Formel 1 / Historisches

Sebastian Vettels WM-Mutmacher: 7 große Formel-1-Aufholjagden

Für Sebastian Vettel (Ferrari) scheint die Formel-1-WM 2017 mit 59 Punkten Rückstand auf Lewis Hamilton verloren. Doch diese 7 Aufholjagden wecken Hoffnung.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - 59 Punkte in vier Rennen muss Ferrari-Pilot Sebastian Vettel im Schlussspurt der Formel-1-Saison 2017 auf seinen WM-Rivalen Lewis Hamilton im Mercedes aufholen. 100 Punkte sind nur mehr zu vergeben - ein auf dem Papier somit mehr als nur ambitioniertes Vettel-Vorhaben.

Schon beim kommenden F1-Lauf, dem USA Grand Prix in Austin, kann sich die WM potentiell entscheiden. Gewinnt Hamilton und wird Vettel maximal Sechster, so war es das bereits für den zuletzt so arg von der Technik im Stich gelassenen Deutschen.

Insgesamt hält Vettel den WM-Titel damit erstmals nicht mehr in der eigenen Hand. Selbst wenn er die restlichen vier Saisonläufe gewinnen sollte, könnte Hamilton sogar ohne weiteres Podium - etwa nur mit vierten Plätzen - zum vierten Championat cruisen.

Positive Zahlenspiele aus Vettel-Sicht existieren somit kaum noch. Immerhin aus eigener Kraft vertagen kann Vettel in Austin die WM-Entscheidung noch. Doch was kann den Deutschen - Vettel: "Zusammengerechnet wird erst am Ende" - wirklich noch optimistisch stimmen?

Zum Beispiel ein Blick in die (eigene) Formel-1-Geschichte. Motorsport-Magazin.com mit einem Rückblick auf große F1-Aufholjagden. Das sind Vettels sieben Mutmacher:

2010: Sebastian Vettel vs. Fernando Alonso & Mark Webber

Wie eine Aufholjagd aus aussichtsloser Lage noch glücken kann, das machte Vettel bereits selbst vor: In seinem ersten WM-Jahr, 2010, schien Vettel lange Zeit nie wirklich um die Krone zu kämpfen. Kein einziges Mal führte der Deutsche bis zum Finale die WM-Wertung an, lag zur Saisonhälfte 24, nach 13 der 19 Rennen sogar 31 Punkte hinter der Spitze.

Doch mit drei Siegen in den letzten vier Rennen gelang Vettel in Abu Dhabi mit perfektem Timing der Sprung an die Spitze. Trotz sieben Zählern Rückstand auf Webber und sogar 15 auf Alonso vor dem Finale schnappte sich Vettel den Titel, weil Ferrari und Red Bull die Strategien nur auf Alonso und Webber ausgerichtet hatten, daraufhin im Verkehr festhingen.

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2012: Sebastian Vettel vs. Fernando Alonso

Auch bei seinem dritten Titel fuhr Sebastian Vettel einem gewaltigen Rückstand hinterher. Genau zur Saisonhälfte lag der Titelverteidiger nach 10 von 20 Rennen stolze 44 Punkte hinter Leader Fernando Alonso. Doch der Spanier sollte auch in seinem dritten Ferrari-Jahr scheitern.

Nach drei Siegen am Stück übernahm Vettel nach dem 16. WM-Lauf in Korea die Spitze, rettete den Titel schließlich nach einem Herzschlagfinale samt Kollision, Dreher und Wetter-Chaos in Brasilien mit drei Punkten Vorsprung ins Ziel.

2007: Kimi Räikkönen vs. Fernando Alonso & Lewis Hamilton

Drei Jahre vor Sebastian Vettel 2010 war es ebenfalls ein lachender Dritter, der die Formel-1-Weltmeisterschaft mit einem atemberaubenden Finish noch für sich entschied: Kimi Räikkönen. Zwei Rennen vor Saisonende lag der Ferrari-Erbe Michael Schumachers 17 Punkte hinter Spitzenreiter Lewis Hamilton - bei damals noch nur zehn Punkten für einen Sieg ein gewaltiges Pfund. Zumal auch Hamiltons Teamkollege Fernando Alonso noch fünf Punkte vor dem Finnen rangierte.

Nur ein Rennen später wendete sich das Blatt jedoch dramatisch. Während Räikkönen im Regen von Shanghai sicher siegte, verwachste McLaren komplett, beorderte Hamilton auf völlig heruntergefahrenen Regenreifen viel zu spät an die Box. Die Folge: Der Brite strandete in der nassen Boxeneinfahrt im Kiesbett - Ausfall und spätes McLaren-Geschenk an Räikkönen, der dort zuvor 2003 und 2005 zwei Titel wegen mangelnder Zuverlässigkeit verloren hatte.

Doch noch immer waren die WM-Aussichten des Icemans vor dem Finale in Brasilien schlechter als die gleich beider McLaren-Fahrer: Mit noch immer sieben Punkten Rückstand auf Hamilton und drei auf Alonso ging es nach Interlagos. Dort dominierte Ferrari allerdings. Mit perfektem Teamwork siegte Räikkönen vor Massa. Das reichte, um Alonso zu schlagen.

Doch Hamilton war aus eigener Kraft allein nicht zu bezwingen. Dafür brauchte es mehr. Glück allein war es am Ende jedoch nicht: Rookie Hamilton ging die WM-Flatter. Erst fiel er durch Kollision in Runde eins auf P9 zurück, dann schaltete er auch noch irrtümlich in den Start-Modus. Nach einer halben Runde Schleichfahrt war Hamilton Letzter. Seine Aufholjagd endete auf Platz sieben zwei Positionen zu früh. Räikkönen war Weltmeister - mit einem Zähler Vorsprung auf die punktgleichen Alonso und Hamilton.

