Formel 1

Rennanalyse Mexiko: Wie Vettel Hamilton eine Minute aufbrummte

Max Verstappen war der Star beim Formel-1-Rennen in Mexiko. Doch auch Ferrari deklassierte Mercedes. Wie Vettel Hamilton eine Minute aufbrummen konnte.
von Christian Menath

Nach dem Mexiko GP 2018 drehte sich alles um Lewis Hamiltons fünfte Formel-1-Weltmeisterschaft. Doch das Rennen, in dem sich Hamilton den Titel sicherte, war Performance-technisch bei weitem das schlechteste der gesamten Saison. Nicht nur Red Bull flog den Silberpfeilen wie erwartet davon, auch Ferrari war plötzlich deutlich schneller.

Sebastian Vettel, hinter Hamilton gestartet, kam über eine Minute vor dem Weltmeister ins Ziel. Wie ist das möglich? Die Motorsport-Magazin.com-Rennanalyse gibt zumindest teilweise Aufschluss darüber.

Das Rennen begann für Hamilton noch brillant: Am Start ging der Brite sofort an Pole-Setter Daniel Ricciardo vorbei und fuhr als Zweiter hinter Max Verstappen aus der ersten Kurve. Hamilton musste noch nicht einmal groß abreißen lassen von Verstappen, allerdings gingen seine Reifen früh in die Knie.

Mercedes eröffnet Boxenstopps mit Hamilton

In Runde sieben lag Hamilton noch zwei Sekunden hinter Verstappen, drei Runden später waren es bereits fünf Sekunden. Die Ultrasofts am Mercedes gingen komplett ein, der erste Reifenwechsel war deshalb bereits in Runde elf angesagt.

Dass es kein reines Hamilton-Problem war, zeigt Valtteri Bottas. Der zweite Mercedes-Pilot kam noch in der gleichen Runde wie sein Teamkollege. Mercedes setze damit aber die Konkurrenz strategisch unter Druck: Obwohl Red Bull keine gravierenden Reifenprobleme hatte, war der Undercut ein gefährliches Mittel. Eine Runde nach Hamilton kam Daniel Ricciardo zum Stopp, eine weitere Runde später auch Verstappen.

Ferrari konnte dem ganzen als Zuschauer beiwohnen, schließlich fuhr Vettel zu diesem Zeitpunkt auf Rang vier hinter Verstappen, Hamilton und Ricciardo. Trackposition konnte Vettel also durch die früheren Stopps der Konkurrenz nicht verlieren. Stattdessen konzentrierte sich Ferrari auf sich selbst, fuhr so lange auf dem Ultrasoft, bis er richtig Probleme machte.

Vettel: Für zweiten Stint gespart

"Die ersten Runden war es im ersten Stint sehr schwer, deshalb habe ich mich etwas zurückgenommen", erklärt Vettel. "Ich wollte länger fahren und dadurch einen Vorteil im zweiten Stint haben. Ich war überrascht, dass die anderen so früh gestoppt haben und so einen starken Abbau hatten. Ich hatte am Ende des ersten Stints eine sehr gute Pace, ich war sogar ein wenig schneller als Max."

Der Plan ging auf, Vettel kam erst in Runde 17 zum Stopp. Wie alle anderen Piloten auch, zog Vettel die Supersoft-Reifen auf. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht ganz klar, ob es ein Einstopp- oder ein Zweistopp-Rennen werden würde.

Durch seinen späteren Stopp verlor Vettel zwar Zeit auf das Spitzentrio, doch nun konnte er mit frischeren Reifen ohne Verkehr fahren. Die Lücke auf Ricciardo war bald geschlossen, eine VSC-Phase zögerte den Überholvorgang noch etwas hinaus. In Runde 34 konnte sich Ricciardo nicht mehr wehren, Vettel lag auf Rang drei.

Runde Fahrer von auf
11 Hamilton Ultrasoft gebraucht Supersoft neu
11 Bottas Ultrasoft gebraucht Supersoft neu
12 Ricciardo Ultrasoft gebraucht Supersoft neu
13 Verstappen Ultrasoft gebraucht Supersoft neu
17 Vettel Ultrasoft gebraucht Supersoft neu
17 Räikkönen Ultrasoft gebraucht Supersoft neu
47 Vettel Supersoft Ultrasoft neu
47 Hamilton Supersoft Ultrasoft gebraucht
48 Verstappen Supersoft Supersoft neu
48 Bottas Supersoft Ultrasoft gebraucht
62 Bottas Ultrasoft Hypersoft gebraucht

Zu diesem Zeitpunkt lag Hamilton noch immer auf Rang zwei und hatte 'nur' zwölf Sekunden Rückstand auf Verstappen. Auch die kleine Lücke auf Hamilton konnte Vettel schnell zufahren. In Runde 38 war der Weltmeister fällig. Immerhin eine kleine Revanche auf der Strecke für Vettel.

Vettel holt auf Verstappen auf, Hamilton bricht ein

Ab hier nahmen die Rennen zwei komplett unterschiedliche Richtungen: Vettel lag plötzlich auf Rang zwei, hatte frischere Reifen als seine Konkurrenten und freie Fahrt, Hamilton begann mit den Supersofts ernsthaft Probleme zu bekommen.

