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Formel 1, Österreich 2018: Die 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen

Das Rennen in Spielberg verspricht einiges: Verkehrte Mercedes-Dominanz, Vettel-Aufholjagd, Reifen-Krimi und Haas-Sensation. Das erwartet uns am Sonntag.
von Florian Becker & Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Mercedes hat auch in Österreich die erste Startreihe fest in der Hand. Zum ersten Mal in diesem Jahr steht jedoch nicht der Silberpfeil mit der Startnummer 44 ganz vorne. Valtteri Bottas sicherte sich wie schon 2017 die Pole Position in der Steiermark. Hinter ihm und Hamilton hätte eigentlich Sebastian Vettel von der dritten Startposition ins Rennen gehen sollen, doch der Ferrari-Pilot erhielt nach Behinderung von Carlos Sainz eine Startplatzstrafe von drei Positionen.

Somit gehen Kimi Räikkönen und Max Verstappen aus Reihe zwei ins Rennen. Dahinter folgt mit Haas-Pilot Romain Grosjean die große Überraschung. Der Franzose steht nach seiner bisher besten Performance in dieser Saison als Fünfter neben Vettel in der dritten Reihe. Gleich dahinter sorgen Daniel Ricciardo und Kevin Magnussen für Action. Der Australier ist für seine entschlossenen, der Däne für seine ungestümen Manöver bekannt.

Weiter hinten darf man sich auf eine Aufholjagd nach Sauber-Art freuen. Charles Leclerc geht nach einer Getriebestrafe nur als 18. ins Rennen, hat aber klar die Pace für den Anschluss an die Top-10. Der Ferrari-Youngster hat am Sonntag die Möglichkeit, seine Qualitäten als potentieller Pilot der Scuderia mit Überholmanövern auf andere Art und Weise aufblitzen zu lassen.

2. - S wie Start

Der Start ist auf dem Red Bull Ring immer eine heiße Angelegenheit. Durch die erste Kurve passen, so sehr es sich die Piloten auch wünschen, keine drei Autos. Das Gefahrenpotential ist angesichts des Nadelöhrs hoch. 2017 sorgte Bottas mit einem verboten guten Start dafür, dass ihn die Karambolage einige Reihen weiter hinten erst recht nichts anging. Ein derart grenzwertiger Start würde ihm heute sich auch gegen Hamilton gelegen kommen. Das Kunststück ohne Frühstart zu wiederholen dürfte sich aber als unmöglich erweisen.

"Es ist ein recht kurzer Weg zu Kurve eins, da machst du lieber alles normal", weiß Bottas. "Aber natürlich versuchst du einen guten Start zu erwischen. Immer. Ich denke, eine Position zu gewinnen oder zu verlieren kann hier schon einen Unterschied machen. Deshalb versuche ich einen guten zu haben." Einen guten Start wird in jedem Fall Sebastian Vettel brauchen, wenn er eine Chance haben will nach seiner Grid Penalty noch den Anschluss an die Silberpfeile herzustellen.

Das Leben schwer machen wird ihm dabei weniger Teamkollege, sondern eher Max Verstappen. Der Niederländer zählt selbst zu den besten Startern im Feld. Womit wir wieder beim Risiko einer Startkollision wären. Noch mehr als Verstappen ist wohl Romain Grosjean was das angeht ein nicht zu unterschätzender Faktor. Der Franzose will für seine bisher erfolglose Saison Wiedergutmachung leisten. Was wäre da besser, als die starke Performance des Haas am Red Bull Ring gleich einmal in einen Raktenstart zu verwandeln und einen Verstappen oder Räikkönen zu überrumpeln?

3. - S wie Strategie

Den Ton bei der Strategie geben auch in Österreich wie immer die Reifen vor. Wieder einmal haben sich die Top-Teams für unterschiedliche Mischungen am Start entschieden. Während Mercedes und Red Bull auf Supersoft ins Rennen gehen, sind beide Ferrari mit Ultrasoft besohlt. In Frankreich konnte Vettel die bessere Traktion des weichsten Reifens noch in einen guten Run auf die erste Kurve ummünzen, bis er sich im Mercedes von Bottas verfing. In Spielberg stellt der weichste Reifen für die Scuderia im ersten Stint eine ziemliche Herausforderung dar.

