Formel 1 / Interview

Bob Bell: Unsere Gegner heißen McLaren & Ferrari

Trotz der Schwächephase der Scuderia Ferrari, sieht der Renault Technikchef Bob Bell die Roten noch immer als harten Gegner an.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Das erste Viertel der Saison 2005 liegt hinter uns, und der Renault R25 scheint der Konkurrenz nicht mehr derart überlegen wie noch vor einigen Wochen. Wie sieht die Entwicklung des Autos aus, um weiter vorne zu bleiben?

Bob Bell: Ich sehe vor allem zwei Teams als unsere härtesten Gegner: McLaren und Ferrari. Die Scuderia verfügt über ein ausgezeichnetes Rennauto. Beim Grand Prix von Imola schienen sie erstmals auch in puncto Reifen konkurrenzfähig zu sein. Auch wenn sie diese Leistung seitdem nicht bestätigen konnten, wird mit ihnen im weiteren Saisonverlauf zu rechnen sein. Dass McLaren sich derzeit so stark präsentiert, überrascht mich überhaupt nicht. Bereits während der Testfahrten im Winter ging es zwischen uns und den "Silberpfeilen" stets sehr knapp zu. Kimi Räikkönen setzte bereits beim Grand Prix von San Marino ein Ausrufezeichen. In Spanien gelang ihm dann der Durchbruch. Ich glaube, dass McLaren derzeit etwas stärker ist als wir. Das heißt, dass wir noch härter arbeiten müssen, um sie wieder zu überholen.

Ebenso wie der McLaren in Barcelona, präsentiert sich der Renault R25 an diesem Wochenende in vielen Bereichen modifiziert. Kann das den Ausschlag geben?

Bob Bell: Ich glaube, ja. Der Abstand zwischen McLaren und uns ist nicht allzu groß. Wir reden hier von maximal wenigen Zehntelsekunden pro Runde. Die Silbernen fuhren in Barcelona erstmals mit einer überarbeitetn Aerodynamik. Hier in Monte Carlo feiert nun unser neues Paket sein Debüt. Ich glaube dass es zwischen den Teams in diesem Rhythmus weitergeht - abhängig von den jeweiligen Entwicklungsständen. Bei einigen Läufen werden die schneller sein, bei anderen werden wir einen Vorteil haben. Es wird bis zum Ende der Saison spannend bleiben. Als Sieger geht der hervor, der die bessere Zuverlässigkeit erreicht und ein hohes Tempo bei der Weiterentwicklung aufrechterhält. Wir wissen also, was wir zu tun haben.

McLaren und Ferrari können auf größere Ressourcen zurückgreifen als das Renault F1-Team. Wie wirkt sich dieser Unterschied aus?

Bob Bell: In der Theorie sollten die beiden Teams bessere Arbeit abliefern, weil sie über mehr Möglichkeiten verfügen als wir. Aber die Formel 1-Weltmeisterschaft wird nun einmal nicht in der Theorie ausgefahren. Ich habe großes Vertrauen - nicht nur in unsere Fähigkeiten und unsere Ideen, mit denen wir unsere Performance stetig verbessern, sondern auch in unsere effiziente Arbeitsweise, mit er wir sicherstellen, dass nur die Komponenten im Auto Verwendung finden, die uns in puncto Leistung nach vorne bringen. Ich bin deshalb davon überzeugt, dass wir mit Ferrari und McLaren absolut mithalten können.

Sprechen wir über ihre Fahrer: Fernando stand in den vergangen Monaten sehr im Rampenlicht...

Bob Bell: Bei der Frage nach dem besten Fahrer im Feld kommt man an dem Namen Fernando Alonso nicht vorbei. Man muss ihn in einem Atemzug mit Michael Schumacher und Kimi Räikkönen nennen. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass wir Giancarlo Fisichella in den vergangenen Grand Prix mit seinem Auto im Stich gelassen haben. Auch er hat in dieser Saison bislang einen fantastischen Job erledigt. Nicht zuletzt siegte er beim Auftakt in Melbourne. Und in Barcelona fuhr er ebenfalls stark. Unter normalen Umständen wäre er Zweiter geworden. Ich habe großen Respekt vor "Fisicos" Leistung und seiner Einstellung.

