Formel 1

Österreich-Analyse: Wie Ferrari Räikkönen für Vettel geopfert hat

Sebastian Vettel hätte den Österreich GP fast noch gewonnen - dank der Hilfe von Teamkollege Kimi Räikkönen. Ferrari opferte den Finnen für Vettel.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Österreich GP war in dieser Saison kein Kracher. Der Red Bull Ring ist mit seiner Streckencharakteristik eigentlich für tolles Racing prädestiniert. Doch 2017 kam es erst gegen Ende des Rennens zu interessanten Zweikämpfen. Sebastian Vettel gegen Valtteri Bottas, Lewis Hamilton gegen Daniel Ricciardo. Kimi Räikkönen spielte zwar am Ende auf Platz fünf keine Rolle, sorgte aber maßgeblich dafür, dass es zu diesen Zweikämpfen kam.

Auf den vermeintlichen Frühstart von Mercedes-Pilot Bottas wird an dieser Stelle nicht genauer eingegangen. Motorsport-Magazin.com berichtete bereits ausführlich, warum der Finne nicht bestraft wurde. In der Renn-Analyse des Österreich GP nehmen wir die Strategien von Ferrari und Mercedes unter die Lupe, die durchaus für etwas Verwunderung sorgten.

Ausgangssituation Runde 17: Nachdem Lewis Hamilton an Sergio Perez und Romain Grosjean vorbeigegangen war, machte er sich an die Aufholjagd. In ebenjener Runde 17 hatte Hamilton auf Räikkönen, der zu diesem Zeitpunkt auf Rang vier lag, aufgeschlossen. 1,5 Sekunden trennten den Ferrari noch vom Mercedes.

Gleichzeitig zog vorne an der Spitze Bottas fröhlich davon. Rund fünf Sekunden hatte er zu diesem Zeitpunkt auf Vettel auf Platz zwei herausgefahren. Im Sandwich der Mercedes/Ferrari-Duos lag Daniel Ricciardo.

Bottas fährt Ferrari davon, Hamilton holt auf

Während sich Bottas immer weiter von Vettel absetzen konnte, biss sich Hamilton an Räikkönen die Zähne aus. Hamilton startete als einziger Pilot der Top-10 auf Supersoft-Reifen, alle anderen waren auf Ultrasoft unterwegs.

Nachdem Hamilton in Runde 31 noch immer nicht an Räikkönen vorbeigekommen war, entschied sich Mercedes dazu, den WM-Zweiten zum Stopp zu holen. Weil der Österreich-GP ein lockeres Einstopp-Rennen war, war Mercedes beim Zeitpunkt des Stopps relativ variabel.

Ferrari entschied sich mit Räikkönen dazu, Hamiltons Undercut nicht zu covern. Der Finne kam nicht sofort zum Stopp, sondern blieb draußen. Dabei war klar, dass Räikkönen mit dieser Strategie Zeit verliert. Während Hamilton auf frischen Ultrasofts schnellste Rennrunden fuhr, musste Räikkönen auf seinen abgefahrenen Ultrasofts weitermachen. 1,3 Sekunden hatte er zum Zeitpunkt von Hamiltons Stopp auf den Briten Vorsprung.

Räikkönen: Dachte, ich stoppe sofort nach Hamilton

"Ich dachte erst, wir kommen in der Runde nach Hamiltons Stopp, das hatten wir geplant", gesteht auch Räikkönen selbst. "Aber wir haben dann wahrscheinlich gesehen, dass er uns da schon überholt hatte. Deshalb ist die Entscheidung gefallen, draußen zu bleiben und nicht direkt hinter ihn zu fallen."

Tatsächlich wäre es knapp geworden, wäre Räikkönen eine Runde nach Hamilton zum Stopp gekommen. In den Sektoren zwei und drei seiner Outlap nahm Hamilton dem Finnen jeweils vier Zehntelsekunden ab. Trotzdem hätte noch die Chance bestanden, die Position zu halten.

