Formel 1

Formel 1 Analyse: Ferrari wegen Motor so schwach?

Ferrari war beim Formel-1-Saisonstart 2019 in Australien von der Rolle. War der Motor schuld? Wie haben sich die Motoren entwickelt? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 ist am vergangenen Wochenende in Australien in die Saison 2019 gestartet. Die drückende Überlegenheit von Mercedes erinnerte viele an die vergangenen Jahre. Hat sich also trotz der neuen Regeln nichts geändert? Was war mit Ferrari los? Warum war die Scuderia derart weit weg von der Musik? Fragen, die sich so einfach nicht beantworten lassen.

Doch ein Gerücht, das Ferraris Schwäche erklären würde, verbreitete sich im Internet wie ein Lauffeuer. Ferrari habe Motorenprobleme hieß es. Schon beim Test hätten sich Probleme angekündigt, Maranello habe deshalb die Motorenleistung gedrosselt.

Sebastian Vettel sah die Probleme wo anders. "In den langsamen und mittelschnellen Kurven", erklärte er auf die Frage, wo Ferrari in im Albert Park Zeit verlor. "In schnellen Kurven sind wir gut und die Geraden sind auch kein Problem", sagte der Vizeweltmeister.

Motorsport-Magazin.com hat die Geschwindigkeitswerte des Australien-Wochenendes mal genau unter die Lupe genommen und sich im Fahrerlager umgehört. Hat Ferrari nun ein Power Problem? Ist der Honda wirklich so stark, wie Red Bull sagt? Die Speed-Analyse zum Auftakt der Formel-1-Saison 2019.

Die Speed-Werte im Rennen sind nur bedingt aussagekräftig. Windschatten und DRS verfälschen hier das Bild teilweise erheblich. Deshalb sollen die Daten aus dem Qualifying herangezogen werden. Beim Speed-Trap, also der gemessenen Höchstgeschwindigkeit 123 Meter vor Kurve eins, gibt es bereits die ersten interessanten Beobachtungen.

Topspeeds Australien GP 2019: Qualifying

POS Fahrer Chassis Motor Speed Trap [km/h]
1 Perez Racing Point Mercedes 322,5
2 Giovinazzi Alfa Ferrari 322,4
3 Albon Toro Rosso Honda 322,3
4 Kvyat Toro Rosso Honda 321,3
5 Sainz McLaren Renault 320,8
6 Räikkönen Alfa Ferrari 320,8
7 Bottas Mercedes Mercedes 320,0
8 Stroll Racing Point Mercedes 319,7
9 Norris McLaren Renault 319,6
10 Hülkenberg Renault Renault 319,3
11 Hamilton Mercedes Mercedes 319,0
12 Verstappen Red Bull Honda 317,8
13 Leclerc Ferrari Ferrari 317,7
14 Grosjean Haas Ferrari 316,5
15 Ricciardo Renault Renault 316,4
16 Gasly Red Bull Honda 316,1
17 Magnussen Haas Ferrari 316,0
18 Russell Williams Mercedes 316,0
19 Vettel Ferrari Ferrari 315,9
20 Kubica Williams Mercedes 314,6

Das Feld ist bunt durcheinandergewürfelt. Wo sich in den vergangenen Jahren Motoren-Grüppchen bildeten, gibt es heute kein einheitliches Bild mehr. Ein Mercedes-befeuerter Bolide (Sergio Perez im Racing Point) führt die Liste an, ein anderer schließt sie ab (Robert Kubica im Williams).

Das Kräfteverhältnis zwischen den Motorenherstellern scheint nun ausgeglichener - Foto: Motorsport-Magazin.com

Dazwischen gibt es keine klare Verteilung. Rückblick: 2018 lagen bei der Geschwindigkeitstabelle fünf Renault-Boliden auf den letzten fünf Plätzen. Unter den ersten neun waren nur Mercedes- und Ferrari-Motoren. 2019 befinden sich drei Mercedes-, und jeweils zwei Ferrari-, Honda- und Renault-Motoren darunter.

