Formel 1 - Kommentar: Formel E keine Formel 1 Alternative

Boom aus Dieselgate und Orientierungslosigkeit

Audi, BMW, Mercedes und Porsche: Die Automobilhersteller zieht es in die Formel E. Aber nicht, weil die Serie so grandios ist, meint Christian Menath.
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Motorsport-Magazin.com - Schlag auf Schlag ging es zuletzt in der Formel E: Audi und BMW, die von Anfang an zumindest teilweise in die Elektrorennserie involviert waren, gaben jeweils vollständige Werksengagements bekannt. Kürzlich gab Mercedes den Ausstieg aus der DTM und den Einstieg in die Formel E bekannt, kurz darauf verkündete Porsche eine Neuausrichtung des Motorsport-Engagements und schloss die Kapitel WEC und Le Mans zugunsten der Formel E.

Seitdem ist die Formel E in aller Munde. Motorsportaffine Freunde sprechen mich auf die boomende Formel E an, am Sonntag war die Rennserie sogar das Titelthema der Tagesthemen in der ARD. Sorry an alle rEVoluzer, ich muss angesichts dieses Hypes mal etwas auf die Bremse treten - nicht zum Rekuperieren, sondern wirklich nur zum Bremsen.

Die Formel E ist - nur weil die Hersteller massenweise ankommen - noch lange keine Alternative zur Formel 1 und wird es auch nicht werden. Das Ende der Formel 1 läutet sie erst recht nicht ein. Man kann es sehen wie Ross Brawn, der mir nach dem Porsche-Einstieg sagte: "Ich verstehe den Reiz der Formel E: Die Formel E ist ein Event. Man schaut sich nicht ein Formel-E-Auto an, weil es aufregend ist."

Die Formel 1 ist verdammt schnell - die Formel E nicht - Foto: Sutton

Die Boliden in der Formel E sind gelinde gesagt (noch) unfassbar langsam im Vergleich zum konventionellen Motorsport. Klar, die Serie steht noch am Anfang, aber mit spektakulärem Motorsport hat das noch relativ wenig zu tun.

Die Formel E macht nur gut, was die Formel 1 jahrelang nicht gut gemacht hat: Statt in eine Negativspirale zu verfallen, wird dort alles durch die rosarote (hier vielleicht die biogrüne?) Brille gesehen. Die Serie hilft dabei: Die Kurse sind extrem eng und kurvig, so dass die langsamen Autos schneller aussehen. Dazu gibt es so enge Kurven, damit ein Kontaktsport provoziert wird.

Doch warum boomt die Serie, wenn sie nicht so toll ist? Dazu sollte man vielleicht das Wort Boom definieren. Die Zuschauerzahlen im deutschen TV sind absolut katastrophal. Teilweise haben die Rennen einen Marktanteil von 0,2 Prozent. An guten Tagen knacken die Übertragungen den Wert von 1,0 Prozent - auch dank dem Senderwechsel von Eurosport auf DMAX. Wenn die Formel 1 fährt schauen im Schnitt rund 30 Prozent aller TV-Zuschauer hin.

Natürlich kann man argumentieren, die Formel E ist neu, sie läuft auf einem Spartensender wie DMAX, während die Formel 1 seit 25 Jahren bei RTL übertragen wird. Ja, aber einen positiven Trend kann ich bei den Zahlen der Formel E nicht ablesen.

Warum aber kommen dann die Hersteller? Meiner Meinung nach aus zwei Gründen: Grund Nummer eins ist der Diesel-Skandal. Nachdem klar scheint, dass alle deutschen Hersteller in irgendeiner Form verwickelt sind, müssen sie ihr Image aufpolieren. Und wie lässt sich das besser machen als mit umweltverträglichem Rennsport?

Formel E noch extrem günstig

Dazu kostet ein Formel-E-Engagement quasi nichts. In der WEC haben Porsche und Audi jahrelang jeweils 300 Millionen Euro verschleudert. Mercedes soll sich durch den DTM-Ausstieg immerhin 50 Millionen sparen. Die Formel E ist dagegen ein Witz. De facto klingt es auch deutlich schöner, den Ausstieg mit dem Einstieg in eine andere Serie zu begründen. Wenn dieser Wechsel dann noch mit enormen Einsparungen verbunden ist - gern genommen.

Der zweite Grund ist die Zukunft: Die Hersteller hängen zur Zeit in der Luft. Sie wissen selbst nicht, wie die automobile Zukunft aussieht. Toto Wolff brachte es zuletzt auf den Punkt: "Wenn ich gesagt hätte, dass ein Lotus Elise mit einer zu großen Batterie der nächste relevante Hersteller wird, hätte es niemand geglaubt." Tesla baute, bevor eigene Fahrzeuge entwickelt wurden, zunächst herkömmliche Lotus Elise um und rüstete sie mit einem Elektro-Antriebsstrang aus.

Der Status der Königsklasse ist nicht in Gefahr - Foto: Sutton

Die Automobilhersteller wissen nicht, wohin die Reise geht. Ein Quantensprung der Batterietechnologie, der nötig wäre, um die Energiedichte auf ein sinnvolles Niveau zu bringen, ist nicht in Sicht. Deshalb wollen sie sich für alle Fälle breit aufstellen. Wenn das auch noch so gut mit dem Marketing einhergeht, dann umso besser.

Noch ist die Formel E aber weder sportlich besonders wertvoll, noch technisch. Denn viele Teile der Boliden sind Standard-Teile. Richtig interessant wird es erst, wenn nach und nach immer mehr Teile für die Entwicklung geöffnet werden. Dann drohen aber auch Probleme: Die Kosten werden höher. Und wie viele Rennserien schon gezeigt haben: Mit Herstellern werden die Probleme nicht besser.

Die Formel E hat Potential - aber nicht, um der Formel 1 Konkurrenz zu machen. Das kann und will sie auch nicht. Dass die Serie jetzt boomt - zumindest was die Hersteller angeht -, hat nichts damit zu tun, dass der Sport großartig oder traditioneller Motorsport tot wäre.


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