Formel 1

Formel 1 2019: Bestes Auto? Mercedes winkt trotz Australien ab

Mercedes dominierte den Auftakt der Formel 1 in Australien. Für Bahrain haben sie Ferrari aber wieder auf dem Zettel. Teamchef Toto Wolff erklärt warum.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Gerade rauchen die Köpfe im Formel-1-Team von Ferrari. Der Saisonauftakt war enttäuschend - Mercedes fuhr in den Trainings, im Qualifying und im Rennen locker davon, Valtteri Bottas gewann mit 20 Sekunden Vorsprung. Ferrari, die sich nach den Wintertests in der Favoritenrolle wiederfanden, kamen nicht einmal mehr mit Red Bull mit.

Ob es so weitergeht, mit Ferrari gar nur als dritte Kraft, das bezweifeln gegenwärtig trotzdem viele. Ferrari selbst ist zuversichtlich, dass Australien eine Anomalie war. Bei Mercedes und Red Bull sind sich alle dieser Möglichkeit bewusst. Tatsächlich sieht man das bei Mercedes sogar als wahrscheinlich an. Ferrari könnte in Bahrain schon wieder vorne dabei sein, mahnt Toto Wolff.

Ferrari-Fahrer mit schlechtem Gefühl - Setup verbockt?

Nach dem Rennen in Australien schien sich Ferrari zwar noch nicht sicher, was genau schief gelaufen war. Bei einer Sache legten sich Teamchef Mattia Binotto und die Fahrer Sebastian Vettel und Charles Leclerc aber fest: Sie haben sich im Laufe des Wochenendes beim Setup verrannt.

Australien GP 2019: Wie stark war Bottas? Wie schwach Ferrari?: (08:02 Min.)

Zuvor waren bereits erste Gerüchte über Probleme mit der Power Unit aufgekommen. Dass sich Ferrari-getriebene Autos bei den Geschwindigkeitsmessungen in den Trainings oft im unteren Teil des Feldes sammelten befeuerte diese Gerüchte noch weiter. Doch nach dem Rennen wies Ferrari diese Mutmaßungen wiederholt zurück.

"Das Gefühl aus Barcelona, das war an diesem Wochenende nicht da" - diese Erklärung wiederholte Sebastian Vettel stattdessen immer und immer wieder. Den Motor schloss er kategorisch aus. Alles sei eine Frage des Setups. In den Highspeed-Kurven ging es, aber in langsameren Kurven litt der SF90. Das scheint sich auch auf den Onboards zu zeigen. Die Ferraris von Vettel und Leclerc wollten besonders im letzten Sektor nicht einlenken und litten an Untersteuern. Die Mercedes lenkten sofort ein und lagen in den schnellen Kurven trotzdem stabil.

Für Vettel ist das tatsächlich ein positives Zeichen. Was erwiesen schlecht ist, kann nämlich untersucht und verbessert werden. "Es war von unserer Seite kein perfektes Wochenende, bei dem sich das Auto gut anfühlte und einfach nur langsam war", sagt er nach dem Rennen. So ein gefühlt gutes und trotzdem unerklärlich langsames Auto wäre ein Albtraum - denn man hat keine Idee, wo man den Hebel ansetzen muss. "Das kann auch passieren, war aber nicht der Fall", beruhigt Vettel. "Also wissen wir, dass wir mehr Potential abrufen können."

Wolff glaubt Ferrari: Haben sich beim Setup verfahren

Untermauert wird diese These vom schlechten Setup just von der Konkurrenz bei Mercedes. Teamchef Toto Wolff bezweifelt, dass Ferrari in Australien mit den Motoren Probleme hatte. "Wir hatten auf der Geraden alle die gleichen Speeds", bilanziert Wolff nach dem Rennen. "Im Qualifying, als niemand mehr was versteckt hat, da konnten wir sehen, dass die Leistungsspuren alle übereinander lagen."

Formel 1 Australien: Topspeeds im Qualifying *

Fahrer Start/Ziel Speed Trap Sektor 1 Sektor 2
Bester Wert (Hersteller) 308.0 (Ferrari) 322.5 (Mercedes) 284.8 (Ferrari) 291.2 (Ferrari)
Valtteri Bottas 305.3 320.0 283.6 286.3
Lewis Hamilton 307.2 319.0 283.2 287.5
Sebastian Vettel 303.8 315.9 280.5 285.9
Charles Leclerc 308.0 317.7 282.7 287.4
Max Verstappen 306.5 317.8 282.4 285.1
Pierre Gasly 302.0 316.1 280.3 283.3

* Legende: Diese Werte sind die Bestwerte aus dem Qualifying. Topspeeds werden an vier Punkten offiziell gemessen: An einem offiziellen Messpunkt ("Speed Trap", in Australien 123 Meter vor Kurve 1), auf der Ziellinie, und an den Zeitnehmungs-Linien der Sektoren 1 (vor Kurve 6) und 2 (am Ende des langen Linksbogens).

