Formel 1

Formel 1 Spa 2017: Darum ist Eau Rouge für die Ingenieure weiterhin ein Mythos

Eau Rouge kann mit den neuen Autos problemlos Vollgas durchfahren werden. Doch für die Ingenieure ist die Kurve weiterhin ein Mythos. Die Erklärung:
von Chris Lugert & Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - In den Anfangsjahren der Strecke in Spa-Francorchamps, als die Formel-1-Boliden bei weitem noch nicht über solche Abtriebswerte wie heutzutage verfügten, war Eau Rouge eine der gefährlichsten Kurven im gesamten Kalender. Nicht einmal im Traum war daran zu denken, diese Kurve Vollgas zu durchfahren. Belohnt wurde hier der absolute Mut.

Heute aber hat die Eau Rouge aus Fahrersicht ihren Reiz als Mutkurve zu einem großen Teil eingebüßt. Schon im vergangenen Jahr war es möglich, die Kurve Vollgas zu durchfahren, mit den neuen Boliden in dieser Saison, die noch einmal deutlich mehr Abtrieb generieren, ist es Normalität. "Durch den Weg, den der Sport geht, mit immer mehr Abtrieb, wird die Eau Rouge immer einfacher. Aber es ist immer noch eine tolle Kurve", sagte etwa Sergio Perez.

Deutlich höhere Belastungen für das Chassis

Doch während sich Eau Rouge für die Fahrer mehr und mehr zu einer Geraden entwickelt hat, ist der Reiz für die Ingenieure eher noch größer geworden. "Die größte Herausforderung sind wirklich die gestiegenen Belastungen. Es ist immer noch eine außergewöhnliche Kurve, mehr als jede andere Kurve ist sie eine Belastung für das Chassis", erklärte Andrew Green, Technikdirektor bei Force India.

Es sind 30 Prozent dazugekommen.
Andrew Green

Durch die neuen Boliden ist das Abtriebsniveau enorm angestiegen. Dabei geht es nicht um die reine Geschwindigkeit, denn diese hat sich in Eau Rouge kaum verändert. Vielmehr haben die G-Kräfte deutlich zugenommen. "Es sind 30 Prozent dazugekommen", liefert Green erstaunliche Werte. Enorme Belastungen für das Chassis.

"Als wir letztes Jahr begonnen haben, die Autos nach den neuen Regeln zu bauen, war das die Kurve, für die wir das Auto gebaut haben", berichtet Green. In keiner anderen Kurve im gesamten Rennkalender werden ähnliche Kräfte erreicht.

Doch warum ist Eau Rouge bei etwa gleicher Geschwindigkeit noch extremer geworden? Es sind nicht die lateralen Kräfte, die Eau Rouge so besonders machen. Von La Source ab geht es steil bergab Richtung Eau Rouge. Just im ersten Linksknick geht es dann extrem bergauf. Eine solche Kompression gibt es höchstens noch auf in der Fuchsröhre auf der Nordschleife - wo die Formel 1 schon seit Jahrzehnten nicht mehr fährt.

Die Kompressionen in Eau Rouge sind extrem - Foto: LAT Images

Gleichzeitig zur Kompression lenken die Boliden ein, werden noch einmal zusammengestaucht. Weil die Autos 2017 deutlich mehr Abtrieb generieren, sind die vertikalen Kräfte - Ingenieure sprechen gerne von Kräfte in der X-Achse - deutlich größer. Die kommen noch zur Kompression dazu. Dazu sind auch die Autos in dieser Saison schwerer - was sich ebenso auswirkt.

Die Bestätigung, wie genau die Prognose war, gab es am Freitag. "Als wir das erste Mal durchgefahren sind, konnten wir an den Daten sehen, wie genau wir waren. Es ist schön, wenn die Zahlen so passen und wir sind sehr glücklich darüber, was wir gesehen haben", so Green weiter.

Pouhon neues Highlight für die Fahrer

Im Vorfeld des Wochenendes war nicht nur Eau Rouge ein Thema. Auch die Doppellinks Pouhon stand auf der Agenda, gab es doch Stimmen, die davon ausgingen, dieser Abschnitt ginge auch Vollgas. Doch das ermöglichen selbst die neuen Boliden noch nicht. "Pouhon ist schnell, aber ich bezweifle, dass irgendwer sie Vollgas fahren wird. Ich bleibe vorher im siebten Gang und fahre sie auch im siebten Gang mit 270 km/h", berichtete Nico Hülkenberg zu Motorsport-Magazin.com.

Pouhon ist richtig knackig geworden, dann auch Kurve 12, 13, also direkt nach der Doppellinks. Der Teil macht richtig Spaß.
Sebastian Vettel

Sebastian Vettel betrachtet diesen Abschnitt noch aus einer ganz anderen Perspektive, Stichwort Fahrspaß. Für ihn habe der gesamte Mittelsektor mit den schnellen Kurven an Attraktivität gewonnen. "Pouhon ist richtig knackig geworden, dann auch Kurve 12, 13, also direkt nach der Doppellinks. Der Teil macht richtig Spaß. Das ist so mein Lieblingsabschnitt", sagte der Ferrari-Pilot.

Das könne Eau Rouge nicht mehr bieten. "Eau Rouge und Blanchimont sind dieses Jahr noch ein bisschen einfacher, weil die Autos auf der Geraden langsamer sind und mehr Abtrieb produzieren. Die gingen letztes Jahr schon voll, dieses Jahr dann erst recht", so der viermalige Weltmeister.


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