Formel 1

Formel 1: War Ferraris Räikkönen-Opfer richtig? Pro & Contra

Ferrari opferte beim F1-Rennen in China Kimi Räikkönen, um Sebastian Vettel eine Siegchance zu ermöglichen. Sportlich gerechtfertigt oder respektlos?
von Florian Becker & Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Schon bevor das Safety Car beim Großen Preis von China, dem dritten Rennen der Formel-1-Saison 2018, alle Strategien auf den Kopf stellte, lieferte der Grand Prix in Shanghai teamtaktischen Diskussionsstoff. Weil Mercedes Valtteri Bottas mit einem perfekten Undercut an Ferrari-Pilot Sebastian Vettel vorbeigeschleust hatte, reagierte die Scuderia mit ihrem letzten Mittel: Kimi Räikkönen.

Der Finne führte, war noch auf seinem ersten Reifensatz unterwegs, und sollte jetzt Valtteri Bottas einbremsen. Tatsächlich kam Vettel so in eine gute Position, war direkt im Getriebe des Mercedes. Der Angriff scheiterte jedoch. Als Räikkönen Ende der Runde an die Box zitiert wurde, war dessen Rennen zu diesem Zeitpunkt jedoch verdorben, er hatte zwei Positionen und viel Zeit verloren.

Doch was ist von der Ferrari-Aktion zu halten? Sportlich normal und unbedingt notwendig? Oder respektlos und auch in Sachen Ergebnis fragwürdig? Motorsport-Magazin.com diskutiert Pro und Contra.

Pro: Ferrari mit dem Rücken zur Wand

Da waren sie wieder. Die bösen Ferrari-Strategen, die Kimi Räikkönen für Sebastian Vettel in China opferten. Tatsächlich war die Taktik der Italiener die einzig sinnvolle im Kampf gegen Mercedes. Zunächst einmal gewann Vettel den Start gegen Räikkönen. Damit war die teaminterne Rollenverteilung früh klar. Hinzu kommt jedoch, dass Räikkönen in der Startrunde hinter Valtteri Bottas und Max Verstappen zurückfiel. Wenn manche Bottas nach seinem Abflug im Australien-Qualifying vorwarfen, Hamilton am Sonntag den Ferraris ausgeliefert zu haben, müsste derjenige hier wohl zum gleichen Schluss kommen.

Ferrari waren durch die Position Räikkönens die Hände gebunden. Vettel lag zwar vor Bottas, doch Räikkönen konnte den Mercedes nicht mit einem Undercut unter Druck zu setzen. Stattdessen saß dem Iceman der Silberpfeil von Hamilton im Nacken. Als Leader musste Ferrari die Strategie von Mercedes mit beiden Autos abwarten. Holt das führende Team seine Piloten zuerst rein, öffnet es dem Gegner Tür und Tor. Hätte Mercedes gesehen, dass Ferrari die Einstopp-Strategie mit Medium fährt, hätten sie - ohne etwas zu verlieren zu haben - ihre Piloten auf eine alternative Strategie setzen können. Ferrari wäre dem ausgeliefert gewesen, ohne eine Chance zu reagieren. Dementsprechend mussten ihre Strategen abwarten, bis beide Mercedes gestoppt hatten. Nur so konnte sichergestellt werden, dass der Gegner das eigene Rennen nicht mit einer Risiko-Taktik stört.

Nach Hamiltons Reifenwechsel dürfte der Scuderia außerdem schnell klar gewesen sein, dass Räikkönen dem Undercut zum Opfer fallen würde, wenn sie auf den ersten Mercedes-Stopp reagieren. Diese eine Position war also schon mal weg. Alleine deshalb war es richtig, Räikkönen lieber weiterfahren zu lassen. Spätestens als Vettel nach dem Undercut von Bottas die Führung verlor, musste Ferrari ihn dann ohne wenn und aber draußen lassen. Einerseits, um ihn taktisch für die Siegchancen des Teams gegen den führenden Mercedes einsetzen zu können, wie es schlussendlich der Fall war, und andererseits um im Sinne von Räikkönens Rennen auf eine Chance zu hoffen, wie sie sich Vettel bei einer ähnlichen Strategie in Australien durch das VSC bot.

Contra: Kein Respekt für Räikkönen & Fans, Gefahr für Ergebnis

Ferraris Aktion, Kimi Räikkönen in Shanghai zu opfern, ging aus gleich drei Gründen mal so gar nicht klar. Erst sieben Runden nach Sebastian Vettel durfte der Finne in China zum Reifenwechsel kommen, musste als Bremsklotz für Valtteri Bottas herhalten. Räikkönen war damit Ferraris letzte Chance, die Niederlage der Scuderia-Strategen gegen den Mercedes' Undercut wieder auszumerzen. Räikkönen musste ausbügeln. Nicht zum ersten Mal in den vergangenen Jahren. Selbst Valtteri Bottas musste da schon schmunzeln. Er habe genau das von Ferrari erwartet.

Und das ist eines Weltmeisters wie Kimi Räikkönen nicht würdig. Schon gar nicht wenn so etwas schon im dritten Saisonlauf passiert, noch weniger wenn es sich bei dem Betroffenen um den noch immer letzten Champion der Scuderia handelt. Nicht umsonst kritisieren zahlreiche User in den Kommentaren bei Facebook und auf unserer Website die Aktion deshalb sogar als respektlos. Respektlos ist es jedoch nicht gegenüber Räikkönen, sondern auch den Fans, was mein zweiter Punkt ist. "Lasst sie doch Rennen fahren." und "Es soll der schnellste Fahrer gewinnen, nicht die Boxenstopps entscheiden." Zeilen wie diese habe ich nicht nur einmal gelesen. Die Zuschauer wollen Chancengleichheit. Was auch verständlich ist: Nur so lässt sich erkennen, wer wirklich der schnellste ist.

Klar: In China wäre Räikkönen das nicht gewesen. Eine Siegchance war unter normalen Umständen nicht mehr da. Aber - und das ist mein dritter Punkt - durchaus mehr als nur eine Chance auf ein deutlich besseres Ergebnis. Wäre die Neutralisation durch das spätere Safety Car nicht gewesen, wäre für Räikkönen durch seine Rolle als Bremsklotz gar nichts mehr gegangen. Vor der Boxenstopp-Phase war der Finne Vierter, 12,6 Sekunden hinter der Spitze. Danach: Sechster, 25,7 Sekunden hinter P1. Und vor allem: 12,7 Sekunden hinter P5. Damit war sein Rennen ruiniert, sodass Ferrari unter dem Strich auch ein besseres Teamergebnis, mindestens vier Punkte, einfach weggeschmissen hatte. Deshalb war die Aktion für mich auch sportlich nicht vertretbar.


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