss erst mit den Ingenieuren sprechen", sagte Leclerc selbst nach dem Rennen und fügte an: "Ich hatte schon das Gefühl, dass ich bei den Überholmanövern von Lewis [Hamilton] und Valtteri [Bottas] viel Zeit verlor."

Ließ Ferrari Leclerc zu lange draußen?

Gleichzeitig fügte der Monegasse aber auch noch an: "Es ist nicht nur ein Ingenieur, der die Strategie macht. Und sie haben viel mehr Daten am Kommandostand als ich im Auto." Doch wer hat Recht? Der Ingenieur am Kommandostand oder Gefühlsmensch im Auto und am TV-Bildschirm? Schließlich hagelte es auch in den sozialen Medien sofort Kritik für die Ferrari-Strategie.

Die Ausgangslage: Leclerc musste nach seinem Quali-Crash von Rang acht starten. Als einziger der Top-10 hatte er sich auf den Medium-Reifen qualifiziert. Weil der Reifensatz beim Unfall beschädigt wurde, durfte er ihn ersetzen. Ferrari hatte sich ohnehin zwei Sätze Medium aufgehoben.

Am Start ging der Ferrari-Plan nicht auf: Leclerc fiel sofort zwei Positionen zurück. Die gelben Pneus brauchten, bis sie auf Betriebstemperatur kamen. Im Startgetümmel ein großer Nachteil. Nach zwei Runden war es soweit: Die Pirelli-Pneus hatten Temperatur und Leclerc den Speed.

Soft-Reifen im Baku-Rennen überlegen

Der Ferrari-Pilot ging von Rang zehn wie das Messer durch die warme Butter. Erst war Daniel Ricciardo fällig, dann Daniil Kvyat. In Runde vier überholte er gleich beide McLaren-Piloten: Erst Carlos Sainz, dann Lando Norris. Eine Runde später war auch Sergio Perez fällig. Nach sechs Umläufen lag Leclerc schon hinter Max Verstappen auf Rang fünf.

Sein Rückstand auf die Spitze betrug zu diesem Zeitpunkt schon 16 Sekunden. Klar, das Fahren im Verkehr kostet Zeit. Doch hinter Verstappen ging es schneller, in Runde neun musste auch der Niederländer dran glauben.

Die Leclerc-Rakete hatte nun endgültig gezündet: Der Monegasse holte sogar rasend schnell auf Teamkollege Sebastian Vettel auf. So schnell, dass Ferrari Vettel in Runde elf an die Box holte, als Leclerc gerade aufgeschlossen hatte. Der Rückstand auf die Mercedes-Spitze war binnen weniger Runden von 16,7 auf 11,5 Sekunden geschrumpft.

Doch spätestens Vettels Stopp in Runde elf zeigte, dass es der Medium-Reifen war, der Leclerc so schnell machte. Kaum hatte der vierfache Formel-1-Weltmeister die gelben Reifen aufgeschnallt, legte auch er los wie die Feuerwehr. Mercedes musste nachziehen, holte erst Valtteri Bottas und eine Runde später Lewis Hamilton. Auch Red Bull reagierte wiederum eine Runde später mit Max Verstappen.

Leclerc plötzlich langsamer als Vettel und Co.

Von diesem Zeitpunkt an war Leclerc nicht mehr klar der schnellste Mann auf der Strecke, sondern klar der langsamste des Spitzen-Quintetts. Leclerc lag zwar in Führung, büßte aber Runde für Runde an Vorsprung auf das Mercedes-Duo dahinter ein. Das 13-Sekunden-Polster war in weniger als 20 Runden dahin.

In Runde 32 überholte erst Bottas Leclerc, eine Runde später auch noch Hamilton. Erst dann holte ihn Ferrari zum Stopp. Zu spät? Alleine durch die Überholmanöver verlor Leclerc rund fünf Sekunden. Knapp eine halbe Minute Rückstand hatte er, als er auf den Soft-Reifen wieder auf die Strecke geschickt wurde.

Von da an war das Rennen für Leclerc gelaufen. Selbst auf den Viertplatzierten Max Verstappen hatte Leclerc schon 20 Sekunden Rückstand. "Der Rückstand war so groß, dass es für mich nur noch um die schnellste Rennrunde ging. Ich habe nach dem Stopp meine Reifen für das Rennende geschont", erklärt Leclerc.

Vor den Stopps lag Leclerc noch vor Verstappen, danach zwanzig Sekunden dahinter - hatten die Ferrari-Strategen einmal mehr die falsche Entscheidung getroffen? Die Antwort klingt komisch: Sie hatten die falsche Entscheidung wohl schon einen Tag zuvor getroffen.

Durch den Start auf Medium musste Leclerc so lang wie möglich draußen bleiben, weil er für den Schlussstint die weichen Reifen aufziehen musste. Dass die nicht besonders gut hielten, sah man schon im ersten Stint bei Hamilton, Bottas, Vettel und Verstappen. Die harten Reifen waren keine Alternative, weil die C2-Mischung schlichtweg ungeeignet für Baku war. Niemand probierte den weiß markierten Reifen am gesamten Wochenende ernsthaft.