Im Rennen entstehen durch DRS und verschiedene Motor-Modi Werte, die nur schwer vergleichbar sind.

Das sind für Mercedes alles Indikatoren eines problemfrei laufenden Ferrari-Motors. Außerdem, so Wolff, spielt der Motor durch die über die letzten Jahre gleichbleibenden Regeln eine immer geringere Rolle. "Ich glaube, es war eine Setup-Frage", kommt Wolff daher letztendlich zum gleichen Schluss wie Ferrari selbst. "Wie gesagt - es ist schwierig, mit diesen Autos den perfekten Punkt zu finden. Wenn du bei einem Wochenende mit zwei, drei Tagen den falschen Weg einschlägst ... Ich denke nicht, dass ein grundsätzliches Performance-Problem vorliegt."

Mercedes hatte Ferrari schließlich nach den Testfahrten klar als die Nummer eins in der Formel 1 gesetzt. "Was mir gezeigt wurde, was mir basierend auf den Analysen gesagt wurde - dem zufolge waren sie vorne", bestätigt etwa Lewis Hamilton nach dem Rennen.

"Es war schon eine kleine Überraschung, unser Vorsprung", sagt Wolff daher. "Und die Nicht-Pace von Ferrari war eine kleine Überraschung. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Sie haben einen falschen Weg mit dem Setup eingeschlagen, und wir haben es hinbekommen."

Mercedes: Unser Setup in Australien dafür gut

Mercedes hat seit Barcelona schließlich viel Arbeit in die Entwicklung des neuen W10 gesteckt, verkündet Wolff nach Australien. Bei den Tests hatte Ferrari besonders damit beeindruckt, dass sie sofort nach dem Antreten an der Strecke schnell waren. Mercedes brauchte ein paar Anläufe, bevor man sich mit dem neuen Auto zurechtfand. Außerdem brachte man erst zu Beginn der zweiten Testwoche ein großes Aero-Upgrade mit verändertem Frontflügel, veränderter Nase, veränderten Bargeboards und weiteren Detailanpassungen.

Der Mercedes von Australien unterscheidet sich deutlich verglichen mit dem Testbeginn - Foto: Mercedes-Benz

Das erforderte alles viel aufwändige Testarbeit, so Wolff. Ferrari begann anders, begann viel besser sortiert. Ein solides Programm machte sich für Mercedes aber bezahlt, so Wolff: "Und endlich, es war am Ende des zweiten Tests, da kam alles zusammen und die Fahrer mochten das Auto mehr. Aber ehrlich, als wir nach Melbourne gekommen sind, da wussten wir nicht, ob die Pace reicht oder nicht."

In Melbourne lief von Freitag weg alles nach Plan. Mercedes eröffnete als Nummer eins und schloss als Nummer eins. Erkenntnisse aus Barcelona erwiesen sich als korrekt, und dem Weg an die Spitze stand nichts mehr im Weg. "Ich würde nicht sagen, dass wir übertrieben gut abgeliefert haben", meint Lewis Hamilton. "Wir haben unseren normalen Job gemacht, wie wir über das Wochenende eben arbeiten."

Wolff hält zurück: Australien könnte Ausreißer sein

Das klingt natürlich für Mercedes alles erst einmal gut. Aber für Toto Wolff kommt das alles viel zu früh. "Ich bin nicht sicher, ob es ein Ausreißer ist, verglichen mit anderen Teams", warnt er gleich nach dem Rennen. "Vielleicht hat Ferrari es in Melbourne einfach auf ähnliche Art nicht zusammenbekommen wie wir in Barcelona."

So überraschend Ferraris Fehlen auf dem Podium für Wolff auch war - für Bahrain ist daher laut ihm wieder alles offen: "Denn Melbourne ist eine etwas andere Strecke. Oder ob wir ein Auto haben, das generell so schnell ist, wie es heute den Anschein erweckt hat."

Ferrari-Teamchef Binotto muss dann kurz lachen, als er nach dem Rennen von Wolffs erster Analyse hört: "Wie Toto sagt - er ist offenbar sehr gut im Bilde darüber, dass wir das richtige Performance-Fenster des Autos nicht erwischt haben. Wie gesagt, wir haben es noch nicht voll verstanden. Eines ist sicher: Das ist nicht das volle Potential des Autos. Das ist auf jeden Fall größer."


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