Formel 1

Formel 1 Rennanalyse Singapur: Ferrari schießt nächsten Bock

Sebastian Vettel landete in Singapur mehr als eine halbe Minute hinter Lewis Hamilton. Nicht, weil das Auto so schlecht war, sondern die Strategie.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Man kann darüber diskutieren, ob nun Monza oder Singapur die herbere Schlappe für Ferrari und Sebastian Vettel war. In Monza startete Vettel aus Reihe eins und wurde am Ende Vierter, in Singapur startete er von Rang drei und kam auch dort ins Ziel. Doch in Singapur sollte eigentlich die große Aufholjagd auf Lewis Hamilton beginnen, die schlussendlich eine halbe Minute und 40 Punkte hinter ihm endete.

Nach diesem Rennen kann sich selbst Ferrari die Strategie nicht schön reden. Sebastian Vettel versuche es trotzdem noch: "Ich werde das Team immer verteidigen. Wir haben versucht, aggressiv zu sein. Wenn es funktioniert, dann ist es großartig. Heute hat es eben nicht funktioniert."

Doch war es wirklich aggressiv oder nicht doch grob fahrlässig? Vettel verlor durch seine Strategie Platz zwei an Max Verstappen, den er in der ersten Runde mit einem Überholmanöver erobert hatte und kam schlussendlich 30,984 Sekunden hinter Rennsieger Lewis Hamilton ins Ziel. Vor den Boxenstopps fuhr Vettel noch direkt hinter seinem ärgsten WM-Konkurrenten.

Formel 1 2018: Top-Themen nach dem Singapur GP: (09:15 Min.)

Mercedes und Red Bull setzen auf richtige Reifen

Doch der Reihe nach: In Runde 14 kam Vettel auf Rang zwei liegend zu seinem Stopp. Den Umlauf zuvor überquerte er die Ziellinie 2,212 Sekunden hinter Hamilton. Das Ziel des frühen Stopps war klar: Ferrari wollte mit frischen Reifen Hamilton undercutten. Vettel sollte also eine Runde lang auf frischen Reifen 2,2 Sekunden auf Hamilton herausfahren. Um das zu schaffen, wechselte man von Hypersoft auf Ultrasoft und nicht wie von vielen angenommen auf Soft.

Doch der Plan ging nicht auf. Hamilton kam eine Runde später zum Stopp und kam anschließend deutlich vor Vettel wieder auf die Strecke. Für den Deutschen kam es anschließend noch knüppeldicke: Im Verkehr hinter Sergio Perez verlor Vettel so viel Zeit, dass Max Verstappen mit einem Overcut wieder vorbeiziehen konnte.

Im Gegensatz zu Ferrari schraubten Mercedes und Red Bull aber nicht die Ultrasoft-Pneus auf, sondern setzten Hamilton und Verstappen auf Soft. Für Vettel war das Rennen von nun an gelaufen. Mit den schlechteren Reifen ging es nicht mehr darum, vorne anzugreifen, sondern nach hinten abzuwehren. Das Resultat waren dann die 30 Sekunden Rückstand.

Doch hatte Ferrari wirklich Pech, dass die aggressive Strategie nicht aufgegangen ist oder war es absehbar? Für den neutralen Zuschauer war es nur schwer zu verstehen, warum Vettel die Ultrasoft-Reifen wählte. Denn selbst, wenn der Plan aufgegangen wäre und Vettel Hamilton undercuttet hätte, wäre er für den Rest des Rennens auf den unterlegenen Reifen gewesen.

Vettel: Keine Antwort auf Strategie-Fehler

Motorsport-Magazin.com fragte bei Vettel nach. Doch eine plausible Antwort auf die Frage konnte auch er nicht liefern. "Wir haben versuchen, die Position zu gewinnen, aber Lewis war dann zu schnell. Wenn man einmal vorne wäre, könnte man die Pace hier kontrollieren, aber wir sind nie vorne gewesen und deshalb ist es auch ein wenig sinnlos, darauf eine Antwort zu finden."

