Formel 1

Formel 1 Monza: Reifendrama kostet Kimi Räikkönen sicheren Sieg

Kimi Räikkönen sieht 2018 beim Ferrari-Heimrennen in Monza wie der sichere Sieger des Italien GP aus. Doch Lewis Hamilton stiehlt den Sieg. Die Gründe.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Bitteres Ende eines großen Rennens für Kimi Räikkönen in Italien. Beim Ferrari-Heimrennen in Monza führt der von Pole Position gestartete Finne den Grand Prix bis kurz vor Schluss an, als ihn Lewis Hamilton in der 45. von 53 Runden am Ende der langen Start-Ziel-Geraden überholt - fast schon spielend leicht überholt.

"Ich konnte nichts mehr machen, die Reifen waren weg", funkte Räikkönen direkt nach dem Zieleinlauf die ohnehin extrem naheliegende Erklärung an Ferrari. "Ich war eigentlich schnell genug, der Speed war da. Aber die Reifen haben nicht durchgehalten. Zum Schluss war damit nichts mehr drin", führt Räikkönen bei den ersten Interviews unmittelbar nach dem Rennende weiter aus.

Kimi Räikkönen trauert: Speed da, Reifen nicht

"Das ist hart zu akzeptieren, aber es war das Maximum heute. Wenn man sieht, wie das mit den Hinterreifen gelaufen ist, muss man den zweiten Platz aber mitnehmen und macht weiter", ergänzt der Finne. Doch was brachte Räikkönen überhaupt in diese brenzlige Situation?

Der Start jedenfalls nicht. Da behauptete Räikkönen seine erste Pole der Saison trotz Windschatten für Lewis Hamilton und Sebastian Vettel in der erste Schikane souverän. Enger wurde es nach der Rettifilo, als sich die Verfolger auch noch über die Curva Grande hinweg zur zweiten Schikane herangesaugt hatten. Doch hielten Vettel & Hamilton durch ihren Unfall in der Variante della Roggia Räikkönen auch bei der zweiten Chance den Rücken frei.

Re-Start: Hamilton greift an, Räikkönen wehrt ab

Vettel war daraufhin aus der Verlosung um den Sieg, doch Hamilton noch immer ein ganz schneller Pfeil hinter Räikkönen. Schon beim Re-Start in Runde vier ging es heiß her. Hamilton hing Räikkönen schon vor der Parabolica im Getriebe, zog auf Start-Ziel vorbei am Ferrari. Doch Räikkönen gelang der Konter in die zweite Schikane hinein. Von da an folgte Hamilton dem Finnen wie ein Schatten, mal im DRS, mal nicht.

Zu einem Angriff reichte es jedoch nie. In Runde 20 entschied Ferrari schließlich, Räikkönen an die Box zu zitieren, um einem Mercedes-Undercut zuvorzukommen. Das zahlte sich aus. Hamilton fuhr in Clean Air zwar sofort absolute Sektorbestzeiten auf seinen gebrauchten Supersofts, doch konterte Räikkönen diese mit dem frischen Soft sofort. Somit war ein schneller Overcut für Mercedes nicht mehr möglich, aber noch ein langer. Hamilton blieb also deutlich länger auf der Strecke.

Ferrari verhindert Undercut von Mercedes

In Runde 25 kam es durch einen Motorschaden Daniel Ricciardos fast zum Super-GAU für Räikkönen. Ein Safety Car hätte Hamilton jetzt perfekt in die Karten gespielt. Doch Bernd Mayländer blieb in der Box. Allerdings zeichnete sich anderes Übel ab: Räikkönen holte in Riesenschritten auf Bottas auf, der noch nicht gestoppt hatte. Mercedes funkte dem Finnen, er solle Räikkönen unbedingt hinter sich halten.

