Formel 1

Formel 1: Strafen-System nach 'dummer' Sochi-Farce vor Neuerung

Die Formel 1 lieferte in Sochi ein unschönes Bild. Nach unzähligen Strafen kam es im Qualifying zur Farce, in der Startaufstellung zur Konfusion. Neue Idee.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Ein packender Russland GP rettete der Formel 1 in Sotschi am Wochenende die Ehre. Im Rennen sorgten vor allem ein entfesselter Max Verstappen auf Aufholjagd, Sebastian Vettels grenzwertiges Manöver gegen Lewis Hamilton, dessen starker Konter und Mercedes' Teamorder für Drama ohne Ende. So wurde es ein verhältnismäßig für Russland guter Grand Prix.

Doch am Tag zuvor hatte die Königsklasse so gar nicht königlich ausgesehen. Und das gleich doppelt, aber miteinander zusammenhängend: Erst im Qualifying , dann beim Bau der Startaufstellung ereigneten sich der Formel 1 unwürdige Szenen. Auslöser war das 2018 leicht adaptierte Strafsystem der F1.

Formel 1 in Sotschi: Verrückte Startaufstellung, lahmes Qualfiying

Zusammengefasst: Alonso, Verstappen, Ricciardo, Gasly und Hartley wechselten am Freitag derart viele Motorenteile, dass sie an das Ende der Startaufstellung versetzt werden sollten. Ab 15 Plätzen Strafe für die Wechsel einzelner Elemente der Power Unit erfolgt das seit Anfang 2018 automatisch. Das soll die komplizierten Additionsspiele der Vorjahre vereinfachen.

Einsortiert werden bei mehreren Fällen - wie jetzt in Sotschi - die Fahrer dann in der Reihenfolge, wie sie im ersten Training auf die Strecke gefahren sind. Je früher herausgefahren desto weiter vorne steht man in der Startaufstellung.

Doch im zweiten Training wechselten Verstappen und Ricciardo dann auch noch vorzeitig Getriebe, Vandoorne genauso vor dem Rennen. Darauf standen je fünf Plätze Strafe - was allerdings qua Reglement autark von den Motorenstrafen läuft. Heißt: Für diese drei Fahrer galt nun Versetzung ans Ende und fünf Plätze Strafe zugleich - für Verstappen sogar acht Plätze, weil er im Qualifying auch noch unter gelber Flagge zu schnell gewesen war.

Formel-1-Regeln - Strafen: So wird die Startaufstellung gemacht: (01:37 Min.)

Eine kuriose Situation, so vom Reglement nicht direkt vorgesehen. Deshalb entschieden die Stewards nach besten Gewissen und ihrer Auffassung von Fairness über die Startaufstellung als nach klaren Regeln.

Strafen führen in Russland zu bizarrer Situation

Damit nicht genug des Ärgers: Durch die unzähligen Versetzungen war das Q1 damit praktisch durch die Ausfahrt-Reihenfolge im ersten Training entschieden. Nicht umsonst feierte Alonso McLarens ersten Platz dabei als beste Leistung des ganzen Wochenendes. Doch auch Q2 des Qualifyings wurde zur Farce: Durch die Strafen machte es keinen Sinn für Red Bull und Toro Rosso überhaupt noch zu fahren, ein besserer Platz hätte keinen Vorteil gebracht. Im Gegenteil: Er hätte nur Reifen gekostet.

Noch dazu, fuhr auch Renault nicht heraus. Die Franzosen hatten erkannt, durch diese Situation sicher Elfter und Zwölfter im Grid zu sein. Damit waren sie die ersten Autos in der Startaufstellung mit freier Reifenwahl, versprachen sich so einen Vorteil. Folge: In Q2 fuhren fünf von 15 Autos nicht.

F1-Pilot Gasly: Da sag die Formel 1 dumm aus

Pierre Gasly kritisierte das Bild, das sich den Formel-1-Fans somit bot, scharf: "Man muss eine Lösung finden und andere Strafen erteilen. Wenn du dir das Qualifying ansiehst, in dem in Q2 alle fünf Autos von P11 bis P15 nicht gefahren sind, dann sieht das wirklich dumm aus. Gerade halten die Regeln die Teams nicht gerade dazu an, dann in Q2 überhaupt zu fahren. Die Startposition sollte sich dann wenigstens für uns (die, die ans Ende versetzt werden, Anm. d. Red.) durch das Qualifying-Ergebnis entscheiden."

Genau diesen Plan denkt die Formel 1 nun an. Möglicherweise müsse man im Reglement nachjustieren, gesteht Formel-1-Renndirektor Charlie Whiting in seinem Medien-Briefing, das die FIA 2018 nach jedem Grand Prix abhält.

FIA-Rennleiter Whiting will über neues Modell beraten

"Ich denke nicht, dass jemand hätte vorhersehen können, was da (in Sotschi, Anm. d. Red.) passiert ist", so Whiting zwar. "Die Idee war ja, dass die Autos vom Ende der Startaufstellung starten statt heftige Strafe auferlegt zu bekommen. Vorher hattest du nie zwei Fahrer auf demselben Platz - auch wenn die Strafen groß waren", so Whiting über das alte Modell der erst virtuell verlängerten Startaufstellung. "Da hast du Plätze zwischen drin offen gelassen und dann am Ende alles wieder zusammenrutschen lassen, um die 20 Plätze zu bekommen."

Formel 1 2018: Russland Grand Prix Analyse: (29:26 Min.)

Doch gebe es eben noch eine Möglichkeit. "Statt Autos zu haben, die sich auf lächerliche Art am Boxenausgang aufreihen, könntest du sie am Ende nach der Reihenfolge anordnen, in der sie sich qualifiziert haben", so Whiting. "Das würde einen Anreiz schaffen, das Quali auch zu bestreiten, um sich wirklich zu qualifizieren.

Ross Brawn sieht Handlungsbedarf

Für das Sportliche Reglement der kommenden Saison werde man das Thema nun genauer analysieren. Auch wenn für Whiting zumindest der Sonderfall um Renault am Samstag in Sotschi wirklich ein Sonderfall bleiben sollte. Dazu müsse einfach zu viel auf einmal zusammenkommen. "Dass jemand auf P11 oder P12 zielt, ist etwas abstrus. Es ist so schwierig, dass tatsächlich zu machen. Ihnen wurde es nur auf dem Tablett serviert, das sollte meiner Meinung nach sehr selten geschehen", so Whiting.

Dennoch wird der Ruf nach Veränderungen auch bei den Bossen der Formel 1 laut. "Alle, die es betrifft, müssen die Notwendigkeit einer anderen Lösung, wie das mit den Strafen zu handhaben ist, sehen. Es hilft auf keinem Fall wenn fünf von 15 Fahrern wie am Samstag nicht an Q2 teilnehmen, weil es keinen Sinn macht, zu fahren. Das ist auf keinen Fall gut für die Show", sagt F1-Sportchef Ross Brawn.


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