Selbst wenn es Räikkönen und Vettel gelingt den Traktionsvorteil am Start umzumünzen, dürften sämtliche Vorteile nach wenigen Runden verpuffen. Der Ultrasoft wies auf den Longruns als einziger Reifen Graining auf. Vor allem wenn beide in Dirty Air unterwegs sind, dürfte die Lebensdauer ihrer Reifen darunter leiden. Andererseits unterscheiden sich die drei Reifenmischungen von Pirelli in Spielberg nicht sonderlich, was die Performance angeht.

Pirelli geht wieder einmal von einer Einstoppstrategie aus. Im zweiten Stint dürfte bei allen Ultra- und Supersoft-Startern die Soft-Mischung zum Einsatz kommen, die sich als in den Longruns schnell und langlebig erwies. "Wir erwarten zwar ein Einstopp-Rennen, aber es wird wohl einige Varianten geben, denn das Boxenstopp-Fenster ist sehr groß", so Pirelli-Motorsportchef Mario Isola.

4. - S wie Sensation

Der Red Bull Ring ist mit seinen nur 4,3 Kilometern eine extrem kurze Rennstrecke. Entsprechend sind die Zeitabstände nur gering, das Feld rückt enger zusammen als üblich. Das macht Sensationen leichter möglich. Schlägt wieder die Stunde des Charles Leclerc? Dieses Mal könnte es schwierig werden. Der Rookie qualifizierte sich zwar erneut stark auf P13, doch wirft ihn eine Strafe für einen Getriebewechsel weit zurück. "Punkte morgen sind jetzt optimistisch, aber noch immer das Ziel. Aber es wird schwierig", fürchtet der Monegasse.

Doch gibt es einen potenten Ersatz für die Rolle der Sensation: Haas - und im US-Team ausgerechnet auch noch Romain Grosjean, bisher noch ohne einen WM-Punkt. Unvermögen und Pech verhinderten 2018 bis dato Zählbares. Jetzt sind die Aussichten besser denn je. Im Qualifying splittete Grosjean die Red Bull, rückt durch die Vettel-Strafe im Grid sogar vor auf P4.

"Es wäre nett, hier eine Positiv-Spirale neu zu starten, weil seit Melbourne war es eine Negativ-Spirale", hofft der Franzose. "Vor dem Qualifying haben wir gedacht, sie seien zu weit weg. Wir waren ziemlich überrascht, dass wir einen schlagen konnten", ergänzt Grosjean mit Blick auf die Anti-Sensation in Spielberg. Red Bull ist ausgerechnet beim Heimrennen voll außer Form. Auch im Longrun. Doch auch dort war ein anderes Team stark, wieder Haas. "Die Strecke in Österreich ist ideal für Haas" erklärt Grosjean: "Hier gibt es viele mittelschnelle und schnelle Kurven, da sind wir sehr schnell."

5. - S wie Streckenlimits

In den vergangen Jahren waren sie stets eines der größten Themen am Red Bull Ring. Die fiesen gelben Wurstkerbs sorgten auch 2018 in Trainings und Qualifying wieder für Schäden an den Boliden. Wer sich nicht im Griff hat und die Track Limits überstrapaziert, bekommt in Österreich die Quittung in Form einer demolierten Radaufhängung oder zerbröselter Frontflügel. Was im Training noch als Lehrgeld abgetan werden konnte, kann im Rennen schnell das Ende bedeuten oder zumindest die Hoffnung auf ein gutes Resultat.