Wäre es tatsächlich nur um Räikkönens Position gegangen, hätte Ferrari Hamiltons Undercut auch einfach verhindern können. Weil Räikkönen auf Ultrasofts startete und Hamilton auf Supersofts, war klar, dass sich das Reifenbild im zweiten Stint umkehren würde. Räikkönen hätte dann die länger haltenden Reifen gehabt, hätte also durchaus einige Runden früher kommen können.

Räikkönens Rennen für Ferrari zweitrangig

Doch es ging Ferrari nicht um darum, dass Räikkönen Hamilton hinter sich hält oder dass der Finne gar noch eine Chance auf Daniel Ricciardo gehabt hätte. Die Ferrari-Strategen nutzten den Weltmeister von 2007 geschickt, um Sebastian Vettel zu helfen.

Wäre Räikkönen früher reingekommen, hätte Hamilton zumindest freie Fahrt gehabt, bis er auf Ricciardo aufgeschlossen hätte. Mit dem Red Bull hätte er sich beim Überholen wahrscheinlich etwas leichter getan, als mit dem Ferrari - auch wenn es am Ende des Rennens nicht klappte. Am Rennende hatte Hamilton nur sieben Sekunden Rückstand auf Sieger Bottas - wo wäre er rausgekommen, hätte er nicht so viel Zeit hinter Räikkönen verloren? "Meine Rennpace war fantastisch, ich war der Schnellste", erklärte Hamilton richtig.

Räikkönen stoppte spät - Foto: Ferrari

Räikkönen blockiert Hamilton und Vettel

Dass Ferrari Räikkönen nicht vor Hamilton an die Box holte, ist damit also klar. Warum aber wartete Ferrari so lange? Der Finne kam erst in Runde 44 zum Stopp. Die Antwort lautet Bottas. Bottas selbst fuhr ebenfalls eine eigenartige Strategie: Normalerweise wartet der Führende - bei ausreichendem Abstand - so lange mit dem Stopp, bis der Zweitplatzierte kommt. Eine Runde später stoppt auch er.

Doch Bottas kam nicht direkt nach Vettel zum Reifenwechsel. Vettel stoppte in Runde 34, Bottas wartete bis Umlauf Nummer 41. Dabei verlor der Mercedes-Pilot enorm viel Zeit. Von acht Sekunden schmolz Bottas' Vorsprung nach den Stopps auf vier Sekunden. Nur deshalb kam der Mercedes-Pilot in den letzten Rennrunden überhaupt in die Bredouille, weil er durch seinen späten Stopp so viel Zeit verlor.

Die Erklärung für Bottas' merkwürdige Strategie ist Räikkönens merkwürdige Strategie. Weil Räikkönen so lange draußen blieb, musste auch Bottas so lange fahren. Wäre Bottas sofort nach Vettel zum Stopp gekommen, wäre er hinter Räikkönen zurückgefallen. Und dann hätte Räikkönen Bottas aufhalten können, wie Bottas es einst in Barcelona mit Vettel machte.

Bottas und Mercedes in der Zwickmühle

Bottas wollte vorne also den Vorsprung auf Räikkönen vergrößern, um vor dem Finnen wieder auf die Strecke zu kommen. Dazu benötigte er mehr als 20 Sekunden Vorsprung. Doch Bottas tat sich schwer, konnte nicht wirklich davonziehen. Irgendwann musste Mercedes aber die Reißlinie ziehen und Bottas zum Stopp holen, weil Vettel sonst noch mehr Zeit auf Bottas gutgemacht hätte.

Mercedes musste sich für das kleinere Übel entscheiden: Entweder nach dem Stopp hinter Räikkönen rauskommen oder weiter fahren und Zeit auf Vettel verlieren. In Runde 41 wollte man dann Bottas nicht noch mehr Zeit auf Vettel verlieren lassen - und holte den Finnen zum Stopp.

Die Strategie ging auf: Bottas konnte auf den frischen Reifen relativ einfach an Räikkönen vorbeigehen, verlor dabei relativ wenig Zeit. Noch weniger Zeit verlor dabei natürlich Teamkollege Vettel, weil Räikkönen just dann zu seinem Stopp kam, als Bottas vorbeigegangen war. Der Iceman verlor durch den späteren Stopp übrigens rund acht Sekunden - und hatte damit keine Chance mehr, im Kampf um Platz drei einzugreifen.


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