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Renn-Analyse: Darum verlor Vettel in Barcelona

Lewis Hamilton hat in einem unfassbar packenden Spanien GP Sebastian Vettel geschlagen. Dabei hatte Ferrari lange Zeit die besseren Karten. Warum verlor Vettel?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Spanien GP 2017 wird in die Geschichte eingehen: Nicht nur, dass sich Lewis Hamilton und Sebastian Vettel auf der Strecke einen für Barcelona-Verhältnisse unfassbaren Zweikampf lieferten, auch die Teams im Hintergrund spielten mit ihren Strategien eine entscheidende Rolle. Das Rennen wurde auf der Strecke und an der Boxenmauer zugleich entschieden - das machte den GP so besonders. Motorsport-Magazin.com erklärt, warum Vettel am Ende den Kürzeren gegen Hamilton zog.

Der gute Start half Vettel am Ende nicht - Foto: Sutton

In Russland war der Start der Grundstein für Valtteri Bottas' späteren Sieg. Die Erfahrung zeigt, dass vor allem in Barcelona Track Position über alles geht. Doch obwohl Vettel den Start gewann und als erster aus der Startrunde kam, konnte er am Ende den Sieg nicht heimfahren.

Lewis Hamilton konnte im ersten Stint überraschend gut an Sebastian Vettel dranbleiben. Die ersten Rennen sah es so aus, als hätte der Mercedes in Dirty Air größere Probleme als der Ferrari. Doch ausgerechnet auf der Aero-Strecke in Barcelona ging es plötzlich. "Das war für mich sehr ermutigend", gestand Mercedes Motorsportchef Toto Wolff nach dem Rennen.

Die starke Hamilton-Pace entging auch Ferrari nicht. Der Kommandostand der Roten hatte panische Angst vor einem Undercut des Briten. Die Angst ging soweit, dass Ferrari Vettel schon in Runde 14 zum ersten Reifenwechsel holte, um Mercedes zuvorzukommen. Vettel ging von Soft auf Soft.

Mercedes fürchtete Ricciardo

Tatsächlich war Mercedes auf den Undercut aus, allerdings fürchteten die Strategen Daniel Ricciardo. Das Führungsduo hatte sich noch nicht weit genug vom Red-Bull-Piloten abgesetzt, um nach einem Boxenstopp wieder vor ihm rauszukommen. Und tatsächlich kam Vettel hinter Ricciardo wieder auf die Strecke zurück. Doch Vettel machte kurzen Prozess und konnte schnell am Australier vorbeigehen - ein extrem wichtiges Manöver. "Von da an waren wir in der Defensive", erklärt Wolff.

Vettel machte kurzen Prozess mit Ricciardo - Foto: Sutton

Bis hierhin ging die Ferrari-Strategie perfekt auf. Mercedes musste reagieren und ging mit Hamilton auf eine alternative Strategie. In Runde 21 kam Hamilton zum Boxenstopp und holte sich die Medium-Reifen für den Mittelstint. Mercedes wollte für den Schlussangriff frische weiche Reifen haben, während man sich bei Vettel ältere Mediums ausrechnete.

Während Hamilton auf den frischen Mediums wieder Top-Zeiten fahren kann, kümmert sich Teamkollege Valtteri Bottas um Vettel. Bottas hatte zwar den gesamten ersten Stint mit dem Auto zu kämpfen, doch der Finne musste den Stint hinauszögern, um Vettel aufhalten zu können. Bottas gibt selbst zu: "Ich habe alles dafür getan, um Sebastian hinter mir zu halten und ihm Zeit wegzunehmen."

Bottas kostet Vettel acht Sekunden

Die Mercedes-Strategie geht auf: Zwar kommt Vettel in Runde 24 an Bottas vorbei, doch insgesamt hing er fünf Umläufe hinter dem Schleich-Benz. Rund acht Sekunden verlor Vettel durch Bottas. "Das macht es zu einem großartigen Teamresultat", freut sich Wolff.

Mit Bottas hatte es Vettel nicht so leicht wie mit Ricciardo - Foto: Sutton

Doch bis hierhin lag Vettel noch immer einigermaßen im Plan. Durch den frühen ersten Stopp und die schnelleren Reifen hatte er selbst nach der Bottas-Blockade noch einen kleinen Vorsprung. In freier Fahrt machte Vettel aus etwas mehr als drei Sekunden schnell sieben Sekunden. Bis zum Unfall zwischen Stoffel Vandoorne und Felipe Massa, der die Rennleitung in Runde 35 dazu veranlasst, die Strecke unter VSC zu setzen.

Doch es sieht zunächst so aus, als würden alle das VSC nutzen, um einen Boxenstopp einzulegen, außer des Führungsquartetts. Wobei Daniel Ricciardo schon meilenweit hinter Vettel und Hamilton lag. Als die Meldung 'VSC ENDING' erscheint, biegt Hamilton plötzlich in die Boxengasse ab. Ein Fehler? Hatte sich Mercedes zu spät entschieden?

