Formel 1 / Analyse

Formel 1 Malaysia: Red Bull schneller als Ferrari und Mercedes?

Red Bull ist zurück im großen Spiel der Formel 1: In Malaysia gewann Max Verstappen vor Mercedes und Ferrari. Ist der Red Bull das schnellste Auto?
von Christian Menath
Malaysia 2017: F1-Diskussion über Vettel, Verstappen und Mercedes: (15:08 Min.)

Dr. Helmut Marko wusste es schon nach dem Qualifying des Malaysia GP 2017, dass Red Bull im Rennen eine Chance haben würde. Mit den Startplätzen drei und vier konnte der ehemalige Formel-1-Pilot gut leben. Obwohl sich Lewis Hamilton im Mercedes einmal mehr die Pole holte, wusste er um die Chance seiner beiden Piloten Max Verstappen und Daniel Ricciardo. "Der Mercedes rutscht, das wird im Rennen zum Problem", analysierte Marko.

Ob es tatsächlich das Rutschen und der dadurch erhöhte Reifenverschleiß war, ist fraglich. Doch das Ergebnis war für jedermann ersichtlich: Lewis Hamilton hatte in seinem Silberpfeil keine Chance. Es war nicht das erste Mal in der Formel-1-Saison 2017, dass Mercedes Probleme hatte. Doch es war das erste Mal, dass - abgesehen vom Chaos-Rennen in Baku - Red Bull davon profitierte.

Dass Max Verstappen mit Renault-Power am Ende der langen Start- und Zielgeraden Lewis Hamilton überholen konnte, ist mehr als nur ein Indiz dafür, dass Red Bull im Rennen schneller war. Dass es im Qualifying Mal wieder nicht reichte, ist für Red Bull nicht verwunderlich. "Wir haben einfach nicht diesen extremen Power-Modus, den unsere Konkurrenten haben", erklärt Red Bull Teamchef Christian Horner. "Ich bin mir sicher, dass das rund eine halbe Sekunde kostet." Fast genau diese halbe Sekunde fehlte Verstappen auf die Pole-Zeit von Hamilton.

Hätte Vettel Malaysia 2017 gewonnen?

Doch eine Frage beherrscht die Formel 1 seit Verstappens zweitem Sieg: Hätte der Niederländer auch gewonnen, wenn Sebastian Vettel von weiter vorne gestartet wäre? Kimi Räikkönen im Ferrari konnte sich immerhin fast zeitgleich mit Hamilton qualifizieren. Hätte er die Pace im Rennen halten können?

"Wir haben ein sehr schnelles Auto, wenn wir vorne starten, gewinnen wir das Rennen", ist sich Vettel sicher. Der Formel-1-Pilot fügt an: "Ich war die meiste Zeit des Rennens das schnellste Auto, wenn ich nicht in Dirty Air gefahren bin." Teamchef Maurizio Arrivabene stimmt zu: "Es war das ganze Wochenende klar, dass wire in konkurrenzfähiges Auto haben. Das konnte man an unserer Pace im Training, Kimis Startplatz und an Sebastians Aufholjagd im Rennen sehen."

Red Bull allerdings hält dagegen. Horner meint: "Ich glaube, wir hatten hier die Pace für alle Autos. Ich glaube, dass Sebastian am Ende des Rennens der Schnellste war, weil er sein Rennen von hinten nach vorne gefahren ist. Aber ich habe bei ihnen in frischer Luft kein einziges Mal eine Pace auf Soft oder Supersoft gesehen, die wir nicht auch hätten gehen können." Horner geht sogar noch weiter: "Es gab im Qualifying keine einzige Kurve, in der unser Auto langsamer war als das der Konkurrenz."

Ein seltenes Szenario in der heutigen Formel 1, dass sich Teams nicht gegenseitig stark reden, sondern die beste Pace für sich reklamieren. Das macht die Frage umso spannender: Wer war denn nun der Schnellste in Malaysia?

Ricciardo kein Maßstab für Red-Bull-Pace

Einige argumentieren mit Vettel und Ricciardo. Wenn der Ferrari-Pilot vom letzten Platz startet und am Ende mit einem Red Bull um Platz drei kämpft, dann muss der Ferrari schneller sein. Doch Ricciardo kam 22,5 Sekunden hinter Sieger Verstappen im gleichen Auto ins Ziel. Dazu musste Verstappen im Gegensatz zu Ricciardo nicht bis zum Ende pushen. Ricciardo war im Rennen einfach nicht auf Pace.