Zwei weitere interessante Beobachtungen gibt es beim Vergleich zwischen 2018 und 2019: Der Topspeed blieb annährend gleich. Eigentlich müsste er deutlich zurückgegangen sein, denn die Autos haben aufgrund des neuen Reglements viel mehr Luftwiderstand. Allerdings ist der DRS-Effekt größer. Der obere Flap klappt nun zwei Zentimeter weiter nach oben. An der Messstelle sind die Flügel aufgeklappt. An Messstellen, an denen es kein DRS gibt, sind die Werte teilweise deutlich zurückgegangen.

F1-Topspeeds 2019 näher zusammen

Außerdem sind die Topspeedwerte aller Teams deutlich näher zusammen. Während 2018 der Langsamste noch 15,7 Stundenkilometer hinter dem Schnellste lag, beträgt die Spanne 2019 nur noch 7,9 km/h. Auf der einen Seite mag die Aerodynamik dafür verantwortlich sein, auf der anderen Seite aber auch die Motoren. Denn so viel steht fest: Die vier Power-Unit-Hersteller liegen 2019 deutlich näher zusammen. Die Zeit der großen Unterschiede ist vorbei.

Im Qualifying mag das teilweise an den Aufholjagden von Honda und Renault liegen - aber wahrscheinlich auch an den Regeln. Die FIA hat mit Hilfe des Reglements und Technischen Direktiven alles versucht, die Hersteller daran zu hindern, absichtlich Öl zu verbrennen und die Benzinflussregeln zu umgehen.

Qualifying-Topspeeds 2018 vs. 2019*

Topspeed Ziellinie Sektor 1 Sektor 2
McLaren 11,3 Toro Rosso 6,35 McLaren 7,5 Toro Rosso 2,2
Toro Rosso 8,2 McLaren 5,2 Toro Rosso 7,1 McLaren -0,7
Renault 7,7 Red Bull 4,15 Renault 1,65 Alfa/Sauber -3,85
Alfa/Sauber 5,5 Alfa/Sauber 3,9 Alfa/Sauber 0,5 Renault -4,15
Red Bull 5,15 Renault 3,65 Red Bull -0,15 Racing Point -5,6
Williams 3,25 Mercedes 1,35 Mercedes -1,25 Red Bull -6,5
Mercedes 1,25 Haas 0,9 Haas -1,75 Haas -7,25
Haas 0,8 Racing Point -0,4 Racing Point -2,25 Mercedes -7,65
FI/Racing Point -2,4 Williams -0,8 Williams -3,2 Ferrari -10,8
Ferrari -4,1 Ferrari -1,65 Ferrari -4,75 Williams -11,25

*Der Durchschnittswert beider Fahrer wurde herangezogen

Am stärksten zugelegt über den Winter hat übrigens McLaren. 11,3 km/h war der MCL34 schneller als sein Vorgänger. Auch das Werksteam hat ordentlich zugelegt. Das legt nahe, dass der Renault-Antrieb seine anvisierten Ziele auch tatsächlich erreicht hat. Beide Renault-Teams haben sich übrigens mehr gesteigert als Red Bull.

Die Bullen fuhren im vergangenen Jahr noch mit Renault-Antrieb und haben 2019 die Power Unit von Honda. Auch wenn das Honda-Aggregat für Red Bull ein großer Schritt im Vergleich zum 2018er Renault-Motor sein mag: Im Vergleich zur aktuellen Maschine von Renault scheint der Unterschied nicht mehr so groß.