Tatsächlich ist Überholen auf kaum einer Strecke so schwierig als in Singapur, der Vorherfahrende kann die Pace mehr oder weniger diktieren. Doch so ganz schlüssig ist es trotzdem nicht. Denn Vettel glaubte ursprünglich nicht daran, das Rennen auf den Ultrasoft zu Ende fahren zu können. "Ich war nicht besonders zuversichtlich", gestand er selbst. "Und ein Boxenstopp war keine Alternative, denn dann wäre ich ohne Safety-Car bestenfalls Sechster geworden. Ich musste sie vorne fahren lassen und nur versuchen, meine Reifen am Leben zu halten."

An dieser Stelle muss sich Ferrari fragen: Was hätte man gemacht, wenn man tatsächlich die Führung übernommen hätte, wenn Vettel nicht zuversichtlich war, das Rennen auf Ultrasoft beenden zu können? Mit der Pace, die Ferrari im Rennen hatte, hätte Vettel auch in freier Fahrt niemals einen zusätzlichen Boxenstopp herausfahren können. Die Argumentation mit der aggressiven Strategie hinkt.

Das meint übrigens auch Lewis Hamilton: "Sie haben letztendlich einen Fehler gemacht, als sie die Ultrasofts aufgezogen haben. Wir wussten von diesem Punkt an, dass sie Probleme haben würden, bis zum Ende damit durchzukommen."

Und Hamilton führte noch einen weiteren Punkt an: "Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einen ordentlichen Vorsprung, es war nicht sehr wahrscheinlich, dass sie mich undercutten würden." Genau hier müssen sich die Ferrari-Strategen ein weiteres Mal hinterfragen.

Vettel sieht Fehler schneller als Ferrari

Vettel sah das Problem schon während des Rennens. "Wir waren wieder zu spät", funkte er an die Box, als er zum Stopp gerufen wurde. Denn Vettel hatte Hamilton durchschaut. Der Brite fuhr im ersten Stint im Schneckentempo. Als das Boxenstoppfenster aufging, zog Hamilton plötzlich an. "Am Ende des Stints habe ich richtig losgelegt, davor ging es nur darum, die Reifen am Leben zu halten", gestand Hamilton selbst. "Ich hätte auch noch zwei oder drei Runden so weitermachen können."

Hamilton vergrößerte dadurch seinen Vorsprung auf Vettel von einer Sekunde auf über zwei Sekunden in Runde 14 und auf rund drei Sekunden direkt vor Vettels Stopp. Auch wenn der Undercut auf einer langen Strecke wie Singapur sehr effektiv sein kann, drei Sekunden wären eine Mammutaufgabe gewesen.

Auch wenn Vettel das Problem sah, Ferrari holte ihn trotzdem zum Stopp - und machte dabei den nächsten gravierenden Fehler. Nach dem Reifenwechsel kam Vettel nämlich direkt hinter Sergio Perez auf die Strecke. Hinter dem Mexikaner verlor Vettel weitere drei Sekunden.

Vettel verlor in Singapur auch noch Platz zwei an Max Verstappen - Foto: Sutton

In dieser Zeit konnte Max Verstappen die freie Fahrt an der Spitze nutzen, auch weil Vettels Pace auf den frischen Ultrasoft-Reifen alles andere als berauschend war. Obwohl bei Verstappens Boxenstopp nicht alles rund lief und der Red-Bull-Pilot dabei eine Sekunde verlor, kam er noch direkt vor Vettel zurück auf die Strecke.

Am Ende machte Ferrari mit der Strategie schlicht zu viele Fehler. Man holte Vettel für einen Undercut zu spät zum Stopp, unterschätzte Hamiltons echte Rennpace, beachtete den Verkehr nach Vettels Stopp nicht, konzentrierte sich zudem nur auf den Mercedes-Piloten und ging schlussendlich auch noch auf den falschen Reifen. Dass Daniel Ricciardo später ebenfalls auf Ultrasoft ging, ist keine Entschuldigung. Der Australier stoppte erst in Runde 27 - und hatte auf Rang sechs wirklich nichts mehr zu verlieren.


Weitere Inhalte:
Wir suchen Mitarbeiter