Mitnichten. "Es war der magic call", freut sich Wolff. "Wir haben den Boxenstopp zu einem Zeitpunkt gemacht, an dem es so aussah, als würde das VSC bald enden. Sonst hätte Sebastian darauf reagieren können."

VSC Gefahr für Mercedes

Wären Vettel und Hamilton in der VSC-Phase zum Reifenwechsel gekommen, hätte Mercedes verloren - weil Hamilton den Vorteil der deutlich frischeren Reifen gegen Rennende verloren hätte. Ein gleichzeitiger Boxenstopp hätte die unterschiedlichen Strategien beim Reifenalter neutralisiert. Lediglich die Mischungen würden unterschiedlich bleiben, weil Vettel noch auf Medium musste.

Ich verstehe nicht, was beim zweiten Stopp mit meinem Vorsprung passiert ist.
Sebastian Vettel

Das wollte Mercedes unter allen Umständen verhindern und wartete so lange mit dem Stopp, bis man glaubte, das Vettel unter VSC nicht mehr nachziehen könnte. Wenn die Rennleitung die Mitteilung 'VSC ENDING' ausgibt, dauert es noch 10 bis 15 Sekunden, bis die Strecke wieder freigegeben ist. Das war genau ausreichend, um Hamilton noch einen Bonus beim Boxenstopp zu ermöglichen.

Ferrari zog eine Runde später nach - aber zu spät. Vettel fragte sich nach dem Rennen: "Ich verstehe nicht, was beim zweiten Stopp mit meinem Vorsprung passiert ist." Als Vettel zu seinem zweiten Stopp kommt, ist die Strecke längst wieder freigegeben. Hamilton verlor beim Stopp durch das VSC nur 16,5 Sekunden - Vettel verlor unter regulären Bedingungen 22,2 Sekunden, also knapp 6 Sekunden mehr.

Durch eine starke Outlap auf frischen Soft-Reifen lag Hamilton nach Vettels Stopp gleichauf mit dem Ferrari-Piloten. Bottas und der zu späte Stopp kosteten Vettel rund 14 Sekunden. Dafür hatte Hamilton jetzt zwar die bessere Reifenmischung, aber immerhin keinen Altersvorteil mehr bei den Pneus. Zudem sorgte der vorgezogene Stopp bei Mercedes dafür, dass Hamilton 30 Runden lang mit den Soft bis ins Ziel fahren musste.

Längere DRS-Zone hilft Hamilton

Für Hamilton war klar: Wenn er an Vettel vorbeigehen will, dann muss das schnell geschehen, bevor sein Vorteil mit den Soft-Reifen dahin ist. Doch ständige Überrundungen sorgten dafür, dass nicht nur Hamilton den Heckflügel klappen durfte, sondern auch Vettel. Das DRS-Fenster gilt auch bei Überrundungen.

Doch in Runde 43 hatte Vettel niemanden mehr vor sich - und Hamilton konnte den Ferrari auf Start und Ziel überholen. Dabei half ihm auch die DRS-Zone, die nach dem Fahrerbriefing am Freitag noch um 100 Meter verlängert wurde. "Das bringt ein paar Meter", rechnet Toto Wolff vor. "Am Ende waren es viele kleine Details."

Doch damit war das Rennen für Hamilton noch nicht ganz beendet: Der Brite musste seine Soft-Reifen managen und gleichzeitig einen Vorsprung von mindestens 2,5 Sekunden auf Vettel herausfahren. Diesen Vorsprung brauchte er, damit Mercedes eine Runde später reagieren hätte können, wenn Ferrari Vettel noch zu einem dritten Stopp geholt hätte. Denn Vettel hätte ohne Risiko stoppen können, Ricciardo war bereits komplett außer Reichweite.

Kein Crossover-Punkt zwischen Soft und Medium

Doch Ferrari holte Vettel nicht noch einmal und Hamilton gewann. Vettels Medium-Reifen waren gegen Rennende kein Vorteil mehr. "Weil der Verschleiß im Rennen viel geringer war als die beiden Tage zuvor", erklärt Pirellis Mario Isola. "Deshalb gab es diesen Crossover-Punkt zwischen den beiden Reifenmischungen nicht. Auch wenn die Delta-Zeit zwischen Medium und Soft viel geringer war als Freitag und Samstag, kam der Punkt im Stint nicht, an dem der Medium schneller als der Soft wurde."

Wie eng das Rennen war, zeigt auch die Führungsrunden-Bilanz: Vettel führte 32 von 66 Runden lang den Spanien GP an, Hamilton 31 Runden. Die restlichen drei Runden entfallen auf Bottas, als er Vettel blockte. Ohne Bottas und den VSC-Bonus hätte Vettel wohl noch mehr Führungsrunden und am Ende auch den Sieg geholt. Hätte Ferrari Vettel eine Runde früher zum zweiten Stopp geholt, hätte er zumindest im letzten Stint sechs Sekunden Vorsprung auf Hamilton gehabt - Ausgang offen.


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