Ferrari mitschuld am Leclerc-Crash

Die Frage, die sich Ferrari gefallen lassen muss: Warum schickte man Vettel und Leclerc im Q2 auf den Medium-Reifen raus? Nicht nur, dass das letztlich auch zum Unfall von Leclerc führte, der auf den härteren Reifen ein viel höhere Risiko eingehen musste: Der Medium-Reifen war für die Rennstrategie am Start nicht ideal.

Der Soft-Reifen ist nicht nur für den Start selbst besser, sondern gibt den Strategen auch viel mehr Spielraum. Bei einem frühen Safety-Car beispielsweise können die Soft-Starter sofort auf Medium gehen und das Rennen darauf beenden. Andersrum funktioniert das nicht.

Der Ferrari war bis zum Qualifying das schnellste Auto, es gab eigentlich keinen Grund, eine Alternativ-Strategie zu versuchen. Eine Alternative macht nur Sinn, wenn man aus eigener Kraft keine Chance hat.

Ferrari wartet auf Safety Car - das nicht kommt

Leclercs einzige Hoffnung war ein Safety Car, nachdem die anderen schon zum Reifenwechsel gekommen waren. Deshalb blieb der Monegasse genau so lange draußen, bis er von den Mercedes-Piloten überholt wurde. Denn wenn ein Safety-Car gekommen wäre, hätte Mercedes überlegen müssen: Kommt man auch zum Stopp und gibt damit die Trackposition auf oder riskiert man es, auf den dann deutlich älteren Reifen durchzufahren?

Sobald die Mercedes-Piloten vorbei waren, war Leclercs Rennen vorbei. Wäre dann ein Safety-Car gekommen, hätten die Mercedes ebenfalls stoppen können und wären vor ihm geblieben. Lelclerc war sozusagen in seiner Strategie vom Samstag gefangen. Vettel wäre es ganz ähnlich ergangen, hätte er den Einzug ins Q3 auf den Medium-Reifen geschafft.

Teamchef Mattia Binotto kam bei der Frage nach der Q2-Strategie übrigens etwas in Erklärungsnot. Am Sonntag nach dem Rennen wollte er nicht so ganz raus damit, ob auch bei Leclerc noch ein Q2-Run auf Soft geplant gewesen wäre.

Strategie am Samstag entschieden

Ferrari machte den Fehler am Samstag: Es war unnötig, das Risiko einzugehen. Unnötig, die Fahrer im Q2 so unter Druck zu setzen und unnötig, mit so einem guten Auto so auf den Rennverlauf zu spekulieren. Die Strategien der anderen Teams bestätigt das: Nur die beiden Williams, Pierre Gasly und Romain Grosjean starteten ebenfalls auf Medium - bei allen war die Strategie aus der Verzweiflung heraus geboren.

Die Strategie konnte nur aufgehen, wenn das Safety-Car zur richtigen Zeit gekommen wäre. Im Rennen selbst waren den Strategen dann die Hände gebunden. Wäre Leclerc früher gekommen, hätte er zwar zunächst weniger Zeit verloren, dafür wären ihm aber am Ende die Reifen ausgegangen.

Formel 1 Aserbaidschan GP: Übersicht Boxenstopps

Runde Fahrer Team Reifen alt Reifen neu
5 Kvyat Toro Rosso Soft gebraucht Soft gebraucht
6 Räikkönen Alfa Soft gebraucht Medium neu
7 Magnussen Haas Soft gebraucht Medium neu
7 Giovinazzi Alfa Soft gebraucht Medium neu
8 Hülkenberg Renault Soft neu Medium neu
9 Norris McLaren Soft gebraucht Medium neu
10 Perez Racing Point Soft gebraucht Medium neu
10 Stroll Racing Point Soft neu Medium neu
10 Ricciardo Renault Soft neu Medium neu
11 Vettel Ferrari Soft gebraucht Medium neu
12 Bottas Mercedes Soft gebraucht Medium neu
12 Sainz McLaren Soft neu Medium neu
12 Albon Toro Rosso Soft neu Medium neu
13 Hamilton Mercedes Soft gebraucht Medium neu
14 Verstappen Red Bull Soft gebraucht Medium neu
14 Kubica Williams Drive Through
23 Kubica Williams Medium neu Medium neu
25 Russell Williams Medium neu Medium neu
34 Leclerc Ferrari Medium neu Soft neu
34 Hülkenberg Renault Medium neu Soft neu
34 Grosjean Haas Medium neu Soft gebraucht
38 Russell Williams Medium neu Soft neu
39 Norris McLaren Medium neu Soft gebraucht
39 Magnussen Haas Medium neu Soft neu
42 Kubica Williams Medium neu Soft neu
47 Leclerc Ferrari Soft neu Soft neu

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