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Formel 1 Brasilien 2018: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen heute

Sebastian Vettel vs. Lewis Hamilton, Ferrari vs. Mercedes heißt schon in der Startaufstellung das Duell in Sao Paulo. Die Schlüsselfaktoren für das Rennen.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Lewis Hamilton kann entgegen seiner Karrierestatistik auch mit einem frischen WM-Titel in der Tasche noch abliefern. Im Qualifying zum Brasilien GP 2018 sicherte sich der Formel-1-Weltmeister die Pole Position für das Rennen (Start heute 18:10 Uhr live auf RTL, im ORF, SRF, F1-TV-Stream und Live-Ticker von Motorsport-Magazin.com) in Sao Paulo.

Direkt neben dem Mercedes-Piloten startet sein größter Gegner der fast abgelaufenen F1-Saison: Sebastian Vettel kam nach einem Vergehen beim Wiegen in der Qualifikation um eine Strafe für die Startaufstellung herum. Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen bilden einmal mehr eine finnische zweite Startreihe. Max Verstappen startet fast schon ungewohnt weit vorne von P5.

Sein Teamkollege Daniel Ricciardo wurde das Motorenpech jedoch nicht los. Durch eine Strafversetzung startet der Australier nur von P11 statt P6. Damit komplettieren Marcus Ericsson (P6 als bester Startplatz der Karriere), Charles Leclerc, Romain Grosjean, Pierre Gasly und Kevin Magnussen die Top-10. Nico Hülkenberg startet von der aus deutscher Sicht hoffentlich kein Unglück bringenden 13. Position.

2. - S wie Start

Nur 334,5 Meter trennen in Sao Paulo die Pole vom Scheitelpunkt der ersten Kurve. Ein extrem kurzer Sprint. Genau deshalb kommt es insbesondere auf den Launch aus der Startbox an. Gute Traktion ist umso wichtiger, weil es zunächst leicht bergauf geht. Ferrari hat hier einen Nachteil: Als einziges Team in den Top-Ten startet die Scuderia dank einer riskanten Taktik in Q2 nicht mit dem weichsten Reifen in Interlagos, sondern mit Soft statt Supersoft.

"Für mich ist Ferrari im Q2 ein sehr großes Risiko eingegangen, mit den Soft-Reifen zu fahren, den ich so nicht gemacht hätte. Denn der Regen ist reingezogen und da konntest du nicht sicher sein, ob der Soft schnell genug ist. Aber sie müssen eben Risiken eingehen, die wir nicht nehmen müssen", sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff über die Konkurrenz, bei der so in Sachen Strategie ein Vorteil entstehen kann (vgl. 3. - S wie Strategie).

Vettel krallte sich 2017 von P2 Bottas direkt am Start - Foto: Sutton

Doch zuvor besteht ein Nachteil am Start. Wie groß ist der wirklich? "Am Start macht das keinen gewaltigen Unterschied", relativiert Hamilton. "Der Run zur ersten Kurve ist ohnehin nicht so lang. Und Ferrari hatte schon das ganze Jahr sowieso ziemlich gute Starts, auch wenn wir halbwegs auf diesem Niveau angelangt sind", erinnert der Weltmeister. Vettel erinnert lieber an das Vorjahr: "Ich habe hier ganz gute Erinnerungen an das Starten von P2", so der Deutsche über seinen Move gegen Bottas vor einem Jahr.

3. - S wie Strategie

Vom Nachteil zum Vorteil. Taktisch ist Ferrari mit dem Soft nach dem Start dann besser aufgestellt. "Wir starten auf einem anderen Reifen, vielleicht macht das ja einen Unterschied", hofft Vettel. "Ich denke, dass das der Reifen ist, auf dem vielleicht die meisten gerne starten würden", freut sich Vettel, diesen Vorteil einzig mit seinem Teamkollegen teilen zu müssen.

"Wir wollten mit Soft starten", gesteht daher auch Hamilton. Doch war es eben ein zu großer Poker. "Vielleicht war es aber auch richtig, wir werden es morgen sehen und müssen schauen, was wir aus der Situation machen", ergänzt der fünffache Weltmeister jedoch. Im Training jedenfalls will er bei Ferrari die größeren Blasen auf den Reifen entdeckt haben. "Es wird strategisch auf jeden Fall interessant. Es wird darauf ankommen, dass die Reifen durchhalten."

Toto Wolff sieht Ferrari hier in jedem Fall erst einmal im Vorteil. Auch so erklärt sich sein versteckte Ärger, dass die Scuderia mit ihrer Hochrisikotaktik im Qualifying durchgekommen ist. "Das hat sich ausgezahlt. Sie haben da einen super Joker im Rennen. Dadurch erwartet uns ein interessanter erster Stint. Wenn wir morgen gewinnen möchten, müssen wir hart dafür kämpfen", sagt Wolff.

