Formel 1

Formel 1 Sotschi, Mercedes verteidigt Teamorder: Vettel-Gefahr

Mercedes verteidigt die umstrittene Teamorder um Lewis Hamilton und Valtteri Bottas in Sochi. Toto Wolff: Nach eigenem Fehler keine Wahl - wegen Vettel.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Die Teamorder bei Mercedes ist das große Thema der 2018er Ausgabe des Russland GP der Formel 1. In Runde 25 wiesen die Silberpfeile in Sotschi Valtteri Bottas an, Lewis Hamilton vorbeizulassen. Ein Wechsel zurück erfolgte bis Rennende nicht mehr. So hieß der Sieger im Sochi Autodrom Hamilton statt Bottas. Das führte zu betretenen Gesichtern bei allen Beteiligten.

Und zu jeder Menge Kritik von Extern. Musste das wirklich sein? Und: Hätte man nicht wenigstens wieder zurücktauschen können? Nach dem Rennen nahm sich Toto Wolff alle Zeit, die beiden Entscheidungen zu rechtfertigen und zu erklären. Zunächst stellte sich der Mercedes-Teamchef in den TV-Interviews, machte dort bereits klar, wie sehr ihm die Entscheidung als Racer selbst nicht schmeckte.

Toto Wolff: Stopp-Timing bei Hamilton falsch, mein Fehler

Dann widmete er sich auch der schreibenden Presse. Für den Positionstausch selbst führte Toto Wolff an, Mercedes sei auf das entstandene Szenario im Rennen schlicht nicht vorbereitet gewesen - obwohl man am Morgen vor dem Rennen in Russland gemeinsam mit den Fahrern und allen leitenden Ingenieuren diverse Möglichkeiten durchgekaut hatte, Pläne für verschiedene Situationen erarbeitet hatte.

"Aber das Rennen ist anders gelaufen als wir es heute Morgen erwarteten und diskutiert hatten. Aber wir sind dann darüber gestolpert, wie wir die Boxenstopps gelegt haben. Mit Valtteri haben wir es richtig gemacht, ihn zuerst zu holen. Aber mit Lewis waren wir eine Runde zu spät dran", erklärt Wolff den Auslöser der späteren Teamorder. Denn: Hamilton fiel so hinter Sebastian Vettel zurück, der nun zwischen ihm und Bottas lag.

Wolff: Platz zwei für Hamilton war in Gefahr

"Das muss ich auf meine Kappe nehmen, denn ich habe mich bei James (Vowles, Mercedes-Chefstratege, Anm. d. Red.) in eine Unterhaltung eingemischt, in der er den Call hätte machen sollen", gesteht der Österreicher. Die Folge: "Lewis musste dann hart kämpfen, um Sebastian zu überholen, was auch ein klasse Manöver war, aber seine Reifen hat Blasen werfen lassen. Das geht mit diesen Reifen ziemlich schnell."

Wolff weiter: "So steckten wir in einer Lage, in der Valtteri vorne war und Reifen gemanagt hat, Lewis dahinter mit einem geblisterten Hinterreifen und Sebastian direkt hinter Lewis. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwei mögliche Resultate: Der beste Fall wäre gewesen, dass es einfach so bleibt und wir mir Valtteri gewinnen und mit Lewis Zweiter werden. Der schlechteste Fall wäre gewesen, dass die Blase nicht bis zum Ende gehalten hätte und Lewis von Sebastian überholt worden wäre. Oder, dass man Lewis nochmal an die Box holen muss und er nur Sechster oder Siebter wird."

Am Ende siegt Verstand über Sportlerherz

Um diesem Risiko zu entgehen, habe man die Situation dann durch die Anweisung an Bottas aufgelöst. "Rational war es also der richtige Call, auch wenn das Sportlerherz nein sagt", so Wolff. "Wir mussten zu diesem Zeitpunkt, als wir sahen, dass P2 in Gefahr war, einfach intervenieren. Da haben wir die Entscheidung getroffen und sind auch dabei geblieben."

Genau das führt zur zweiten entscheidenden Frage: Warum tauschte Mercedes dann nicht einfach am Rennende zurück als die Lage sich wieder entspannt hatte? Schlug das Sportlerherz plötzlich leiser? Das vielleicht nicht, dafür pochte aber das Vernunfthirn umso lauter. Wolff: "Am Ende haben wir das nicht mehr überlegt. Wir haben es letztes Jahr in Ungarn gemacht. Aber jetzt sind wir fünf Rennen vor dem Ende und es geht um sieben Punkte weniger oder mehr. Es ist schwierig, den Call zu machen. Aber einer muss ihn machen. Und ich dachte die ganze Zeit: Du musst an die Meisterschaft denken. Und wenn da am Ende die fünf Punkte fehlen oder drei, dann bist du der größte Idiot des Planeten wenn du Valtteris Einzelergebnis in Sochi über die WM gestellt hast."

Wolff: Bei normalem Rennen hätte Bottas gewinnen dürfen

Eine ganz klare Teamorder ohne Not und zugunsten Hamiltons am Rennende wie bei Ferrari in Österreich 2002 hätte es aber nie gegeben, versichert Wolff: "Wir haben Valtteri gesagt, dass - wenn alles läuft wie gedacht - und wir auf Eins und Zwei am Ende des Rennens liegen, wir es so lassen wie es ist, es sei denn wir fühlen uns von hinten unter Druck gesetzt."

Weiter: "Denn wir haben uns gedacht, dass wir sie Rennen fahren lassen müssen. Valtteri hat Lewis gestern geschlagen, war auf Pole. Wir dachten, es sei gerecht wenn wir nicht eingreifen würden. Ich habe die halbe Nacht damit verbracht über die Situation in Österreich 2002 nachzudenken und die Folgen für die Marke. Es ist ein super harter Call."

Vettel zeigt Verständnis: Teamorder selbstverständlich

Volles Verständnis für Mercedes zeigt unterdessen der größte Leidtragende überhaupt. "Sie haben als Team sehr gut zusammengespielt, gut gemacht. Zu ihrer Verteidigung - ich weiß ihr liebt Kontroversen - aber ich denke, dass es eine Selbstverständlichkeit war, was sie heute gemacht haben", sagt Sebastian Vettel.


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