Vettel verteidigt sich: "Wenn man von hinten losfährt, ist es normal, dass man am Anfang sehr viel Boden verliert. Vorne haben sie sich auch nicht wirklich bekämpft, deshalb war es vorne ein langweiliges und sauberes Rennen. Da ist es schwer, Boden gut zu machen."

Tatsächlich verliert Vettel im Verkehr extrem auf Verstappen. Nach 20 Runden liegt er bereits mehr als 30 Sekunden hinter dem späteren Rennsieger. Doch auch wenn Vettel in der ersten Rennhälfte phasenweise freie Fahrt hatte, verlor er noch Zeit auf Verstappen. Doch der Vergleich hinkt etwas: Der viermalige Formel-1-Weltmeister und der Youngster waren auf konträren Strategien unterwegs. Vettel fuhr auf Soft los und wechselte auf Supersoft, Verstappen machte es genau umgekehrt.

Auf frischen Supersofts macht Vettel in freier Fahrt dann ordentlich Zeit auf den Führenden gut. Von 33 Sekunden schmilzt der Rückstand in 18 Runden auf 18 Sekunden. Pro Runde fuhr der Ferrari-Pilot fast eine Sekunde schneller als sein Red-Bull-Kontrahent. Doch Vettel gesteht später selbst, dass er bei seiner Aufholjagd etwas überpaced und seine Vorderreifen zu hart rangenommen hat.

In Runde 47 von 56 realisiert Vettel, dass er im Zweikampf gegen Ricciardo keine Chance mehr hat und steckt zurück. Am Ende wird Vettel so langsam, das manche glauben, er hätte nicht mehr genügend Benzin. Der Sprint auf den Supersoft-Reifen zur Rennmitte war hart erkauft.

Faire und repräsentative Vergleiche zwischen Verstappens und Vettels Pace sind schwer. Die schnellsten Rennrunden zeigen aber, dass Verstappen deutlich schneller konnte: Seine schnellste Rennrunde fuhr er in Runde 50 auf alten Soft-Reifen. Die Runde war nur 0,4 Sekunden langsamer als die von Vettel auf verhältnismäßig frischen Supersofts. Dabei ging es für Verstappen zu diesem Zeitpunkt um nichts mehr, Vettel musste schnellstmöglich auf Ricciardo aufholen.

Red Bull: Seit Saisonstart 1,5 Sekunden aufgeholt

Es wäre im Rennen ein spannender Zweikampf zwischen Verstappen und Ferrari geworden. Egal wer letztendlich gewonnen hätte, für Red Bull ist das ein großer Erfolg. "Vor allem in der zweiten Hälfte der Saison haben wir uns stark verbessert. Wenn wir bedenken, dass wir in Melbourne noch 1,5 Sekunden weg waren und hier das beste Auto hatten, zeigt das die harte Arbeit, die hinter den Kulissen in Milton Keynes gleistet wird", gibt Horner zu Bedenken.

Dass Red Bull in Singapur konkurrenzfähig war, hat niemanden überrascht. Malaysia allerdings schon. Red Bull hat die erste Saisonhälfte verschlafen, auch weil die Korrelation zwischen Windkanal und Strecke nicht richtig funktionierte. Dazu kam das Verbot der kniffligen Hydraulik-Aufhängung, was Red Bull aerodynamisch weiter zurückwarf.

Obwohl sich optisch am RB13 nicht extrem viel tat, fand das Team nach der Sommerpause extrem Pace. Selbst auf der Angstrecke von Monza war die Performance ordentlich. In Singapur kam dazu noch ein Aero-Update. Die Seitenkastenflügel sehen wie eine Kopie von Ferrari aus. In den vergangenen Jahren versuchte Red Bull den Motorennachteil mit besonders kleinen Flügeln zu kompensieren und verlor dadurch in den Kurven.

Red Bull blieb diesem Prinzip treu, fuhr in Malaysia sogar ohne T-Flügel. Trotzdem verloren die Bullen in den Kurven nicht. Deshalb sollte Red Bull nun auf allen Strecken Mercedes und Ferrari ärgern können. "Wir haben nun fünf weitere Rennen vor uns und jedes dieser Rennen ist wie ein Pokalfinale", freut sich Horner.

Malaysia 2017: F1-Diskussion über Vettel, Verstappen und Mercedes: (15:08 Min.)


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