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1984: Niki Lauda vs. Alain Prost

Noch knapper als 2007 ging es 1984 zwischen Niki Lauda und Alain Prost zu. Nur ein halber Punkt trennte das McLaren-Duo in der Endabrechnung nachdem zuvor alles nach einem souveränen ersten WM-Titel für das aufstrebende Talent Prost ausgesehen hatte.

Doch der arrivierte Lauda spielte all seine Erfahrung aus, verwandelte 11,5 Punkte Rückstand nach acht der 16 Saisonrennen in den knappsten aller denkbaren Punktabstände. Dazu reichte Lauda dank extrem starker zweiter Saisonhälfte am Ende sogar ein zweiter Platz hinter Prost beim Finale in Portugal. Zuvor hatte sich Lauda den großen Rückstand durch sage und schreibe sechs Ausfälle in den ersten neun Läufen eingehandelt.

1976: James Hunt vs. Niki Lauda

Doch kennt Niki Lauda Aufholjagd auch auf die bittere Art. Acht Jahre vor seinem letzten und vielleicht größten Triumph hatte der Österreicher die genau gegenteilige Erfahrung gemacht, einen Titel trotz glänzender Ausgangssituation noch aus der Hand gegeben. Der erfolgreiche Aufholjäger damals hieß James Hunt.

35 Punkte lag Hunt nach neun von 16 Rennen schon hinter Lauda. Fünf Siege und drei weitere Podien hatten den Ferrari-Piloten gefühlt schon zur Halbzeit zum Weltmeister gemacht. Dann kam der Nürburgring. Feuerunfall Lauda auf der Nordschleife. Hunt siegte, Lauda musste schwer verletzt zwei Rennen pausieren.

Bei seinem Comeback in Italien führte Lauda jedoch noch immer mit 14 Punkten Vorsprung, legte sogar sofort wieder drei Punkte drauf, weil Hunt ausschied. Doch Lauda war nicht mehr ganz der Alte. Die Selbstverständlichkeit war weg. Hunt siegte zwei Mal in Folge.

Dennoch kam Lauda als Führender zum WM-Finale nach Fuji. Bei strömendem Regen gab Lauda das Rennen jedoch freiwillig auf, wollte nicht riskieren, dem Tod ein zweites Mal knapp entrinnen zu müssen. Hunt wurde Dritter - genau das Ergebnis, das er zum Titel brauchte.

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1981: Nelson Piquet vs. Carlos Reutemann

Mit fünf Podien, darunter nur ein dritter Platz, in Folge startete Carlos Reutemann 1981 glänzend in die Saison, führte so nach dem ersten Drittel bereits mit 12 Punkten Vorsprung vor Nelson Piquet. Zur knappen Saisonhalbzeit wuchs der Vorsprung noch einmal: 15 Punkte.

Doch nun begann der Abstieg des Argentiniers: Fünf Ausfälle standen gerade einmal drei Zielankünften gegenüber während Brabhams Piquet die gesamten letzten sechs WM-Läufe in den Punkterängen beendete, davon drei Mal auf dem Podium. Der erste Titel für den Brasilianer war perfekt - mit nur einem Zähler Vorsprung.

1964: John Surtees vs. Graham Hill & Jim Clark

Gegenüber der Gegenwart noch einmal dramatisch kürzer als in den 70er und 80er Jahren waren die F1-Saisons in den Anfangsjahren der Königsklasse bis hinein in die 60er Jahre. Umso bedeutender der 20-Punkte Rückstand John Surtees' nach fünf Saisonläufen 1964, sollten doch nur mehr fünf weitere Rennen folgen.

Surtees lag gerade einmal auf Rang sieben der Fahrerwertung, zwar nur knapp hinter gleich vier Piloten, doch wies an der Spitze nicht nur Jim Clark einen großen Vorsprung auf, sondern auch Graham Hill, der 16 Punkte vor Surtees lag.

Spitzenreiter Clark war am Ende jedoch nicht einmal Surtees größter Rivale, denn der Brite pachtete das Pech, schied vier Mal in Folge aus. So wurde Hill zum Hauptkonkurrenten des John Surtees, schied aber ebenfalls noch drei Mal aus. Surtees nutze die mangelnde Zuverlässigkeit der Konkurrenz perfekt: Zwei Siege und und zwei zweite Plätze bei nur einem Ausfall brachten dem Briten den Titel.

Damit ist Surtees bis heute der einzige Fahrer, der sowohl Formel-1- als auch Motorrad-Weltmeisterschaft gewonnen hat.

Die 7 Formel-1-Aufholjagden im Schnell-Vergleich:

Saison Pkte./Sieg Weltmeister Rückstand (Pkte.) GP gefahren Quote Rückstand / zu holende Pkte. WM-Vorsprung
1964 9 John Surtees 20 auf Clark 5/10 44,4% 1
1976 9 James Hunt 35 auf Lauda 9/16 55,6% 1
1981 9 Nelson Piquet 15 auf Reutemann 7/15 20,8% 1
1984 9 Niki Lauda 11,5 auf Prost 8/16 16% 0,5
2007 10 Kimi Räikkönen 17 auf Hamilton 15/17 85% 1
2010 25 Sebastian Vettel 31 auf Hamilton 13/19 20,7% 4
2012 25 Sebastian Vettel 44 auf Alonso 10/20 17,6% 3
2017 25 Sebastian Vettel ??? 59 auf Hamilton 16/20 59% -

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