Geht es nach den Empfehlungen Pirellis wird das nur zusätzlich bestätigt. Als schnellste Strategie rät der Reifenausrüster zu einem Stopp mit Start auf Soft und Wechsel auf Medium. Das kann vorne nur Ferrari. Sollte es extrem warm werden (vgl 5. - S wie Sonntagshitze) könnte jedoch auch eine Zweistopp-Variante zum Tragen kommen, bei kühleren Bedingungen eher alternative Einstopper, so Pirelli.

4. - S wie Safety Car

Bei all diesen taktischen Gedankenspielen nie zu vergessen ist ein Safety Car - oder auch nur dessen virtuelle Variante, das bereits zeitsparende Stopps ermöglicht. Bernd Mayländer selbst ist in Brasilien zuletzt zudem kein allzu seltener Gast gewesen. In den vergangenen fünf Grands Prix in Sao Paulo kam der deutsche SC-Fahrer insgesamt sechs Mal, verteilt auf zwei Rennen, zum Einsatz.

5. - S wie Sonntagshitze

Das Wetter spielt in Brasilien schon das ganze Wochenende eine merkwürdige Rolle. Die Regenwahrscheinlichkeit ist immer in nennenswertem Maß vorhanden, doch so wirklich will sich der Regen nicht aus den Wolken wagen. Einzig im Qualifying regnete es ein paar allerdings zu vernachlässigende Tropfen. Für das Rennen sind erneut 40 bis 50 Prozent Risiko angesagt. Das kann alles bisher geschriebene auf den Kopf stellen.

Doch nicht nur das. Genauso interessant sind die Temperaturen: Mit bis zu 27 Grad Celsius Spitze soll der Sonntag der mit Abstand wärmste Tag des Wochenendes werden. Das kann mit Blick auf Reifen und Strategie (s.o.) zum alles entscheidenden Faktor werden. Zuletzt hatte insbesondere Red Bull hier Vorteil, sodass sowohl Regen als auch Hitze den Bullen in die Karten spielen können.

6. - S wie Silberpfeil-Party 2.0

In Interlagos könnte Mercedes in direkter Folge des Fahrer-Titels für Lewis Hamilton in Mexiko jetzt auch die WM der Konstrukteure vorzeitig für sich entscheiden. Dafür müssen die Silberpfeile nach dem Rennen, vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi also, mindestens 43 Punkte Vorsprung auf Ferrari vorweisen. 43 nicht 44, weil bei Gleichstand Mercedes siegt, da Ferrari nach Siegen nicht mehr gleichziehen kann. Aktuell beträgt der Abstand allerdings schon 55 Zähler.

Ferrari muss heute im Rennen also mindestens 13 Punkte aufholen, um die Entscheidung zu vertagen. Das geht aus eigener Kraft. Bei einem Doppelsieg für Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen vor den beiden Mercedes würde Ferrari 43 Punkte holen, Valtteri Bottas und Lewis Hamilton nur 27 Zähler. Zuletzt ging sich diese Vorgabe allerdings knapp nicht aus. Zweimal holte Ferrari zwar auf, aber nur 12 (Austin) bzw. 11 Punkte (Mexiko).

7. - S wie Sieger

Doch hat Ferrari überhaupt die Pace für einen Doppelsieg? Abseits von Nachteil Start und Vorteil Strategie sieht es in Sachen reiner Performance recht unklar aus. Im Longrun am Freitag war Ferrari auf eben jenem Soft besonders stark unterwegs, Vettel eine halbe Sekunde schneller als Hamilton. Aber mit etwas frischeren Reifen. "Ferrari ist unglaublich schnell. Wir haben gesehen wir schnell Ferrari ist", mahnt der Weltmeister dennoch.

Auf dem Supersoft allerdings kam Mercedes grundlegend besser zurecht. Doch dürfte der im Rennen nach dem Startstint - zumindest den Prognosen Pirellis zufolge - eher keine allzu große Rolle spielen. Eher der Medium - und da war Mercedes im einzigen Vergleich Bottas vs. Räikkönen nur hauchdünn vorne. Das Kräfteverhältnis zwischen Rot und Silber erscheint also ziemlich ausgeglichen.

Fehlt noch ein Faktor: Red Bull. Anders als im Quali-Trimm zeigten sich die Bullen im Longrun mit bei der Musik. Reifen schonen kann der Red Bull ohnehin. "Ich bin mir sicher, dass unser Auto ein gutes Setup für das Rennen hat. Außerdem soll es im Rennen wärmer sein, das ist für die Hinterreifen härter. Das sollte uns entgegenkommen", sagt Verstappen.

Wenn es wirklich so heiß wird wie vorhergesagt, werden Ricciardo und Verstappen also nur noch stärker. Und: Verstappen startet dieses Mal ohne Strafversetzung aus den Top-5, bei Ricciardo hält sich die Rückversetzung auch in Grenzen. Durch ein gewaltiges Topspeed-Defizit fürchtet Red Bull jedoch, es nur über die Strategie richten zu können.


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