"Wir versuchen natürlich so sicher wie möglich zu fahren", erklärt Alonso. "Im Rennen lassen wir immer mehr Luft. Im Training oder Qualifying suchen wir mehr das Limit, aber im Rennen müssen wir aufpassen. Andererseits, wenn wir dort draußen fahren ist das normalerweise keine Absicht. Es ist nicht so, dass du die Lenkung aufmachst und einfach rausfährst. Du kommst dort raus, weil du einen Fehler machst oder ein Untersteuern hast, das du nicht abstellen kannst. Es geht nicht um einen Vorteil bei der Rundenzeit."

6. - S wie Sonntagswetter

Die Meteorologen lieferten für das Wochenende in Österreich bislang durchwachsene Prognosen. Die Witterungsbedingungen auf dem in den steirischen Bergen gelegenen Red Bull Ring sind zu deren Ehrenrettung allerdings oft auch nur schwer vorhersehbar. Sonnenschein, Regen oder beides im Verlauf des Wochenendes, alles ist - und war bei den Grands Prix der Vergangenheit - möglich.

Bislang waren für die ersten Tage Regenwahrscheinlichkeiten zwischen 40 und 60 Prozent angesagt gewesen - tatsächlich tröpfelte es allenfalls einmal ganz leicht. Regen- oder Intermediate-Reifen blieben unangetastet. Für den Rennsonntag jedoch war schon lange vor dem Wochenende bestes Wetter angesagt. Hier weichen die aktuellen Prognosen auch nicht ab. Angenehme 20 Grad Celsius, nur vereinzelte Wolken und eine nahezu nicht vorhandene Regenwahrscheinlichkeit.

7. - S wie Sieger

Der wichtigste aller Faktoren lautet natürlich: Wer ist bei der aktuellen Ausgangslage und nach den bisherigen Eindrücken des Wochenendes der Top-Favorit auf den Sieg in Österreich? Jedenfalls dieses Mal ganz klar nicht Sebastian Vettel. Von P6 aus muss sich der Deutsche immerhin erst einmal an einem Red Bull und einem Haas vorbeidrücken. Zumindest erste sind in Spielberg allerdings wohl kein echter Gegner.

Aber: Kommt Vettel nicht schnell genug vorbei an Verstappen und Grosjean, könnte für den Deutschen der Top-3-Zug vorne schon abgefahren sein. Vor allem, weil Mercedes in Österreich einen bärenstarken Eindruck mit dem neuen Update macht, der Kurs den Silberpfeilen on top bestens schmeckt. "Die Pace war nicht gut genug, um eine Gefahr für Mercedes zu sein", gestand Vettel zum Qualifying.

Doch was ist mit der Rennpace? Tatsächlich sah Ferrari im Longrun am Freitag besser aus. "Generell glaube ich, dass wir bei der Rennpace mehr auf Augenhöhe mit Mercedes sind", sagt Vettel. Aber auch dort ist es noch immer nicht ganz Mercedes-Niveau. "In den Highspeed-Kurven nehmen sie mehr Geschwindigkeit mit", erklärt Vettel Motorsport-Magazin.com."Es ist eng, wir reden nicht von viel, aber es ist genug, um vor uns zu sein."

Mercedes also der Top-Favorit? Ja. Selbst die für ihr Understatement so bekannten Silberpfeile sind sich ihrer Stärke bewusst. Vor allem Bottas brennt darauf, unbedingt das Pech abzuschütteln, den ersten Saisonsieg zu feiern: "Das Auto war aber sooo gut. Ein sauberer Start wäre jetzt klasse. Ich bin hungriger auf den Sieg als jeder andere hier!"

Nur Toto Wolff sucht natürlich wieder das Haar in der Suppe. Mit drei Autos Puffer auf Vettel sei noch nichts gewonnen. "Nein, denn Kimi ist noch da", meint der Mercedes-Motorsportchef. "Die Situation ist nur etwas komfortabler." Ein Selbstläufer werde es sicher nicht. "Der Ferrari hat eine gute Traktion aus Kurve drei heraus", warnt Wolff. Räikkönen jedenfalls zeigt sich auch begierig auf seine Chance: "Das wird sicherlich ziemlich interessant. Und manchmal läuft das Qualifying ja ganz anders, als das Rennen dann sein wird …"


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