Durchschnittliche Geschwindigkeits-Veränderung 2018 vs. 2019

Team Motor Veränderung Vorjahr
Toro Rosso Honda 5,96
McLaren Renault 5,83
Renault Renault 2,21
Alfa/Sauber Ferrari 1,51
Red Bull Honda (2018: Renault) 0,66
Mercedes Mercedes -1,58
Haas Ferrari -1,83
Force India/Racing Point Mercedes -2,66
Williams Mercedes -3
Ferrari Ferrari -5,33

*Der Durchschnittswert aller vier Messstellen beider Fahrer wurde herangezogen

Das gilt übrigens nicht nur für den absoluten Spitzenwert. Auch an den anderen drei Messstellen hat Red Bull über den Winter auf die beiden Renault-Teams verloren. Doch wie immer ist Vorsicht geboten: Die Endgeschwindigkeit allein ist nicht alles. Vor allem bei den Power Units und ihrem komplexen Energiemanagement ist Topspeed nicht gleich Topspeed. Dazu kommen unterschiedliche Getriebeübersetzungen. Außerdem ist die Aerodynamik der Autos auch unterschiedlich effizient. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt.

Ingesamt aber gilt: Die Renault- und Honda-Teams konnten sich deutlich mehr steigern als die Ferrari- und Mercedes-Teams. Besonders beim Ferrari-Werksteam sehen die Geschwindigkeitswerte im Vergleich zum Vorjahr mau aus. Kein Team hat so stark an Topspeed eingebüßt wie Ferrari.

Bei den beiden Ferrari-Kunden Alfa und Haas sieht der Trend anders aus. Alfa konnte deutlich zulegen, Haas verlor nur geringfügig. Auf ein generelles Problem an der Ferrari-Power-Unit deutet das nicht hin. Entweder treffen das Werksteam die Regeländerungen bezüglich Qualifying-Modus stärker oder Ferrari hat 2019 an aerodynamischer Effizienz eingebüßt. Dass der Motor für Ferraris enttäuschende Melbourne-Leistung verantwortlich ist, gilt eher als unwahrscheinlich.

Ferrari-Motoren im Rennen abgeschlagen

Und dann bleiben da noch die Renndaten. Hier belegen vier Ferrari-befeuerte Boliden die letzten vier Ränge - darunter beide Werks-Ferrari. Die allerdings waren nie in Zweikämpfe verwickelt, bei denen sie selbst DRS nutzen konnten. Auch Kevin Magnussen fuhr ein einsames Rennen ohne Vordermann. Und Antonio Giovinazzi musste mit einem beschädigten Boliden die Konkurrenz nur hinter sich lassen. Die schwachen Renn-Werte lassen sich also erklären. Kimi Räikkönen und Romain Grosjean bewegten sich im Mittelfeld.

Topspeeds Australien GP 2019: Rennen

POS Fahrer Chassis Motor Speed Trap [km/h]
1 Gasly Red Bull Honda 321,9
2 Verstappen Red Bull Honda 319,9
3 Stroll Racing Point Mercedes 319,8
4 Kvyat Toro Rosso Honda 319,8
5 Perez Racing Point Mercedes 318,4
6 Hülkenberg Renault Renault 318,0
7 Räikkönen Alfa Ferrari 314,6
8 Norris McLaren Renault 313,5
9 Albon Toro Rosso Honda 312,6
10 Sainz McLaren Renault 312,5
11 Bottas Mercedes Mercedes 311,3
12 Grosjean Haas Ferrari 310,2
13 Russell Williams Mercedes 309,8
14 Hamilton Mercedes Mercedes 309,3
15 Kubica Williams Mercedes 308,3
16 Ricciardo Renault Renault 307,4
17 Vettel Ferrari Ferrari 303,7
18 Giovinazzi Alfa Ferrari 299,9
19 Leclerc Ferrari Ferrari 297,4
20 Magnussen Haas Ferrari 291,8

Wir hören aber aus Italien, dass Sebastian Vettel und Charles Leclerc etwas mehr Benzin sparen mussten als die Konkurrenz. Deshalb sah man die Rücklichter der Ferrari-Boliden besonders häufig blinken. Auch das könnte zu Vettels abfallender Performance beigetragen haben. Was wir allerdings nicht wissen: Ob Ferrari mit weniger Benzin startete, um am Start ein leichteres Auto zu haben oder ob das Gesamtpaket aus Chassis und Motor etwas ineffizienter war.


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