Schützenhilfe für Lewis Hamilton also. Nein, verteidigt aber Toto Wolff bei RTL die Taktik. "Das war beste Strategie für Valtteri, weil wir den größtmöglichen Reifenvorteil kreieren mussten. Wir wussten, dass der Valtteri am Ende noch einmal gegen den Verstappen fahren kann", so der Österreicher. Die Berechnungen hätten ergeben, dass das die beste Strategie für Bottas gewesen sei. Auf Nachfrage gesteht Wolff jedoch auch mit Blick auf Hamilton ein: "Im Ergebnis war es dann ganz praktisch." Dass es tatsächlich auch darum ging, bestätigen Bottas Worte im Grid-Interview unmittelbar nach der Zielflagge: "Meine Mission war es, Kimi aufzuhalten."

Bottas hält Räikkönen für Hamilton auf

Doch ganz groß war die Hilfe nicht. Hamilton stoppte noch bevor Bottas Räikkönen überhaupt Zeit kostete - in Runde 28 -, kam also hinter Räikkönen zurück auf die Strecke. Und das mit großem Abstand. Aus 0,5 Sekunden waren fünf geworden. Doch genau jetzt kam Bottas ins Spiel. Erst jetzt bremste der eine Finne den anderen ein, sodass Hamilton in Siebenmeilenstiefeln heranflog. Als er direkt dran war, kam Bottas in Runde 35 zum Stopp.

Bottas bremste Räikkönen für Hamilton ein - Foto: Sutton

Räikkönen hatte somit alle Vorteile verloren: Kein Polster mehr auf Hamilton, das er angesichts jetzt acht Runden älterer Softs gut hätte gebrauchen können. Noch dazu hatte er den Soft direkt nach seinem Stopp ja sofort hart rannehmen müssen. Nur so konnte Räikkönen einen direkten Overcut Hamiltons erfolgreich unterbinden. Einem Pirelli schmeckt das allerdings nicht.

Räikkönen am Ende mit ruinierten Pirelli leichtes Hamilton-Opfer

Noch dazu sieben Runden direkt im Getriebe Bottas' - weniger Grip durch Dirty Air, damit mehr Rutschen und Verschleiß - und die eben acht Runden mehr auf dem Buckel gegenüber Hamilton machten das Reifendrama Räikkönens in Monza perfekt. Nach zehn Runden waren die Pneus endgültig ausgelutscht, schon am TV-Bild war gut zu erkennen, wie arg runter die Reifen waren, fast in Fetzen hingen.

"Es hat nicht geholfen, hinter den anderen Autos zu sein für diese Runden und du konntest nicht wirklich viel Reifensparen. Dazu bist du da nicht in der Position. Du kannst da nicht anfangen locker zu lassen. Nun, du kannst, aber dann lässt du ihn durch", schildert Räikkönen das Dilemma. "Es gab einfach keinen Moment, wo ich mal locker lassen konnte."

Das entging natürlich auch Mercedes nicht. "Wir haben gesehen, dass der Reifen von Kimi total weg war, möglicherweise nicht einmal bis Rennende halten würde. Insofern haben wir Lewis gesagt, dass er auf die Reifen achten muss und das dann die Rennentscheidung ist", so Wolff.

Zittern, ob Räikkönen damit überhaupt ins Ziel kommen würde, begann auch Ferrari. Nachdem Hamilton dann in Runde 45 vorbeigegangen war, funkte die Scuderia Räikkönen deshalb, die Kerbs zu meiden, um es irgendwie auf P2 ins Ziel zu retten. Gesagt, getan. "Zum Glück hat es noch bis zum Ende gehalten", so Räikkönen. Doch der große Ärger über eine ganz große und verpasste Siegchance überwog beim Finnen natürlich trotzdem – und trotz aller dennoch lauten Jubelschreie der Tifosi.

Räikkönen: Sorry an Tifosi, nächstes Mal

Sogar eine Entschuldigung schien Räikkönen nach seinem 100. Podium in der Formel 1 deshalb aussprechen zu müssen. "Wir hatten hier eine riesige Unterstützung von den Tifosi. Es tut mir leid, dass ich nicht gewonnen habe, nächstes Mal dann!" Nächstes Mal? Also doch weiter bei Ferrari 2019? Nachfrage bei Räikkönen bringt keine Bestätigung: "Es gibt immer Optionen. Es hängt davon ab, was du tun willst. Es gibt viele Dinge. Wir werden in Zukunft sehen, was passieren wird."


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