Hat Fernando im Vergleich zum Vorjahr ein nochmals höheres Niveau erreicht?

Bob Bell: Fernando setzt in diesem Jahr fort, was sich bereits in der Schlussphase der Saison 2004 andeutete, als er in seiner Konzentration auf den Sport und auch in seiner persönlichen Entwicklung einen Schritt nach vorne machte. Schnell war er schon immer, doch in den vergangenen zwölf Monaten konnte jeder sehen, dass er auch reifte. Fernando ist ein sehr intelligenter Rennfahrer, der Probleme schnell erkennt und mit ihnen umzugehen weiß. Wie er zum Beispiel beim San Marino-Grand Prix dem Druck von Michael Schumacher standhielt - einfach großartig.

Wie beurteilen Sie die Konkurrenz? Wer hat Sie bislang vor allem überrascht?

Bob Bell: Jarno Trulli ist wirklich hervorragend in die Saison gestartet. Das überrascht mich allerdings nicht wirklich, da wir immer von seinen Fähigkeiten überzeugt waren. In diesem Jahr gelang es ihm bisher sehr gut, seine Leistung auf einem konstant hohen Niveau zu halten. Es freut mich, dass er gute Ergebnisse einfahren und regelmäßig das Podium anvisieren konnte. Überhaupt hat das Toyota-Team über den Winter offensichtlich sehr gut gearbeitet. Williams hingegen konnte bislang noch nicht einlösen, was sich viele von ihnen erwartet haben. Ganz im Gegensatz zu McLaren, die wie erwartet sehr stark auftreten. Bei Ferrari hat mich überrascht, auf welche Art sie die Saison angegangen sind. Für die ersten Rennen mit dem alten Auto anzutreten und dann hektisch die Entwicklung des neuen Modells voranzutreiben, ist für Ferrari eine eher ungewöhnliche Taktik.

Die Saison scheint nun langsam den Punkt zu erreichen, an dem die Auswirkungen der freiwilligen Testbeschränkung der meisten Teams greift. Sehen Sie das auch so?

Bob Bell: Das stimmt. Im Endeffekt hält uns die Vereinbarung davon ab, das zu tun, was wir am liebsten jeden Tag machen würden. Gleichzeitig führte die Beschränkung dazu, dass wir bei unseren Testfahrten noch effizienter arbeiten als bislang. Wir müssen Prioritäten setzten und sehr schnell auf mögliche Wetterumschwünge reagieren. Ferrari kennt diese Probleme nicht. Bei der Entwicklung neuer Komponenten müssen wir bestimmte Deadlines einhalten. Wenn uns in diesen Phasen schlechtes Wetter einen Strich durch die Rechnung macht, bekommen wir Probleme. Aber immerhin haben wir die Test-Beschränkung freiwillig unterschrieben. Und sie hat genau die Auswirkungen, die wir uns von ihr versprochen haben: Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Kosten deutlich reduziert.

Erweist sich die Tatsache, dass die Mehrzahl der Teams auf Michelin vertraut, für das Renault F1-Team als Vorteil?

Bob Bell: Es besteht kein Zweifel darüber, dass die Reifenhersteller zwei sehr unterschiedliche Philosophien verfolgen. Michelin absolviert mit seinen Partnerteams zwar eine ungeheure Menge an Kilometern - aber ob das wirklich ein Vorteil ist, vermag ich nicht zu sagen. Immerhin dürfen wir nicht vergessen, dass jedes Team andere Ansprüche stellt. Und Michelin geht auf jeden einzelnen dieser Wünsche ein - auch wenn sie vielleicht im Gegensatz zu den Forderungen anderer Partnerteams steht. Die Verantwortlichen bei Michelin behandeln wirklich alle Partner gleich. Dieser Mehraufwand ist nicht zu unterschätzen.

Bislang präsentierte sich Renault F1 hier in Monaco sehr konkurrenzfähig...

Bob Bell: Es lief wirklich alles nach Plan. Wir gingen davon aus, dass wir hier schnell sein würden. Das neue Aerodynamikpaket erfüllt unsere Erwartungen. Beide Piloten agieren fehlerfrei und leisten großartige Arbeit. Es gibt keinen Grund, warum es nicht genau so weitergehen sollte.


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