Während Vettel seinen Rückstand auf Verstappen in den nächsten neun Runden von 15 auf 11 Sekunden verringern konnte, verlor Hamilton zehn Sekunden auf den Red-Bull-Piloten. Nur neun Runden nach dem Überholmanöver trennten Vettel und Hamilton 14 Sekunden.

Nun war sogar Red Bull vor Vettel gewarnt: Als der Deutsche in Runde 47 zu seinem zweiten Stopp kam, zog Verstappen eine Runde später nach, um Vettel zu covern. Der entscheidende Unterschied: Als einziger Top-Pilot hatte Verstappen noch eine Garnitur frischer Supersofts in den Heizdecken schlummern. Alle anderen Top-Piloten hatten nur einen Satz Supersoft fürs Rennen übrig, der im zweiten Stint aufgezogen wurde.

Während Verstappen also seinen letzten Stint auf Supersoft fahren konnte, musste Vettel auf Ultrasoft gehen. Der Ultrasoft hatte sich im Rennen als nur minimal besser als der Hypersoft erwiesen. Im ersten Stint kamen die Hypersoft-Starter Renault und Sauber sogar später zum Stopp als die Ultrasoft-Starter. Nur der Supersoft erwies sich als guter Rennreifen.

Womöglich hätte Vettel auch auf dem Supersoft zu Ende fahren können, er hätte dann sogar seinen Reifen-Vorteil gegenüber Verstappen ausspielen können. Schließlich waren seine Pneus immerhin vier Runden frischer. Aber Ferrari entschied sich für Vettels zweiten Stopp. "Wir mussten etwas riskieren, weil wir einen recht großen Rückstand auf Verstappen hatten", erklärt Vettel.

Doch im letzten Stint war Vettel damit aus verlorenem Posten. Zum einen, weil Verstappen den besseren Reifen hatte, zum anderen, weil Vettel durch den Stopp wieder hinter Ricciardo fiel, auf weiter auf seinen Supersoft fuhr. Rundenlang biss sich Vettel an Ricciardo die Zähne aus, bis der sich wegen eines Hydraulik-Defekts vom Rennen verabschiedete.

Zu Beginn des letzten Stints schrumpfte Vettels Rückstand zwar auf acht Sekunden, hinter Ricciardo und mit alternden Ultrasofts wuchs der Rückstand aber nach und nach wieder an. "Mehr als Platz zwei war heute nicht drinnen", musste Vettel anerkennen.

Mercedes killt Reifen - Felge schuld?

Noch schlechter erging es Hamilton. Er wechselte wie Vettel in Runde 47 auf Ultrasoft - allerdings hatte er nur noch eine gebrauchte Garnitur. Nach fünf schnellen Runden gingen seine Rundenzeiten wieder in den Keller - bei leichter werdendem Auto. Während Vettel die neuen Ultrasofts deutlich besser am Leben hielt, ging bei Hamilton gar nichts mehr. Von Runde zu Runde wuchs der Rückstand des Briten an, am Ende wäre er fast noch von Max Verstappen überrundet worden. Auf Vettel fehlten schon über 60 Sekunden.

"Das Rennen war ziemlich schlimm", kommentierte Hamilton. "Ich hatte einen großartigen Start und arbeitete mich nach vorne, aber dann hatten wir mit den Reifen zu kämpfen - sowohl ich als auch Valtteri. Ich versuchte nur, dran zu bleiben und das Auto nach Hause zu bringen." Teamkollege Bottas musste sogar noch einen dritten Stopp einlegen.

"Kaum haben sie ihre Spezialfelgen nicht mehr, brechen sie komplett ein", meinte Jacques Villeneuve bei Motorsport-Magazin.com. "Das war in den USA so und nun auch hier." Mercedes beantragte zwar zu Beginn des Wochenendes eine Klarstellung der Stewards, die Mercedes' Lösung als legal einstufte, trotzdem verzichteten die Silberpfeile sicherheitshalber darauf, die gelochten Distanzscheiben einzusetzen. Ferrari hätte trotz der Steward-Entscheidung noch Protest einlegen können.

Ferraris Rennpace war unerwartet stark, Mercedes' Rennpace unerwartet schwach. Am Freitag sah das noch anders aus - obwohl die Temperaturen deutlich höher waren. Möglicherweise fuhren die Silberpfeile da noch mit Spezial-Felge.

Doch hätte Vettels Rennpace auch für den Sieg reichen können, wäre er nicht von Platz vier aus gestartet, was zum Zeitverlust im ersten Stint führte? Eher nicht. Denn Verstappen kontrollierte vorne an der Spitze die Pace. Das gesamte Rennen über ermahnte ihn sein Renningenieur, nur die Rundenzeiten der Verfolger mitzugehen, ja kein unnötiges Risiko einzugehen, die Reifen zu überfordern. Und schließlich war der zusätzliche Satz Supersoft auch noch Gold wert.


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